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"Ich bin schon groß!"

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CHILD TRICYCLE
SerrNovik via Getty Images
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Der Moment, in dem man den positiven Schwangerschaftstest in Händen hält, der wachsende Bauch, der über Monate hinweg herbeigesehnte wie gefürchtete Augenblick der Geburt, das erste Mal dieses kleine, knautschige, zarte, hilflose Etwas in den Armen halten, nackte Haut auf nackter Haut ... "Mein Kind!"

Zauberschön. Es gibt nichts Vergleichbares. Die ersten magischen Wochen in den eigenen vier Wänden mit diesem Würmchen, alleine, als Eltern, ohne medizinisches Fachpersonal, das einem immer mal über die Schulter schaut.

Die Einkehr von Routine, die Mama wie auch Papa das Gefühl vermittelt: "Wie krass. Wir schaffen das ja wirklich allein!" Wickeln, baden, stillen, füttern, anziehen. Dieses kleine Paket nimmt einen so sehr ein, körperlich wie psychisch, dass man automatisch eine Art dritte Hand entwickelt, die ständig über dem eigenen Kind zu schweben scheint.

Hier eine Tischkante, da eine Steckdose, dort irgendetwas, dass man in den Mund stecken könnte ... schon sind Mama und Papa zur Stelle und retten das Kleine vor der drohenden Gefahr.

Anfangs ist es etwas anstrengend. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. So sehr, dass aus diesem Gefühl des Beschützen-Wollens, Beschützen-Müssens ein Reflex wird. Allerdings wächst nicht nur der Reflex - sondern auch das Kind. Und hier beginnt für viele Muttis das Dilemma. Muttis wie mich.

Mehr Freiheit gewähren

Der zauberschöne Moment mit diesem kleinen, zarten, hilflosen Wesen scheint gerade erst gestern stattgefunden zu haben. In Wahrheit sind seitdem jedoch fast drei Jahre vergangen. Tischkanten und Treppen sind kein Problem mehr, die Steckdosen sind zwar immernoch kindersicher, aber Junior weiß längst, dass er sie trotzdem nicht anfassen darf.

Während ich ihn anfangs noch in den Kindergarten tragen musste und er auch beim Abholen noch oft auf meinen Arm wollte, düst er morgens mit dem Laufrad mehrere Meter vorneweg. Ich lasse die unsichtbare Schnippleine bis zum Fußwegende spannen, dann rufe ich bestimmend (und auch immer noch ein bisschen ängstlich): "Halt!"

Er stoppt schon vorher, weil er weiß, dass er an dieser Stelle warten muss, dreht sich um und grinst mich an. Ich ermahne ihn noch immer, nach links und rechts zu schauen, ob ein Auto kommt. Aber seit einigen Wochen kommt er mir zuvor, stellte sogar einmal beleidigt richtig: "Ich habe doch schon geguckt! Kommt kein Auto!"

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Okay. Also weiter gehts. Sobald wir am Kindergarten angekommen sind, darf ich ihn nicht mehr zum Fahrradstellplatz begleiten. "Ich muss das alleine machen!" Der Stellplatz befindet sich im Keller des Hauses, dahin gelangt man über einen recht steil nach unten führenden, wenn auch kurzen, Weg.

Anfangs war mir noch mulmig. Ich ging also dennoch mit ... nur für den Fall der Fälle. Und kassierte prompt die Quittung eines trotzigen Kleinkindes: "Nein! Mama, du musst doch warten!" Irgendwann habe ich das dann auch getan. Aber für den Fall der Fälle ... ja ... was? Er trägt einen Helm. Selbst, wenn er hinfällt ... nun ja ... dann fällt er eben hin.

Diese Situationen häufen sich zusehends und mir wird bewusst: Nicht nur mein Sohn nabelt sich von mir ab. Auch ich lasse ihn Stück für Stück, Tag für Tag, ein kleines bisschen mehr gehen.

Das Gefühl ist auf der einen Seite sehr befreiend - mein Baby wird groß. Er liebt es zu rennen, sich zu bewegen, Laufrad zu fahren und auf seinem Mini-Traktor zu sitzen. Er hat einen unglaublich großen Wortschatz entwickelt, bringt uns zum Lachen und ist einfach eine richtige kleine Persönlichkeit geworden.

Er fordert seine Rechte ein. Er versucht, Regeln zu brechen, wie Kleinkinder das eben tun. Er schaut sich Bücher an, malt, ist alles in allem selbständiger und man muss eben NICHT mehr mit Argusaugen zu jeder Sekunde über ihn wachen. Aber. Mein Baby ist eben kein Baby mehr.

Die Zeit ist zu uns Eltern ziemlich gnadenlos. Die Neugeborenenzeit prägt, formt und verändert uns als Mensch, als Paar, so sehr - und dabei dauert sie nur einen Wimpernschlag. Innerhalb kürzester Zeit fordern diese kleinen Menschen immer mehr Rechte, Freiheiten und vor allem, dass wir auf ihre erlernten Fähigkeiten vertrauen. "Mama, ich kann das alleine! Ich bin schon groß!"

Ich weiß. Und ich bin unheimlich stolz auf dich. Trotzdem ... bleibe noch ein kleines bisschen noch nicht ganz so groß, ja?

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