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Ich vertraute meinem Lehrer an, dass ich sexuell belästigt werde - und bereue es noch immer

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GIRL SHAME
martin-dm via Getty Images
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Wenn mich Menschen nach meiner Schulzeit fragen, zucke ich meistens mit den Achseln und sage, es war nicht besonders schön, aber ich habe es ausgehalten. Wenn sie mich dann fragen warum, wechsele ich schnell das Thema. Aber weil gerade so viele Frauen in sozialen Netzwerken von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichten, ist es wohl an der Zeit, meine Geschichte zu erzählen.

Als ich 12 war, war mein Körper denen der anderen Mädchen in der Klasse bereits weit voraus. Erwachsen zu werden ist schon schwer genug. Aber als Erste erwachsen zu werden, in einer Horde voller Teenager, die alle fast zur selben Zeit hormonell explodieren, ist die Hölle.

Es war ja noch harmlos, als meine männlichen Klassenkameraden versuchten, Papierkügelchen in meinen Ausschnitt zu katapultieren. Oder als die Mädchen flüsterten, kicherten und sich über mein Gewicht lustig machten.

Mit niemand anderem wurde so umgegangen

Doch dabei blieb es nicht. Die Jungen in meiner Klasse machten ein Spiel daraus, mich so oft wie möglich zu begrapschen. Worte halfen nichts. Als ich mich mit den Händen wehren wollte, schlugen sie zurück. Tag für Tag wurde ich also angefasst und dann geschlagen, wenn ich es mir nicht gefallen lassen wollte. Und wenngleich meine weiblichen Attribute das alles auszulösen schienen, nahmen die Jungen bei den Schlägen keine Rücksicht darauf, dass ich ein Mädchen war.

Ich war zu stolz, um zuzugeben, wie sehr mich die Situation bedrückte. Mit niemand anderem wurde so umgegangen, also musste es wohl an mir liegen?

Eines schicksalhaften Tages rammte dann einer meiner Klassenkameraden seinen Kopf in den Overheadprojektor. Natürlich hatte niemand etwas gesehen und wir wurden alle einzeln in die Sprechstunde meines damaligen Klassenlehrers gebeten.

"Gibt es etwas was du mir zu sagen hast?" - "Nein, ich habe nichts gesehen." Ich war immer eine hervorragende Schülerin, also glaubte er mir. "Gibt es sonst irgendetwas in der Klasse, das dich stört?", fragte er extrem desinteressiert, weil es halt auf seinem Spickzettel stand.

"Ich will dir nicht zu nahe treten"

Ich überlegte. Sollte ich ihm sagen, was mich bedrückte? Ich fing an, ihm meine Situation zu schildern, seine buschigen Augenbrauen zogen sich nach oben.

Er musterte mich von oben bis unten. "Weißt du, Julia. Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber das sind junge Männer. Du solltest aufhören, dich so nuttig anzuziehen. Dann hört das auch auf."

In meinem Kopf fühlte es sich an, als hätte jemand das Fünkchen Hoffnung, das ich hatte, mit einem Hochdruckreiniger ausgelöscht.

Ich schaute an mir herunter. Eine Jeans und ein enges Shirt, das ich zu einem Wendy-Zeitungs-Abo bekommen hatte.

Da stand also dieser Mann mittleren Alters vor mir, der sein Outfit mit ziemlicher Sicherheit in dem Laden gekauft hat, wo auch Karlsson vom Dach seine Klamotten besorgt, und wollte mir erzählen, ich solle mich anders kleiden.

Zahllose abgeschlossenen Studiengänge, eine jahrelange Pädagogikausbildung sowie ständige Fortbildungen zum Umgang mit jungen Erwachsenen - und Sie hatten mir das zu sagen?!

Lehrer tragen eine unfassbare Verantwortung

Dass Ihre abgetragenen Sandalen aus dem 15. Jahrhundert waren, störte mich nicht weiter, dass Ihre Ansichten allerdings aus der gleichen Zeit stammten, hat mich nachhaltig geprägt.

Jahrelang dachte ich, der Körper, der mir gegeben wurde, sei ein Problem und eine Provokation. Für alle unangenehmen Interaktionen mit Männern gab ich mir selber die Schuld. Nach außen hin ließ ich mir nichts anmerken, in mir drin dachte ich aber immer, es sei normal, als Frau nicht ernst genommen zu werden.

Es ist Ihr verdammter Job als Pädagoge, junge Menschen vor solchen Erfahrungen zu schützen.

Nicht umsonst forderte die damalige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, schon im Jahr 2009 mehr Fortbildungen für Lehrer im Umgang mit sexuellen Missbrauchsfällen.

Viele Lehrer machen einen fantastischen Job. Manchen von ihnen scheint allerdings nicht bewusst zu sein, dass sie zwischen langweiligen Geografie-Referaten und verkalkten Kaffeemaschinen im Lehrerzimmer eine unfassbare Verantwortung tragen. Denn Eltern schieben die Verantwortung für ihre Kinder auf die Lehrer, das zeigen Studien. Klar, das macht Lehrer schnell zum Sündenbock.

Aber auch, wenn es nicht immer der dankbarste Job der Welt ist: Es ist einer der wichtigsten. Handeln Sie also bitte so.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(jds)