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"Digital Natives": Von Ureinwohnern und Einwanderern

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Gerne behauptet und doch nie schlĂŒssig belegt, geistert das Begriffspaar von „digitalen Ureinwohnern" und „digitalen Einwanderern" seit mehr als zehn Jahren durch Internet und analoge Welt. Es ist an der Zeit, die Buzzwords beiseite zu legen und sich endlich mit den Inhalten zu beschĂ€ftigen.

Vor Kurzem veröffentlichte der Schweizer Blogger und Lehrer Philippe Wampfler einen Aufruf: „Bitte verzichtet auf den Begriff 'digital natives'!"- und traf damit einen Nerv. Der Begriff „Digital Natives" ist eigentlich ein alter Hut.

GeprĂ€gt wurde er 2001 von dem Manager und PĂ€dagogen Marc Prensky, der in einem Aufsatz mit dem Titel „Digital Natives, Digital Immigrants" forderte, Lehrer mĂŒssten sich auf eine Generation einstellen, die ihr ganzes Leben „umgeben von Computern, Videospielen, Handys und all den anderen Spiel- und Werkzeugen der Digitalen Ära" verbracht hat.

Prensky behauptete, Digital Natives verfĂŒgten als „Muttersprachler" der digitalen Sprache nicht nur ĂŒber profunde Kenntnisse im Umgang mit Technologie, sondern verarbeiteten Informationen auch fundamental anders als alle Generationen vor ihnen.

Auch wenn Prensky seine Behauptungen nicht belegte und sich der Artikel vor allem wie ein Werbetext fĂŒr die von ihm propagierte Methode des „Digital Game-based Learning" liest, wurde die Unterscheidung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants zu einem beliebten AufhĂ€nger fĂŒr Diskussionen ĂŒber die Implikationen der Digitalisierung.

Bis heute wird mit Vorliebe ein Generationenkonflikt heraufbeschworen zwischen denen, fĂŒr die eine Trennung zwischen online und offline vermeintlich nicht mehr existiert, und denen, die nicht wie selbstverstĂ€ndlich bloggen, posten, twittern und chatten. Doch wie steht es eigentlich um die Fakten? Geht die „Netzgeneration" wirklich so selbstverstĂ€ndlich und kompetent mit Technologie um? Und unterscheidet sich ihr Mediennutzungsverhalten tatsĂ€chlich grundsĂ€tzlich von dem der Ă€lteren User?

Der Mythos bröckelt

Laut (N)Onliner Atlas 2013 haben 97 Prozent der unter 30-jĂ€hrigen Deutschen einen Internetzugang, von den 60- bis 69-JĂ€hrigen nutzen fast zwei Drittel das Netz, und bei den ĂŒber 70-JĂ€hrigen sind die Offliner mit 70 Prozent deutlich in der Mehrheit.

Dass jĂŒngere Menschen das Internet stĂ€rker nutzen, ist also nicht abzustreiten. Die Studie fand allerdings noch mehr Ungleichheiten: zwischen Stadt und Land, MĂ€nnern und Frauen, Menschen mit hohem und solchen mit niedrigem Bildungsabschluss, Armen und Reichen. Nicht nur das Alter hat einen Einfluss darauf, ob und wie man im Netz unterwegs ist, sondern eine Vielzahl sozioökonomischer Faktoren.

Nun macht einen Menschen allein der Fakt, dass er einen Internetzugang besitzt, noch lange nicht zu einem Digital Native. Begeisterte AnhĂ€nger des Begriffs preisen die „neue Generation" als eine, fĂŒr die das Internet nicht nur Kommunikationsmittel, sondern ein Kulturraum sei, den sie durch selbst generierte Inhalte, soziale Vernetzung und pausenlose Partizipation immer weiter ausbaue.

Digital Natives hĂ€tten nicht nur eine ganz eigene Vorstellung von Freundschaft, Privatheit und IdentitĂ€t, sondern nutzten wie selbstverstĂ€ndlich die Möglichkeiten des Netzes, um ihre Meinung kund zu tun und aktiv Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen. Ein wirkmĂ€chtiges Bild - nur gibt es auch zur Mediennutzung junger Menschen mittlerweile zahlreiche Studien, die ganz deutlich dafĂŒr sprechen, dass es an der Zeit ist, den Begriff Digital Natives zu entmystifizieren.

