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Siegerpartei AFD - Sind Lügenpresse und Volksverräter Schuld?

15/03/2016 13:26 CET | Aktualisiert 16/03/2017 10:12 CET
dpa

Nachdem für jeden einigermaßen humanistisch denkenden und sozialkompetenten, mündigen, wahlberechtigten Bürger am Sonntag ein mittlerer Supergau eingetreten ist, sollten eben jene das Landtagswahlergebnis zum Anlass nehmen und reflektieren.

In einem bekannten Sender der öffentlich-rechtlichen Mainstreammedien lief der Tage eine Dokumentation über die Weimarer Republik. Ein Satz ist mir dabei besonders aufgefallen. Darin sagte der Sprecher so etwas wie: "1923 wuchsen die Ausschreitungen der radikalen Rechten [und Linken]."

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Schuld sind Lügenpresse und Volksverräter

Unweigerlich musste ich an Deutschland 2015/16 denken: Asylbewerberheime brennen, Propagandisten ziehen in die Landtage ein, rassische Thesen finden bei dem Volk wieder Anklang, erfundene Gruselgeschichten verbreiten sich in Windeseile.

Schuld am Erfolg der ach-so-deutschen Hassprediger? Natürlich, die Lügenpresse und die Volksverräter im Parlament! Deren ekelhafte Willkommenspolitik und linksgrünversiffte Meinungsmache sorgen ja dafür, dass hier immer mehr (Wirtschafts-) Flüchtlinge ankommen.

(Anzunehmen, dass das an Kriegen, wirtschaftlicher Ausbeutung und weiteren Notsituationen in den Herkunftsländern läge, wäre natürlich völlig verblendetes Mainstreammedien-Nachgeplappere.

Denn unabhängig denken können in diesen Tagen ohnehin nur noch -GISTEN und AFD'ler. Wehe dem, der vielleicht sogar soweit ginge, dass unsere kapitalistische Konsumgesellschaft und unsere Waffenexporte mit ursächlich für jegliche Fluchtursache wären!)

Aber gut, schauen wir uns also einmal an, wie viel Schuld die Lügenpresse und Co. an der aktuellen Lage der Nation tragen. Dass politisches und ökonomisches Fehlverhalten mindestens Mitschuld daran trägt, dass überhaupt Menschen fliehen müssen, dürfte wohl auch bei "dem Volk" außer Frage stehen.

Die Verlierer der Gesellschaft

Aber die Flüchtlinge selbst sind wohl kaum Schuld daran, dass sich das gleiche "Volk" nun "genötigt" fühlt, mit (geistigen, wie tatsächlichen) Brandsätzen auf andere Menschen, die noch weniger haben, als sie selbst, (wie war das: man tritt eben immer nach unten) loszugehen.

Ich kann verstehen, dass auch "das Volk" sich einfach mal wieder gut fühlen möchte. Die, die sich sonst als Verlierer der Gesellschaft sehen, können sich endlich aus ihrer Selbstmitleidssuhle erheben und ihren ganzen, über die Jahre angestauten Frust an Leuten auslassen, deren Status noch schwächer ist als ihr eigener.

Dass dabei nicht nur blau getünchte Braunhemden, sondern auch die alteingesessenen - "christlich sozialen" - Parteien zu den widerlichsten rhetorischen Mitteln greifen, rennt dann selbstverständlich beim brav folgenden "besorgten Bürger" offene Türen ein.

Seid Ihr wirklich so deppert zu glauben, dass Obergrenzen irgendwas bringen? Wie wär's denn dann mit einer Obergrenze für Waffenexporte und Wirtschaftskooperationen mit totalitären Mächten, die die Menschenrechte mit Füßen treten (oder auspeitschen, ins Gefängnis stecken, etc.)?

Der Beitrag zum Leid

Wie wär's denn dann mit einer Obergrenze für Hetze bei Fraktionssitzungen und einer Obergrenze für propagandistische Parolen bei politischen Reden?

Also ja: Jeder Politiker, der Waffenexporte genehmigt hat, jeder Wirtschaftskonzern, der Mensch und Natur in der sogenannten dritten Welt ausbeutet, jeder Konsument, der diesen ausbeuterischen Mist unterstützt, trägt seinen Teil dazu bei, dass die Situation in anderen Ländern so ist, wie sie ist. Trägt dazu bei, dass Menschen fliehen.

