Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Julia Thiem Headshot

So verlogen ist Bodyshaming gegen Mütter

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOM BEACH
Getty
Drucken

Frausein und Freisein

Von überall scheint uns das Wort "Sex" entgegenzuschreien. Fleischbeschau ist allgegenwärtig - sie wird zelebriert, geliebt, verpönt, verachtet. Insbesondere auf uns Frauen liegt hier ein ganz besonderes Augenmerk. Ist die zu dick? Zu dünn? Und - oh mein Gott - hat sie etwa Cellulite? Einen schlaffen Bauch? Ein Sixpack? Lässt sie sich also gehen? Treibt sie zuviel Sport? Isst die denn nix? Muss die sich so vollstopfen?

Sie hat gerade mal ein Kind zu Welt gebracht und wiegt immer noch 30 Kilo mehr als vor der Schwangerschaft - krass! Sie hat nach drei Kindern schon wieder so einen straffen Bauch - hat sie überhaupt Zeit für die Kinder, bei den vielen Fitness-Übungen, die sie macht? Oder hat sie geschummelt - wie erbärmlich!

Einen knapperen Bikini hat sie wohl nicht gefunden - billiges Flittchen! Um Gottes Willen, wie kann man zu Zeiten von ISIS & Co in einem freien, europäischen Land einen Burkini tragen - Religion hin oder her - das geht doch nicht; runter mit dem Ding!

Dresscode für Mütter

"Was ziehe ich heute an?" Mit 16, 17 fiel die Antwort auf die Frage relativ easy aus. "Das, was mir gefällt und worin ich mich wohl fühle." Wenn hie und da etwas nackte Haut hervorlugte, wurde man nicht seltsam angeschielt. Warum auch. Natürlich gab es für Schule und später auch den Hörsaal und/oder das Büro eine Kleiderordnung, an die man sich hielt. Doch in seiner/ihrer Freizeit konnte Frau anziehen, was sie wollte.

So weit, so gut.

Was mir nicht bewusst war, war, dass es für Mütter anscheinend einen unausgesprochenen Dresscode gibt. Und der scheint, in den Augen vieler anderer zumindest, zu besagen: "Frauen, die (mindestens) ein Kind geboren haben, haben gewisse Zonen ihres Körpers, die sie noch vor Beginn der Schwangerschaft zeigen durften, fortan zu verhüllen."

Auf der anderen Seite bekam ich mit - sowohl im realen Leben als auch via Social Media - dass es verpönt ist, mehr als 15 Kilo während der Schwangerschaft zuzunehmen. Dass Stars (beziehungsweise A-, B-, C-,...,-Promifrauen) geradezu gehypt wurden, wenn sie innerhalb kürzester Zeit nach Geburt ihrer Kinder wieder zu alter Form zurückgelangten. Dabei reichte der Hype von "Wow, XY sieht bereits wieder superdünn aus!" bis zu "XY kurz nach der Geburt wieder megaschlank - übertreibt sie es mit dem Sport? Und - Vernachlässigt sie ihr Baby?"

Vor kurzem dann in den Nachrichten der Oberhammer:

Die Franzosen regen sich über das Tragen von Burkinis an öffentlichen Stränden auf
.

Im Klartext: Frauen dürfen sich am Strand nicht verhüllen. Arme, Beine, Dekolleté und Poppes müssen bitteschön zu erkennen sein, andernfalls wird beim braven Bürger die sofortige Assoziation zwischen Islam und Terrorismus geweckt (im Übrigen freut dieses intolerante Verhalten jede islamistische Terrorgruppe, deren Ziel es ist, die eigentlich unbegründete Angst und die Wut vor/auf den Islam zu schüren).

Wo ist die Würde der Frau?

Nachdem ein entsprechendes Vorkommnis einen wahren Shitstorm auslöste und heiß debattiert wurde, ruderte man wieder zurück und hob das Verbot wieder auf. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt dennoch - denn wo hört Religionsfreiheit auf, wo beginnt das Gesetz der Unantastbarkeit menschlicher Würde?

Im speziellen Fall der Würde der Frau? Für die meisten streng gläubigen Muslima kommt das "Nicht-Tragen" eines Burkinis einer Entblößung gleich. Und welche Frau möchte schon zur Nacktheit gezwungen werden? Und ja, dazu zähle ich auch das Gefühl, sich nackt zu fühlen.

Ich finde es immer wieder erstaunlich und unfassbar dreist, dass es vollkommen normal (geworden) ist, vor allem weibliche Körper einer derartigen Begutachtung und Verurteilung zu unterziehen. Es geht einfach unter die Gürtellinie, einer Muslima den Burkini zu verbieten. Sich ungläubig darüber zu echauffieren, dass eine frischgebackene Mama ein enges Oberteil anzieht, obwohl noch ein Bäuchlein da ist.

Sich darüber aufzuregen, dass eine Dreifach-Mama einen durchtrainierten Körper hat. Ich meine... was fällt euch eigentlich ein? Da ist noch ein "Schwabbelbauch"? So what? Darin war ein kleiner Mensch! Ein Baby, welches neun Monate lang unter dem Herzen wuchs und ernährt wurde. Nichts ist perfekt. Makel sind nicht "falsch". Wir müssen nicht mit den gephotoshopten Körpern mithalten, deren Trägerinnen uns von Werbeplakaten aufreizend entgegenlächeln.

Körper sind keine Ware

Körper sind keine Wettbewerbsware. Wir sind Menschen und keine Hybriden, die einander gleichen (müssen). "Echte Frauen haben Kurven" ist genau so ein Blödsinn wie der Glaube, dass nur 90-60-90 akzeptable Körpermaße sind.

Mehr zum Thema: Plus-Size-Model wird Zweite bei Schönheitswettbewerb - danach wurde es hässlich

Wer sich übermäßig mit dem Aussehen und Kleidungsstil anderer beschäftigt, hat in Wahrheit kein Problem mit anderen - sondern vielmehr liegt die Problematik bei einem geminderten Selbstwertgefühl. Das gilt meiner Meinung nach sogar für die Burkini-Debatte.

Nach Charlie Hebdo, dem 13. November 2015, der Geiselnahme in einer französischen Kirche, ist das französische Herz (verständlich!) ganz klar traumatisiert - doch den Islam zu verteufeln und die damit einhergehende durch den Glauben vorgegebene Kleiderordnung, ist der falsche Weg. Freiheit, ja. Aber auch für die Menschen, die in Frankreich FREI leben- und FREI ihre Religion ausleben wollen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Freiheit. Toleranz. Sich nicht schämen müssen, wenn man die Pfunde nach der Schwangerschaft einfach nicht los wird. (Wieder) schlank sein. Und BEIDES nicht verstecken müssen. Sich am Strand zu verhüllen, wenn man/Frau das möchte, weil man aus religiöser Überzeugung handelt. Oder eben nicht. Wir sind keine Schlampen, weil wir Haut zeigen. Wir sind keine Terroristinnen, weil wir Burkinis tragen.

Wir sind keine besseren oder schlechteren Mütter, abhängig davon, ob wir Gr. 36 oder 44 tragen. Manchen ist es wichtig, möglichst schlank zu sein. Anderen nicht. Wir sind religiös. Oder nicht. Manchmal mögen wir unseren Körper. Manchmal nicht. Wir haben verdammt nochmal eben einfach... Körper. Solche oder solche. Sie gehören UNS. Wir zeigen ihn, wenn wir wollen. Oder eben nicht.

Auch auf Huff Post:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Sie ist "die hässlichste Frau der Welt" - das hat sie aus sich gemacht