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So ist die Generation Y wirklich

02/09/2015 10:10 CEST | Aktualisiert 02/09/2016 11:12 CEST
Miami Herald via Getty Images

Beliebt war die Generation Y noch nie, doch seit geraumer Zeit lese ich nur noch Dinge wie „Unsicher, ziellos und wenig belastbar", oder „... ihr wollt am liebsten bequem mit der Seilbahn auf den Gipfel ...". Die Kritik bricht wie ein Sommergewitter über uns herein. Doch warum?

Kaum Gegenwehr

Leider gibt es kaum Gegenwehr und so wird die Generation Y immer häufiger von Personen kritisiert und bemängelt, die selbst mit völlig anderen Werten aufgewachsen sind, unter anderen Voraussetzungen den Arbeitsmarkt eroberten und nun glauben, uns erklären zu müssen, was denn mit uns alles nicht stimme und was wir falsch machen.

Doch das einzige wirkliche Problem hierbei ist, dass einfach alle meiner Generation über einen Kamm geschoren werden und somit viele zu Unrecht vorverurteilt werden.

Sicherheit, Freiheit aber auch Kontinuität

Meist sind es Argumente wie "die ganze Generation Y fordert mehr Sicherheit, Freiheit aber auch Kontinuität" und zwinge den zukünftigen Arbeitgeber mit Argumenten wie: „Wenn Sie mir das nicht bieten, finde ich sicher jemand anderen, der bereit dazu ist."

Fragen wie: „Kann ich dann eigentlich auch ein Elternjahr in Anspruch nehmen?" werden im Bewerbungsgespräch gar nicht gerne gehört, doch ist es uns denn zu verdenken?

Wir sind in einer Zeit aufgewachsen in der die Gesetze der Physik scheinbar nicht mehr gelten

Aus Handys, die so groß wie eine Zucchini waren, wurden Hochleistungsrechner in handlichem 5-Zoll-Format mit einer Kamera, die eine weit bessere Qualität liefert als die Digitalkameras vom letzten Weihnachtsschlussverkauf.

Eine Raumsonde landet nach einem zehnjährigen Flug auf einem Kometen in 1 Milliarde Kilometer Entfernung. (Um es anschaulicher darzustellen, das entspricht einer Distanz von etwa 161.000 Mal Frankfurt - New York).

In London liefert Amazon etwas online Bestelltes innerhalb einer Stunde an den Kunden aus und plant automatisierte Drohnenzustellung für alle Bestellungen.

Alles ist globalisiert, privatisiert, genmanipuliert ...

Im Supermarkt kann ich, wenn ich nicht zu viel Geld ausgeben will, Putenfleisch aus fernen Staaten kaufen, das einen Bruchteil dessen kostet, was es von heimischen Bauern kosten würde. Einziger Unterscheid? Dort bekomme ich gleich meine Antibiotika-Dosis vorsorglich für meine nächste Grippe im Winter gratis dazu.

All diese Dinge sind nicht nur eine Errungenschaft, sie bringen uns auch zum Nachdenken über die Zukunft, unsere Zukunft, denn die unausweichliche, alles entscheidende Frage stellt sich: Wie soll das weiter gehen?

Eine Staatskrise hier, ein Religionskrieg da, und dazwischen drin irgendwo, in regelmäßigen Abständen, Wirtschaftskrisen, die uns klar machen, nichts ist sicher. Von heute auf morgen kann es passieren, dass das Geld am Bankkonto verschwunden ist, niemand dafür haftet, die Firma, bei der man arbeitet, pleite ist, und man sprichwörtlich durch die Finger schaut. All diese Dinge sind in greifbarer Nähe, schalten Sie mal die Abendnachrichten ein.

Die Generation Y sucht mittlerweile einfach Sicherheit bei einem Wirtschaftsgiganten oder Vater Staat

Ich werde Sie vielleicht enttäuschen, wenn ich Ihnen mitteile, dass eines der häufigsten Themen, die in meinem Freundeskreis diskutiert werden, die Zukunft betrifft. Wie geht es weiter, wenn uns das Öl ausgeht? Gibt es die Klimaerwärmung wirklich? Was passiert, wenn denn nun im Nahen Osten einmal einer nicht mehr nur Blufft? Warum findet der Islamische Staat bloß so großen Zuspruch bei jungen Leuten der ganzen Welt, die bereit sind, dafür zu sterben?