Zwar verbringen Jugendliche immer mehr Zeit im Netz, die OnlineaktivitĂ€ten ersetzen jedoch lediglich den Konsum klassischer Medien und nicht andere FreizeitaktivitĂ€ten. Nichtmediale AktivitĂ€ten wie Treffen mit Freunden und Unternehmungen mit der Familie spielen weiter eine große Rolle.

Wenn man die Nutzung des Netzes durch junge Menschen genauer betrachtet, wird außerdem deutlich, dass sie es eben nicht so proaktiv und andersartig anwenden, wie von AnhĂ€ngern des Digital Natives-Konzepts behauptet. Den grĂ¶ĂŸten Stellenwert hat laut JIM-Studie 2013 der kommunikative Austausch ĂŒber E-Mails, Chats und soziale Medien. Die kreative Produktion von Content ist im Alltag der jungen Generation unterdessen nur von marginaler Bedeutung.

Es kann also keine Rede davon sein, dass die Nutzung des Internets durch alle seit 1980 Geborenen sich fundamental von der Nutzung durch Àltere Menschen unterscheidet. Die Attribute, die den Digital Natives zugeschrieben werden, treffen höchstens auf eine kleine gesellschaftliche Elite zu, die sich nicht durch ihr Alter, sondern durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Internets auszeichnet.

Einige „Silversurfer" bewegen sich genauso sicher im Netz wie „Screenager", entscheidend sind vor allem individuelle Interessen und sozioökonomische Faktoren.

Digitale Kompetenz geht alle Altersgruppen etwas an

Die Einteilung in Digital Natives und Digital Immigrants ist aber nicht nur faktisch falsch, sondern auch konzeptuell problematisch. Sie betreibt ein „Othering" und stellt unĂŒberwindbare GegensĂ€tze her, wo keine existieren. Nicht alle jungen Menschen lassen sich in eine Schublade stecken, es gibt nicht die eine einzige Erfahrungswelt oder IdentitĂ€t, die alle teilen.

Vielmehr existieren in der Generation der vermeintlichen Digital Natives genauso wie im Rest der Gesellschaft Unterschiede im Bezug auf Online-Kompetenzen, Erfahrungen und IdentitĂ€ten. Nur weil Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, möglicherweise weniger Hemmungen im Umgang mit neuen Medien haben, heißt das noch lange nicht, dass sie sie auch kompetent anwenden können.

Und das ist das eigentliche Problem an der Unterscheidung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants: Sie tĂ€uscht darĂŒber hinweg, dass sich Kompetenzunterschiede im Umgang mit Medien durch das NachrĂŒcken jĂŒngerer Generationen nicht einfach von selbst erledigen, und sie vermittelt Älteren das GefĂŒhl, sie seien qua Geburtsjahr vom technologischen Wandel ausgeschlossen.

Bei all der berechtigten Euphorie ĂŒber die Möglichkeiten neuer Informationstechnologien darf aber nicht vergessen werden, dass das Wissen um die Potentiale, die die digitale Welt bietet, niemandem in die Wiege gelegt wird, sondern Jung wie Alt vermittelt werden muss. Womit wir beim Thema digitale Medienkompetenz oder „Digital Literacy" angelangt wĂ€ren - einem Bildungsbereich, der noch immer strĂ€flich vernachlĂ€ssigt wird.

Digital Literacy meint die FĂ€higkeit, Inhalte und Kommunikationsprozesse in den digitalen Medien zu verstehen und einzuordnen. NatĂŒrlich stellt sich die Frage, welche FĂ€higkeiten im Umgang mit Medien wertvoll sind - damit ist der Medienkompetenzbegriff immer normativ.

Bei der Vermittlung eines kompetenten Umgangs mit dem Internet darf es deshalb auch nicht darum gehen, aus einer elitĂ€ren Perspektive heraus Menschen zu verurteilen, die kein Tech-Blog oder Twitteraccount betreiben und stattdessen lieber den neusten Promiklatsch lesen oder Kochrezepte herunterladen. Zu welchem Zweck und in welchem Umfang das Internet genutzt wird, ist schließlich immer noch Geschmackssache.

