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Shame on your #parentshaming

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOTHERS TALKING
Zac Macaulay via Getty Images
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„Echt, du stillst noch? Das finde ich ja toll, dass das so lange klappt.....aber du verwöhnst sie damit schon ganz schön... pass auf, dass sie nicht noch in der Grundschule „ran will"......."
„Du stillst nicht? Naja...Muttermilch ist zwar das Beste für das Kind...aber ich kann verstehen, dass du deine Freiheit wiederhaben möchtest."

„Willst du dein Baby etwa HIER stillen? In der Öffentlichkeit?? Wo dich jeder sieht???????!!!!"
„Also ich würde ja schon aus Prinzip öffentlich stillen. Versuch es doch mal, dir guckt schon keiner was weg."

„Warum schläft euer Kind im Familienbett? Habt ihr keine Angst, dass ihr es im Schlaf erstickt?"
„Das Baby schläft schon im eigenen Bett? Vermisst ihr denn nicht die Nähe zu ihm? Co-Sleeping fördert die Bindung!"

„Du magst wohl noch nicht mit Brei anfangen....? Das Kind braucht doch mal langsam was Ordentliches zu essen."
„Oh.....der Kleine mag wohl nicht so gern Selbstgekochtes? In den Gläschen ist doch nur Chemie drin."

„Aber du bleibst schon ein ganzes Jahr zuhause, oder willst du dein Kind schon eher weggeben?"
„Wann möchtest du denn wieder arbeiten gehen? Also mir würde nach spätestens sechs Monaten die Decke auf den Kopf fallen. Es gibt doch so viele tolle Tagesmuttis..."

„Warum gebt ihr das Kind denn nicht mal ein Wochenende zu den Großeltern? Dann hättet ihr mal wieder etwas Zeit für euch. Die Kleine ist doch mittlerweile nun wirklich groß genug!"
„Naja, ich finde, man bekommt ja kein Kind, um es bei nächstbester Gelegenheit wieder abzugeben. Aber das müsst ihr wissen."

„Magst du dein Baby nicht lieber in Trage xy tragen? Die hier ist totaaaal schlecht für den Rücken und das Becken!"
„Du trägst das Baby immer noch??!! Aber so bekommt es doch Schwierigkeiten beim Laufen lernen?!"

„Wann denkt ihr denn an eine Nummer Zwei? Der Kleine soll doch bestimmt kein Einzelkind bleiben, oder?"
„Ihr wollt noch eins? So schnell schon? Aber was ist denn mit deiner Karriere? Wer so lange weg vom Fenster ist, hat doch bestimmt schlechte Chancen für einen Wiedereinstieg."

Haben alle Eltern schon mal gehört. Die Liste ist lang und lässt sich beliebig fortsetzen. Das Thema ist so dauerhaft aktuell, dass es hierzu hinreichend Web-Literatur gibt, unzählige Blogs befassen sich damit. Und das ist wichtig!

Denn niemand, absolut niemand, egal ob selbst Mutter oder Vater oder kinderlos (erst recht nicht!) haben das Recht, andere Mütter oder Väter in deren Kindererziehung anzugreifen. Es gibt nur eine Ausnahme, in der Einmischen erlaubt und sogar dringend nötig ist: Wenn dem Kind durch die Eltern körperliches oder seelisches Leid erfährt.

ABER.

Wenn es um Fragen geht, die ganz offenbar das Wohl des Kindes anbelangen, geht das einzig und allein die Eltern des Kindes etwas an. Alles andere ist ein Infragestellen elterlicher Instinkte und ganz abgesehen davon, dass jede Mutter, jeder Vater erst einmal selber herausfinden muss, was sich richtig anfühlt und was nicht - solange ihr nicht gefragt werdet, haltet euch bitte zurück.

Was soll das?

Egal, was oder wie man etwas macht, man macht es falsch. Ich will hier nicht alle über einen Kamm scheren. Natürlich stecken hinter vielen Fragen einfach nur interessierte Freunde, (Schwieger)eltern, Großeltern, ... die wissen, wie unsicher man sich als Eltern in den ersten Wochen mit dem Neugeborenen oder auch später mit jeder neuen Entwicklungsphase des Kindes manchmal fühlt.

Hier lautet das Motiv schlichtweg „Liebe" und das sollte man auch so auffassen. Nicht selten aber steckt hinter den Fragen etwas vollkommen anderes. Ein verbales herablässig lächelndes über den Kopf streicheln, ein Zurschaustellen der eigenen Meinung, die man als die universell richtige ansieht und die andere anzuerkennen haben - als netter Nebeneffekt fühlen sich die Gefragten in ihren elterlichen Fähigkeiten als unfähig zurechtgewiesen oder zumindest verunsichert - „Gern geschehen.".....

Was soll das? Brauchen einige dieses Gefühl des Alles-Besser-Wissens, Ständig-Recht-Haben-Müssens wirklich so dringlich, dass sie - sogar gerne - dafür mit der Verunsicherung der Eltern bezahlen?

Das Ganze ist an sich nicht neu, wurde aber sicherlich durch den enormen Informationsfluss via Elternratgeber, diverse Medienkanäle derart noch „weiterentwickelt" und auf ein neues öffentliches Level gebracht, dass es dafür seit geraumer Zeit einen modernen Namen gibt: Parent Shaming.

Leute! Jeder Mensch ist anders! Jedes Kind ist anders! Jeder Erziehungsstil ist anders!

Und wisst ihr was, ihr Alles-Besser-Wisser, Ständig-Recht-haben-Müsser: Das ist vollkommen in Ordnung so!!