All das sind Themen, die uns direkt betreffen, und wenn sie es heute noch nicht tun, wären wir naiv, wenn wir wirklich glauben, dass nicht der Tag kommt, an dem uns das Wasser wirklich bis zum Hals steht.

Und nun muss ich Ihnen Recht geben, die Generation Y sucht mittlerweile Großteils einfach Sicherheit bei einem Wirtschaftsgiganten oder Vater Staat. Doch das ist meiner Meinung nach nur natürlich in solch einer Situation.

Kann man es ihnen verdenken?

Viele sehen einfach keinen Grund dazu, unnötig etwas zu riskieren, wenn es auch anders geht. Kann man es ihnen verdenken? Würde denn die Henne, wenn der Fuchs sie jagt, nicht auch eher in den schützenden Stall flüchten als ihr Leben zu riskieren und weiter im Freien bleiben? Doch es gibt auch in unserer Generation nicht nur Hennen, die zurück in den Stall laufen, sondern im Freien bleiben und plötzlich zu fliegen beginnen.

Doch wenn die Henne nicht weiß, dass sie fliegen kann, wird sie immer versuchen zu laufen anstatt zu fliegen.

Kehrseite der Medaille

Man muss aber auch die Kehrseite der Medaille betrachten, denn dort finden sich junge, innovative Leute, die bereit sind, alles zu riskieren, um ihre Ideen zu verwirklichen. Leider Gottes fällt es mir auch immer häufiger auf, dass der Wille, etwas zu bewirken, meist dem Verlangen nach Sicherheit weichen muss.

Die Startup-Szene blüht und gedeiht, jedoch überall anders außer in Deutschland und Österreich. Wenn ich auf Kickstarter nach Gleichgesinnten suche und Projekte unterstütze, die mir persönlich zusagen, wird mir zunehmend klarer, dass, wenn nicht bald etwas geschieht, dieser Trend beinahe unbemerkt an uns vorbeizieht.

Kaum ein Projekt oder Technologie-Startup stammt aus Österreich oder Deutschland. Die Gründe dafür liegen erstmal nicht gleich auf der Hand. Klar ist die Startup-Situation in westeuropäischen Ländern wie Österreich und Deutschland nicht die beste, da die Volkswirtschaft eher auf bereits etablierte Unternehmen zugeschnitten ist und ein Eindringen in einen bestehenden Markt beziehungsweise das Erschließen eines neuen Marktes erschwert.

Vermeintlichen Innovationslosigkeit

Doch dies ist nicht der Hauptgrund unserer vermeintlichen Innovationslosigkeit. Viele der uns vorangegangen Generationen mussten innovativ sein, um zu überleben, um Wohlstand zu schaffen.

Heutzutage ist es verhältnismäßig einfach, sich Wohlstand zu schaffen. Und genau hier liegt das Problem, da wir in unserer Ausgangssituation einen bereits befriedigenden Wohlstand vorfinden, sehen viele keinen Grund mehr, noch großartig etwas zu ändern, da sie zufrieden sind damit, wie es ist. Meine Generation kehrt sich immer mehr dem Ich zu und verschlimmert so die vorherrschende Situation der Innovationsarmut leider stetig.

Keine Idee ist dumm oder verdient weniger Beachtung als eine andere, alles ist möglich

Doch es sind um Gottes Willen nicht alle von uns so. Ich selbst kam glücklicherweise meist in den Genuss eines höchst kreativen und innovativen Freundeskreises, und nicht immer muss sich dies im Gründen eines Startups oder Programmieren einer neuartigen App für das Smartphone widerspiegeln.

Vielmehr geht es bei Innovation doch darum, mit bestehenden, vorhandenen, teilweise völlig unpassenden Dingen eine Lösung für ein Problem zu finden, das ein Realist schon längst abgeschrieben hätte. Auch Versagen ist nötig, um für das nächste Mal besser gerüstet zu sein. Dabei gewinnt man mehr Erfahrung, Wissen und Teamfähigkeit als aus einem „Success".