Ziel muss es viel mehr sein, Menschen, jung wie alt, nicht nur technische FĂ€higkeiten, sondern auch MĂŒndigkeit im Umgang mit dem Medium Internet, also die kritische Rezeption der Inhalte und das Wissen ĂŒber die Möglichkeit, selbst Inhalte zu produzieren, zu vermitteln. Denn obwohl das Erstellen von Content sicher nicht die einzig sinnvolle Nutzung des Netzes darstellt, gilt in der digitalen Welt genau wie in der analogen: Nur wer partizipiert, kann sich und seinem Anliegen Gehör verschaffen.

Es fehlt ein schlĂŒssiges Konzept

Erst vor einigen Tagen erklĂ€rte die Bundesregierung in der Digitalen Agenda, die digitale Medienkompetenz aller Generationen stĂ€rken zu wollen, damit „sich jede und jeder Einzelne sicher, informiert und aktiv in der digitalen Gesellschaft verwirklichen kann".

An koordinierten Programmen mangelt es aber bisher und die Digitale Agenda bietet auch nicht mehr als AbsichtserklĂ€rungen. Einzig die Initiative „Ein Netz fĂŒr Kinder", die kindgerechte digitale Angebote fördert, wird als konkretes Projekt in dem Papier erwĂ€hnt.

„Sichere SurfrĂ€ume" fĂŒr Kinder zu schaffen, wie es das Bundesfamilienministerium formuliert, ist eine nette Idee, viel relevanter wĂ€re es jedoch, generationenĂŒbergreifend Kompetenzen fĂŒr ein aufgeklĂ€rtes Surfen auch außerhalb von SchutzrĂ€umen zu vermitteln.

Bereits im Oktober 2011 hatte die Internet-Enquete in einem Zwischenbericht angemahnt, die Förderung von Medienkompetenz sei eine wichtige staatliche und gesellschaftliche Aufgabe, und hatte eine bessere Vernetzung einzelner geförderter Initiativen sowie neue Bildungskonzepte und AufklÀrungskampagnen gefordert.

Doch seither hat sich wenig getan. Dazu, wie Jugendlichen von klein auf ein aufgeklĂ€rter Umgang mit digitalen Medien mitgegeben werden kann oder wie Ă€ltere Menschen fĂŒr digitale Entwicklungen begeistert werden können, fehlen kohĂ€rente Konzepte. Die Förderung der Medien- und Informationskompetenz in der Praxis wird weitgehend den Landesmedienanstalten, privaten Vereinen und einzelnen Initiativen ĂŒberlassen.

Inwieweit und vor allem wie tiefgreifend digitale Medienkompetenz in Schulen vermittelt wird, ist ebenfalls GlĂŒckssache und hĂ€ngt hĂ€ufig von den Kenntnissen und vom Einsatz einzelner Lehrer ab.

Dabei wĂ€re ein schlĂŒssiges Konzept zur Kompetenzvermittlung fĂŒr alle Altersschichten wichtiger denn je. Allein der Umstand, dass immer mehr Informationen nur noch online verfĂŒgbar sind, sei es zu AntrĂ€gen beim Jobcenter oder zu Versicherungspolicen, und Entscheidungs- wie Beteiligungsprozesse durch Online-Petitionen, BĂŒrgerhaushalte oder öffentliche Konsultationen zunehmend digitalisiert werden, macht deutlich, wie wichtig ein kompetenter Umgang mit den neuen Medien wirklich ist.

Zudem ist die Vermittlung von Medienkompetenz die einzig praktikable Antwort auf viele „Gefahren" des Netzes wie IdentitĂ€tsdiebstahl, Betrug und Falschinformationen, die durch technische Mittel schwer zu bannen sind.

Deshalb reicht es nicht, auf binĂ€re Kategorien zurĂŒckzugreifen und sich damit abzufinden, dass einige nun mal Digital Natives und andere Digital Immigrants sind. Bildungsangebote und ein gleicher Ressourcenzugang fĂŒr alle können dafĂŒr sorgen, dass jeder im Netz „heimisch" werden kann.


www.politik-digital.de ist eine der fĂŒhrenden unabhĂ€ngigen Informations- und Kommunikationsplattformen zum Thema Netzpolitik und Digitale Gesellschaft in Deutschland. Als digitaler Think Tank ist politik-digital Veranstalter zahlreicher Chat- und Talkformate mit Politikern, Experten und Journalisten. Im neu gestarteten Format „Digitale BĂŒrgersprechstunde" werden regelmĂ€ĂŸig Bundestagsabgeordnete in einem Live-Hangout von BĂŒrgern befragt.

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