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Minimalismus heißt, Konsum und Verschwendung den Kampf anzusagen

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FOOD WASTE
Taro Karibe via Getty Images
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Die Idee des Schlaraffenlandes geht bis in die Antike zurück und wurde seither in verschiedensten Formen verarbeitet, etwa in Märchen, Reisebeschreibungen, Sprichwörtern, Bildern, Romanen, Filmen, Opern und Musikstücken. Es wird als eine Art Paradies beschrieben, in dem alles im Überfluss vorhanden ist:

Seinen Bewohnern fliegen ohne ihr Zutun gebratene Tauben und andere Delikatessen in die Münder. Statt Wasser fliessen Honig, Milch und Wein. Und ein Jungbrunnen verwandelt Alte und Hässliche in Schöne und Junge. Das Motiv des Schlaraffenlandes wurde aber auch genutzt, um Gesellschaftskritik auszudrücken.

Das Paradies des Nichtstuns

Das Paradies des Nichtstuns und der Völlerei verwandelt sich durch einen moralistischen Blick in eine dekadente wie abstossende Hölle und hält den unersättlichen Menschen so einen Spiegel vor.

Moderne Rezeptionen adaptieren vermehrt das ins negativ gekehrte Motiv des Schlaraffenlandes, wie die Veranstaltung auf Kampnagel oder Songs wie Aufstand im Schlaraffenland der deutschen Band Deichkind beispielhaft dokumentieren. Die Protagonisten des Liedes leiden unter verfetteten Herzen und Nikotinsucht. Der Brathahn fliegt ihnen in den Mund, doch sie wollen nicht mehr konsumieren und rufen zum Aufstand auf.

In den Medien tauchen vermehrt Artikel und Fernsehbeiträge auf, die einen kritischen Blick auf die sogenannten Wohlstandsgesellschaften der westlich-geprägten Welt werfen. Das steigende Wachstum der marktorientierten Wirtschaftssysteme führe zwar zu höheren Einkommen und einem Wohlstandsniveau, das einer breiteren Masse zuteil werde, doch offenbart die Zunahme an psychischen Krankheiten wie Depression, Burnout und ADHS auch die Schattenseiten
jener Systeme.

Kritiker konstatieren einen Zusammenhang zwischen dem Überfuss an Waren, Informationen und Entscheidungszwängen in den Alltagswelten vieler Menschen und einem immer häufiger geäusserten Gefühl der Überforderung und Frustration.

Gleichzeitig zeugen neue kulturelle Praktiken und Bewegungen wie Do-it-Yourself, Sharing Economy und Urban Gardening von der kollektiven Suche nach Glück und einem Trend des Downshiftens. In diesen Kontext lässt sich auch das Phänomen des Minimalismus einordnen, ein Lebensstil des "Weniger Wollens", der im Sinne eines einfacheren Lebens gegenwärtig weltweit von immer mehr Menschen praktiziert wird.

Ist weniger wirklich mehr?

Durch das Los- und Weglassen von als überflüssig empfundenen Dingen, Beziehungen und Verpflichtungen, versuchen diese Menschen mehr Klarheit und Übersichtlichkeit in ihren alltäglichen Lebenswelten zu gewinnen. Aus dieser bewussten Reduktion soll mehr Raum und Energie für das Wesentliche entstehen: Frei nach dem Motto Weniger ist mehr.

In der alltäglichen Lebenswelt der Minimalisten - so nennen sich die Praktizierenden dieses Lebensstils - äussert sich dieses Prinzip häufig in einem reduzierten Besitz und einem bewussten Konsumieren. Geleitet von der Frage "Was brauche ich wirklich?" und der freiwilligen Entscheidung für ein einfacheres Leben, erfahren diese Menschen eine gewisse Befreiung von ehemals äusseren und inneren Zwängen.

Indem Statussymbolen sowie Luxusgütern weniger Beachtung und Bedeutung geschenkt werden, erfahren immaterielle Werte eine Aufwertung: Die geteilte Zeit mit Freunden und der Familie, das Pflegen von Hobbys und Talenten oder das Praktizieren eines spirituellen Weges werden von den Akteuren als wertvoll erachtet.

Ökologie und Ethik des Minimalismus

Eine verstärkte Sensibilität gegenüber ökologischen und ethischen Themen sowie ein allgemeines Bestreben sich und sein Leben ständig verbessern zu wollen, sind ebenfalls Merkmale eines solchen Lebensstils. Nicht umsonst sprechen einige der Akteure auch von einem Maximalismus. Das Üben von Achtsamkeit und das Übernehmen von Verantwortung sollen nicht nur die eigene Lebensqualität, sondern auch die anderer Lebewesen positiv verändern.

Hier wird die ethische Ebene dieser Lebensweise deutlich. In Zeiten der zunehmenden Vernetzung durch digitale Medien nutzen auch viele Minimalisten das Internet, um ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Hierbei nimmt das Bloggen eine zentrale Rolle ein. In Deutschland verbreitet sich das Phänomen des Minimalismus tatsächlich vorwiegend über Weblogs.

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Recherchen zeigen, dass es zahlreiche deutsche Blogs gibt, die sich mit dem Thema der minimalistischen Lebensweise beschäftigen.

Im Rahmen dieser persönlichen Minimalismus-Blogs zeigen die Akteure, wie sie die Idee des Minimalismus selbst verstehen und ausleben. Die Blogger teilen dort ihre Gedanken und Erfahrungen mit anderen Minimalisten und vernetzen sich untereinander - durch diesen Austausch entsteht eine Gemeinschaft.

Der Austausch zwischen den Bloggern findet zusätzlich über andere Online-Netzwerke wie Facebook oder Twitter statt. Ferner gibt es Projekte wie den Minimalismus-Podcast oder auch das Simple-Living-Netzwerk, die sich den Austausch und die Vernetzung von Gleichgesinnten zum Ziel gesetzt haben. In den letzten Jahren suchten die Akteure auch immer häuger nach Formen, offline zu kommunizieren und Möglichkeiten wie lokale Meetups zu nutzen.

Seit 2013 findet einmal im Jahr im Sommer ein deutschlandweites Bloggertreffen statt, dessen Teilnehmerzahl jährlich zunimmt.

Der Beitrag ist ein Auszug aus der Masterarbeit von Julia Susann Helbig.

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Was braucht es für ein gutes Leben?

Das größte Auto, das neueste Smartphone, die teuerste Wohung... Hauptsache mehr, viel und teuer. Für viele Menschen mag das die Erfüllung des Lebens sein, doch es gibt auch eine Gruppe, die das ganz anders sieht.

Minimalismus heißt der Trend, sich von allen unnötigen Dingen zu lösen. Was haltet ihr davon? Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de