Ein Team zum Fortführen eines Projekts, welches ein voller Erfolg ist, zu motivieren, ist keine Kunst, doch ein Team, das am Boden zerschmettert in seinen Einzelteilen liegt, wieder zu motivieren, weiterzumachen, das ist die Champions League.

Doch Innovation beinhaltet natürlich nicht zwingend reale Dinge, oft sind es auch nur Gedankenspiele, ewige Diskussionen über scheinbar völlig unrealistische Dinge, wie wir denn etwas anpacken würden. Das Lösen fiktiver Probleme. Der Kreativität, Innovation in der Gruppe freien Lauf lassen. Keine Idee ist dumm oder verdient weniger Beachtung als eine andere, alles ist möglich.

Es wird schlicht nicht die Aufgabe meiner Generation sein, das Rad neu zu erfinden

An uns liegt es nun, die Zukunft der Welt zu gestalten und diese für weitere Generationen zu erhalten. Natürlich kommt jetzt wieder: "Diese Tagträumer, noch nie gearbeitet und schon die Welt verbessern wollen." Und ich kann Ihnen getrost sagen, JA genauso ist es, und genau solche Leute wird es brauchen, um die Welt tatsächlich auf den richtigen Weg zurück zu bringen, und zwar weg von dem Weg, den IHRE und die Generationen davor eingeschlagen haben.

Ich erspare mir jetzt hier die Ausführung, was denn aktuell so alles schiefläuft, da Sie es ja hoffentlich genauso gut wissen wie ich.

Und es wird schlicht nicht die Aufgabe meiner Generation sein, das Rad neu zu erfinden, sondern neue Möglichkeiten zu finden, das Geschaffene zu kombinieren und damit bestehende Probleme zu lösen.

Innovation

Das Schlüsselwort, welches mir hierzu einfällt, ist Innovation. Nur, um innovativ und produktiv zu sein, ist ein Arbeiten, wie Sie es vielleicht kennen, nicht mehr nötig, vielmehr ist es ein Arbeiten, in dem es eine gesunde Work-Live-Balance gibt und eine/ein erfolgreiche/r Geschäftsfrau/Geschäftsmann sich auch nicht vor dem Karriereaus fürchten muss, wenn ein Elternjahr in Anspruch genommen wird.

Meiner Meinung nach ist dies ja ohnehin besser für sowohl den Mitarbeiter als auch das Unternehmen, um neue Denkweisen und Ansätze einzubringen und nicht nur stur dahinarbeitende „Maschinen" im Büro sitzen zu haben.

Denn wenn man eines gelernt hat aus den Vorgehensweisen der Innovations-Giganten wie Google, dann ist es, dass technologische Innovation zusammen mit seinem Geschwisterchen soziale Innovation unabdingbar für stetigen Fortschritt sind. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Natürlich fordern wir viel

Und natürlich fordern wir viel, flexible Arbeitszeiten, eine Möglichkeit fürs Workout vor, nach oder bei der Arbeit und, und, und - die Aufzählungen in den meisten Artikeln über die Generation Y nehmen noch lange kein Ende. Doch all das dient letzten Endes doch nur dem Schaffen einer Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt und bereit ist, dafür mehr zu leisten.

Wir wollen doch nichts Absurdes, vielmehr geht es auch darum, dass ein Unternehmen zeigt, dass ihm seine wichtigste Ressource, nämlich seine Mitarbeiter, etwas bedeutet, und es bereit ist, etwas dafür zu tun.

Es profitieren doch nicht nur die Mitarbeiter davon. Bei Arbeitsverträgen, die heute zu meist nur noch All-In-Verträge sind, bei denen Überstunden pauschal abgegolten werden, egal, wie viele sich anhäufen, weiß jeder, der 1 und 1 zusammenzählen kann, dass hier eher mehr als weniger gearbeitet wird.