Es ist genauso „richtig" ein Kind ein Jahr lang zu stillen oder „nur" vier Monate. Es ist „richtig", das Baby ständig zu tragen oder in den Kinderwagen zu legen. Es ist weder „falsch" ein Jahr Elternzeit zu nehmen (oder drei!) noch ist es falsch, früher wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Die Entscheidung liegt bei den Entscheidungsträgern! Und das seid nicht ihr! Das ist nicht Oma Hilde, nicht der Nachbar, nicht der Schwager, nicht die Kollegin aus Abteilung 2 oder sonst wer. Es sind die Eltern!

Nur. Die Eltern.

Also, wenn ihr das nächste Mal im Gespräch mit einer Mutter oder einem Vater seid oder euch in eines einmischen wollt und NICHT nach eurer Meinung gefragt werdet - behaltet sie für euch. Denn mal ehrlich:

Was ist das Ergebnis; was passiert dann? Die Eltern fühlen sich schlecht oder zumindest schlecht behandelt und in ihrer Erziehung kritisiert. Sie werden ihre Erziehungsmethode nicht überdenken, schon gar nicht, wenn das Gefühl vermittelt wird, irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen folgen zu müssen. Sich einzumischen hilft nicht weiter, es verletzt.

Im Umkehrschluss passiert nämlich etwas ganz anderes, tatsächlich Schlimmes:

Viele Eltern trauen sich nicht mehr, um Hilfe zu beten. Sie handeln ihre Sorgen, Ängste und Zweifel mit sich alleine aus. Im schlimmsten Fall endet das in einer Depression oder in etwas, was derzeit auch in aller Munde ist und worüber sogar ein Buch geschrieben wurde:

#Regretting Motherhood

Genau. Frauen, die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Die plötzlich glauben, nicht fürs Muttersein bestimmt zu sein, schlechte Mütter zu sein und in denen der Gedanke keimt, ihr Leben wäre ohne Kind besser. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Gedanke aus einer Hilflosigkeit entsteht, die vor allem deshalb zustande kommt, weil nicht um Hilfe gebeten wird, wenn sie doch so dringend gebraucht wird.

Die andere Seite

Und jetzt zäume ich das Pferd mal von hinten auf.

Wer von euch kann sich mit den obigen Worten identifizieren? Und wer von euch war bereits selbst schon einmal diejenige, die einer anderen Mutter sagen wollte, was diese besser oder anders machen sollte oder könnte?

Hand aufs Herz. Ich glaube, wir alle neigen manchmal dazu, uns aufgrund eigener Erfahrungen, Entscheidungen oder angesammelter Informationen auf ein hohes Ross zu setzen und den verbalen Zeigefinger zu erheben - natürlich als „nett gemeinten Ratschlag" getarnt. Ja, manchmal meint man es wirklich nur nett.

Aber manchmal steckt dahinter einfach ein narzisstisches Ego, das sich irgendwie selber profilieren muss. Shame on me, ich habe damals auch die Mamas etwas komisch beäugt, die beispielsweise ihren Kindern Gute Nacht Brei mit Zuckerzusatz von einem Breihersteller mit schlechten Test-Ergebnissen zu essen gaben. Oder deren Kinder in der Straßenbahn wie am Spieß geschrieben haben und sich erst mit einer Tafel Ritter Sport beruhigen ließen.

Finde ich das „richtig"? Nein. Aber ganz ehrlich? Ich betrachte solche Dinge heute anders. Ich kenne doch gar nicht die Hintergründe! Vielleicht gibt die Mutter ihrem Kind den gezuckerten Brei gerade zum ersten Mal und nur als Ausnahme. Vielleicht versucht sie gerade abzustillen und versucht es erst einmal mit süßeren Varianten. Vielleicht war der andere Brei gerade alle oder..oder...oder.

Und das Kind in der Straßenbahn? Vielleicht hält es seine Mutter schon seit vier Uhr nachts wach und sie hat einfach keine Energie mehr, es weitere 20 Minuten auf dem Arm zu tragen....vielleicht haben sie und ihr Mann sich vor wenigen Tagen getrennt und das Kind wird einfach in dieser Phase „besonders" behandelt. Wer weiß das schon? Niemand. Und es geht auch niemanden etwas an.

Wie oft habe ich schon über Mütter und Väter innerlich den Kopf geschüttelt, die mit dem Smartphone in der Hand den Kinderwagen schoben? Jennifer Hicks hat hierzu für die Huffington Post einen ganz tollen Beitrag geschrieben.

Die Wahrheit ist - ich will nicht verurteilt werden für die Art, wie ich meine Kinder erziehe. Und ich will niemand anderen dafür verurteilen, dass er/sie das anders macht.

Leben und leben lassen. Am Ende sitzen wir alle im selben Boot. Hierzu fällt mir eine Begebenheit ein, die mich sehr gestärkt hat. Ich, hochschwanger, fahre mit meinem zweijährigen Sohn Bus. Er will sich nicht ordentlich hinsetzen, zappelt ständig herum und versucht aufzustehen. Nichts hilft, bis ich ihn schließlich sich wütend umherwindend festhalte und ihm zuzische, dass er jetzt gefälligst hören soll, weil das, was er tut gefährlich ist.

Er hat sich einfach unmöglich benommen. Und ich, mit meiner Riesen-Murmel, war in dem Moment einfach nur genervt, überfordert und sicher kein Sinnbild positiver mütterlicher Ausstrahlung. Die meisten haben uns ignoriert, eine ältere Dame mit dem Kopf geschüttelt.

Eine Frau aber, deren kleine Tochter brav neben ihr saß, lächelte mir beim Aussteigen freundlich zu und murmelte: „Kopf hoch."

Kein Ratschlag, kein missbilligender Blick; einfach eine nette Geste.

Willkommen im Club.

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