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Ich ließ Fremde einen Tag alles mit mir machen - das Experiment zeigt die üble Seite des Menschen

01/12/2017 11:19 CET | Aktualisiert 01/12/2017 15:12 CET

  • Ich wollte herausfinden, was passiert, wenn ich mein Leben einen Tag lang in die Hände anderer gebe

  • Das Experiment zeigte mir, wie viel Spaß Menschen am Unglück anderer haben

  • Im Video seht ihr, was ich alles ertragen musste

Bevor ihr mir jetzt die Hölle heiß macht: Ja, ich bin selber schuld. Und nein, ich halte mich nicht für die Sozialforscherin des Jahres. Aber ich wollte unbedingt herausfinden, was passiert, wenn ich einen Tag lang fremde Menschen über mein Leben bestimmen lasse.

Ich konnte in den letzten Jahren den ein oder anderen Follower auf Instagram sammeln und frage mich ab und zu, was ich denn nun mit diesen Menschen anfangen soll. Was wäre also naheliegender, als sie für ein Experiment zu missbrauchen, dem sie absolut nicht zugestimmt haben?

Für jede Aufgabe lieferte ich Videobeweise

Die Regeln waren wie folgt: Ich ließ meine Follower einen Tag lang über mein Leben abstimmen. Das lässt sich ja inzwischen sehr angenehm mit dem "Umfrage-Tool" in Instagram-Stories erledigen.

Ich gab ihnen immer Zeit, bis ungefähr 1000 Menschen abgestimmt hatten, das dauerte meistens um die 20 Minuten. Nach jeder Frage lieferte ich den Videobeweis, dass ich auch durchgezogen hatte, was sie verlangten. Damit auch alle mitmachen konnten, passierte das Ganze auf Englisch.

Ich war davon überzeugt, dass die meisten von ihnen nur Gutes für mich wollen. Da hatte ich mich getäuscht.

Schon bei der ersten Frage, ob ich noch 15 Minuten länger schlafen dürfte, sagten 64 Prozent der Teilnehmer "nein". Damit konnte ich noch leben. Als ich sie aber danach fragte, ob ich mir eine Hose anziehen darf, kam der erste Rückschlag: 75 Prozent stimmten dagegen. Ich wusste, dass ich mir bald Frühstück holen musste, also fragte ich noch einmal: Leute, ich muss in den Supermarkt, bitte lasst mich eine Hose anziehen. Die Antwort? 73 Prozent sagten: Haha, immer noch "nein".

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Ich hatte absolut keine Intentionen, mein Experiment abzubrechen. Also googelte ich, ab wann man aufgrund von öffentlichen Ärgernisses hinter Gitter gebracht wird und machte mich hosenlos auf den Weg.

Hosenlos im Supermarkt

Im Supermarkt deuteten kleine Kinder auf mich, Frauen hielten ihren Männern die Augen zu. Ich stellte den Beweis für meine Beinfreiheit in meine Story und fragte auch gleich, ob ich mir zur Belohnung ein Oreo-Joghurt kaufen darf. Die Meute war gütig und stimmte zu.

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Ich lief auf dem Weg zur Kasse am Regal mit den Haarfarben vorbei. Ich war mir zu 99,99 Prozent sicher, dass meine Follower nicht so weit gehen würden - also fragte ich: Soll ich mir die Haare färben?

Bereits nach zehn Minuten musste ich abbrechen. 70 Prozent für "Ja". Ich starrte fassungslos auf mein Handy. Wie konnte ich mich jetzt aus der Affäre ziehen? Meine Fazit: Gar nicht. Ich fragte also, wie sich meine Follower mein neues Haupthaar vorstellen. Sie entschieden sich mit 73 Prozent für feuerrot.

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Ich wollte es weiter treiben

Wie in Trance kaufte ich die Farbe und fuhr nach Hause. Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr wirklich darüber nachdachte, was ich da tat. Ich wollte es noch weiter treiben. Also startete ich eine offene Runde: Schickt mir einfach Nachrichten, was ich als nächstes machen soll.

Die rote Paste brannte auf meinem Kopf, ich sah die ersten Nachrichten eintrudeln. Viele waren amüsiert, einige besorgt, aber die meisten wollte nur eines: Dass ich mir ein Piercing steche.

Ich rief bei drei verschiedenen Studios an, schrieb dem Tätowierer meines Vertrauens eine Nachricht, aber es lies sich einfach nichts machen. Es war Dienstag, 16 Uhr und niemand schien ein Loch in meinen Körper schießen zu wollen.

Pippi Langstrumpf lässt grüßen

Meine ruinierten Haare waren inzwischen wieder trocken und ich begutachtete im Spiegel, was ich da verbrochen hatte. Ich sah aus, wie das Besenkammerkind von Pippi Langstrumpf und Pumuckel.

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Doch dann kam die Nachricht, die ich den ganzen Tag befürchtet hatte: "Rasiere dir ein Muster in deine Augenbrauen." Ich stellte die Umfrage online und die Horde ließ mich zittern. Eine Stunde lang hüpften die Abstimmungswerte zwischen 49 und 52 Prozent herum.

Als es sich bei 53 Prozent einpendelte, brach ich ab und stand vor meinem selbst-verbrochenen Trümmerhaufen. Ich hatte nur einen rostigen Einwegrasierer zur Hand, doch ich wollte jetzt nicht aufgeben. Innerhalb von zehn Minuten wurde aus mir der Typ, der die Welt mit dem Lied "Ice Ice Baby" beglückt hatte.

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Der Tag nahm kein Ende

Ich war am Ende meiner Kräfte, der Tag war aber noch nicht vorbei. Also fragte ich: Was soll ich noch tun?

Die Antwort kam prompt: Schreib deinem Angebeteten eine Nachricht und versau es dir so richtig. So wie ich zu diesem Zeitpunkt aussah, würde mich sowieso nie wieder ein Mann auch nur ansehen, also warf ich auch das letzte Fünkchen Schamgefühl aus dem Fenster.

Ich fragte, was ich ihm schreiben sollte, und sammelte die Antworten. Von "Ich habe deinen Namen in meinen Rucksack nähen lassen" bis "Willst du meine dritte Frau sein?" war alles dabei. Am Ende gewann: "Ich will in deiner Spucke baden."

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Ich schickte es also ab und ließ mein Handy fallen. Es war 23:30 Uhr und ich wollte nichts mehr mit der Aktion zu haben. Ich hatte eine halbe Augenbraue, rote Haare, spürte meine Beine nicht mehr und ein Typ denkt nun, ich sei Spucke-Fetischistin.

Das Happy End

Am nächsten Tag fragten mich viele, ob es mir gut ging. Sie schickten mich also erst durch die Hölle und wollten mich dann bemuttern. Eine seltsame Dynamik. Irgendetwas in der menschlichen Psyche wird vom Leid anderer angetrieben, wie auch schon ein Experiment bewies, das die Künstlerin Marina Abramovic 1974 durchführte. Alle, die ihr im Experiment Schaden zugefügt hatten, konnten ihr später nicht mehr in die Augen sehen.

In meinem Fall amüsierten sich die meisten Beteiligten wohl eher, auch ich hatte (bis auf ein paar Aktionen) Spaß und fand heraus, dass sich die meisten doch keine Unmenschen waren.

Ich habe mir auch vorgenommen, das Ganze in nächster Zeit zu wiederholen. Und ein Date habe ich trotzdem abgestaubt, auch wenn mich seine Zusage nach meiner Spucke-Nachricht wohl eher warnen als freuen sollte.

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