Die Firma ist der Boss

Würden denn Sie in so einem Fall an einem Arbeitsplatz arbeiten wollen, an dem Sie sich nicht wohlfühlen, an dem Ihnen vermittelt wird, das die Firma der Boss ist und Sie am Ende des Tages doch nur zum Arbeiten hier sind und gefälligst mal Ihre Interessen hinter die der Firma stellen sollen?

Glücklicherweise sehen mittlerweile schon sehr viele Firmen diesen Zusammenhang zwischen Technologie und Sozialem, sie kümmern sich um ihre Mitarbeiter. Denn die haben es verstanden: Ein glücklicher Mitarbeiter leistet mehr, ist innovativer und nicht zuletzt gewillt, für das gleiche Gehalt mehr zu leisten. Viel wichtiger als Geld ist jedoch das Gefühl, etwas bewegen zu können, zusammen etwas zu leisten und dafür selbst die Lorbeeren zu ernten.

Da diese „innovative" Art der Arbeit jedoch keine zwingende physische Anwesenheit der Mitarbeiter erfordert, sollte doch mittlerweile auch das Arbeitsmodell der „Anwesenheitspflicht" für gewisse Mitarbeitergruppen überholt sein, finden Sie nicht?

Was spielt es denn für eine Rolle, wo ich meine Arbeit mache, solange ich sie gut mache und das Resultat stimmt? Vielleicht bin ich ja wesentlich produktiver, wenn ich mittags zwei oder drei Stunden mit dem Mountainbike unterwegs bin und dafür abends länger bleibe? Wie ich finde, sollte man die Entscheidung der/dem Mitarbeiterin/Mitarbeiter überlassen, was denn für sie/ihn das Beste ist.

„Freizeit" in der Arbeit

Natürlich ist dies nicht in allen Positionen möglich, oft ist die physische Anwesenheit die Grundvoraussetzung zur erfolgreichen Durchführung des Jobs, doch da zählen dann umso stärker die Arbeitsumgebung und die Möglichkeiten, die einem dort geboten werden. Wenn man als junge, hochproduktive Arbeitskraft schon viel seiner „Freizeit" in der Arbeit verbringt, will man doch wenigstens auch etwas geboten bekommen.

Wie schon gesagt, die Dinge, die gefordert werden, sind weder unverschämt noch frech, vielmehr führen sie zu einer Aufwertung und Verbesserung. Nicht umsonst bieten mittlerweile fast alle Unternehmen in der IT-Branche ihren Mitarbeitern schier unendliche Möglichkeiten in und um die Arbeit. Dies korreliert nicht durch Zufall mit deren Erfolg. Diese Unternehmen sind genau deshalb so erfolgreich.

Von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird viel verlangt, jedoch im Gegenzug wird ihnen auch viel geboten. Doch nicht nur in der IT-Branche wir hier etwas unternommen. Sogar in der etwas in die Jahre gekommenen Airline Industrie regt sich hier etwas. Ryanair eröffnete vor Kurzem eine neue Firmenzentrale.

In einem Artikel einer einschlägigen Luftfahrtnews-Website schreibt man: "Der neue Firmensitz im Airside Business Park von Swords soll die Kreativität der Belegschaft anregen. Den Mitarbeitern stehen Billiardtische, Putting Greens und eine übergroße Rutsche zur Verfügung."

Wir sollten auch einmal Danke sagen

All diese Veränderungen sind nur der Anfang eines großen und inzwischen bitter nötigen Umdenkens in der Weltwirtschaft. Doch eines, das wissen auch wir, ist sicher: Am Ende des Tages ist nichts sicher.

Deshalb nehmen wir unser Leben selbst in die Hand und machen unser Ding, sei es bei einem IT-Riesen, einer Airline, als Landschaftspfleger oder in einem Startup, wir werden es gut machen, da wir das Glück haben, alles machen und erreichen zu können, was uns glücklich macht. Wir sollten auch einmal Danke sagen, dass uns diese Möglichkeiten überhaupt geboten werden.

DANKE, wir werden euch nicht enttäuschen, doch enttäuscht uns bitte auch nicht!

Lesenswert:

Video: Anfängerfehler: Getränkelieferant scheitert an Bierkästen - mit Folgen

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