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Warum wir aufhören müssen, immer "eigentlich" zu sagen

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FRAU GLUECKLICH FREIHEIT
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Eigentlich hätte ich lieber eine Ausbildung gemacht statt zu studieren. Eigentlich würde ich viel lieber Schriftstellerin sein. Oder Handtaschen designen. Oder bei der Feuerwehr arbeiten. Eigentlich bin ich gern unter Menschen und total charismatisch. Doch anfangs bin ich schüchtern und tue mich schwer, aktiv neue Kontakte zu knüpfen.

Eigentlich hätte ich heute lieber die enge Hose angezogen. Aber vielleicht sehe ich darin dick aus. Eigentlich würde ich gern eine Weltreise machen. Eigentlich wollte ich mich um die Manager-Stelle bewerben. Aber ich habe mich nicht getraut. Eigentlich habe ich keine Lust, ständig die Aufgaben meines Kollegen zu übernehmen. Eigentlich will ich die Facebook-Freundschaftsanfrage meines Chefs nicht annehmen. Eigentlich hatte ich noch so viel vor.

Eigentlich. Aber...

"Du traust dich nicht!"

Bäm. In your face. Zugegeben, auch "in my face". Okay, Handtaschen wollte ich nie designen. Aber im Grunde ist es doch so: Wir tagträumen alle. Und neigen dazu, ECHTE Wünsche zu Tagträumen zu deklarieren. Weil sie nicht in dieses enggeschliffene vorgegebene Uhrwerk passen, in welchem wir uns einzuordnen haben.

Denn einem "Eigentlich wollte ich..." ging immer ein "Irgendwann werde ich..." voraus. Und irgendwo dazwischen kam es zu einem Knacks. Der Traum bekam Risse und schien plötzlich nicht mehr richtig greifbar. Wurde zerredet. Oder vergessen. Oder beides.

Mehr zum Thema: Wenn das System dich am Leben hindert: Befreie dich deinen Träumen zuliebe!

Aber Träume zu haben ist genau das, was uns als Menschen doch auszeichnet. Was uns bewusst oder unbewusst immer begleitet. Warum sonst findet man das mittlerweile abgedroschenste aller Zitate "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" als Wandaufkleber in deutschen Haushalten, auf Heckscheiben von gepimpten Opel Corsas oder als Postkarte mittels Magnet auf dem Kühlschrank befestigt?

Wollen wir nur noch träumen, dass wir träumen? Wenn man einst "irgendwann einmal" eigentlich etwas vorhatte zu tun. Wann, wenn nicht jetzt? Und wenn nicht jetzt, warum dann nicht jetzt?

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Doch es geht nicht immer nur um Träume, wenn wir viel zu oft "Eigentlich" sagen. Manchmal geht es auch um das soziale Miteinander, Regeln des Anstands und der Höflichkeit.

"Wir wollen gemocht werden."

Der Angst davor, "Nein" zu sagen. Schließlich wollen wir nicht negativ auffallen. Wir wollen gemocht werden. Oder zumindest nicht nicht gemocht. Wir glauben, dass es manchmal bequemer ist, den anderen nicht vor den Kopf zu stoßen.

Weil wir so verdammt harmoniesüchtig sind. Und dabei vergessen, dass die anderen es vielleicht eben NICHT immer sind. Es ist überhaupt nicht egoistisch, auch mal "Nein" zu sagen. Wirklich egoistisch ist, immer mit einem "Ja" zu rechnen.

Eigentlich. Sollten wir viel öfter auf uns selbst hören. Oder die Person, die wir einmal waren. Denn die sind wir - eigentlich - immernoch.

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