Und auch: Jedes hetzerische Wort, jede angstmachende Rede, jede rassistische Äußerung trägt dazu bei, dass die Lämmer (zum Beispiel Hartz-IV-Bezieher) ihren eigenen Schlachter (AFD) wählen. (Aber Ihr habt ja Recht: Wenn schon Schlachtbank, dann wenigstens selbst entscheiden, auf welche, gell?!)

Kein beschwichtigendes Agieren der Politik

Zusammenfassend lässt sich also zumindest schon mal eins sagen: Statt dass die Politik beschwichtigend agiert hätte, versucht hätte, den kopflosen Angsthühnern, die derzeit durch die Bundesrepublik berserkern, beizubringen, dass dunklere Haut nicht bedeutet, dass hellere Haut ausstirbt,

dass keine Privatwohnungen beschlagnahmt werden (wie in der Weimarer Republik), um Flüchtende dort unterzubringen. Dass Islam nicht Islamismus bedeutet. Dass Ihr Hartz-IV nicht deshalb gekürzt wird, weil jetzt fremde Menschen kommen. Dass Ihre Arbeitsstelle nicht durch einen Asylbewerber bedroht ist,

dass die Flüchtenden keine mörderischen Kannibalenhorden sind, die auf weißes, deutsches Fleisch stehen und dass nicht jeder Moslem Frauenfeind ist, haben Sie wahlweise a.) gar nichts getan (weil Nazis gibt's ja keine mehr in Deutschland, weil wird schon nicht so schlimm sein) oder b.) noch zusätzlich Öl ins Feuer gegossen (Herr Seehofer und Konsorten) - vielleicht hätten andernfalls die geistigen Brandstifter aus den -GIDA-Reihen und unter den Blauhemden nicht so leichtes Spiel gehabt.

Versagen der Politik? Trägt definitiv Schuld daran, dass die grölenden Horden wieder erstarkt durch die Lande ziehen und ihre vermeintlichen Vertreter in die Regierungen wählen.

Worte schüren Ängste und Hass

Wie sieht's bei der Lügenpresse aus? Gerade schon war die Rhetorik ein Stichwort. Liebe Mainsstreammedien-Vertreter: Irgendwo habe ich einmal gehört, dass Worte eine Waffe sind und sehr große Macht besitzen.

Und Worte sind durchaus in der Lage, Ängste und Hass zu schüren. Doch statt der ohnehin schon weit verbreiteten Hetze in den Reihen der Politik und "besorgten Bürger" Paroli zu bieten, bedient auch Ihr Euch einer Sprache, die nicht unbedingt zur Deeskalation beiträgt.

Zuletzt hatten wir eine WirtschaftsKRISE, nun haben wir eine FlüchtlingsKRISE. Komischerweise gibt es aber keine TTIP-Problematik, sondern nur eine Flüchtings-Problematik. Wie kommt es eigentlich, dass im Zusammenhang mit Menschen und insbesondere Flüchtenden, derartiger Jargon verwendet wird, in Zusammenhang mit der dreckigen Lobbyarbeit aber nicht? Macht sich eben besser als Schlagzeile, so ein griffiger Slogan, nicht wahr?

Wir wissen zwar alle, dass die, die alleinigen Anspruch auf Meinungsfreiheit und politischen Durchblick stellen, der Lügenpresse ohnehin nichts (mehr) glauben, aber vielleicht wäre hier tatsächlich mal ein bisschen Reflexion angebracht.

Medien haben Eskalation vorangetrieben

Als Journalisten und Redakteure sind wir - im besten Fall - Meister der Wortschmiedezunft und so sollten wir doch auch agieren! Statt dem Publikum die Menschen, die hier Schutz und ein besseres Leben suchen, als Problem und Krise zu verkaufen, sollte man doch richtigerweise lieber den Krieg in Somalia und Syrien als dieses Problem darstellen, die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents als Krise bezeichnen.

Wenn man so manche Schlagzeile liest, könnte man meinen, die Menschen seien das Problem. Tatsächlich geht die Problematik aber doch viel tiefer! Einerseits sind die Medien ganz schnell dabei, den Politikern und rechten Führern für deren Rhetorik und deren vermeintlich einfache Lösungen auf viel zu komplexe, weltpolitische Zusammenhänge übers Maul zu fahren, andererseits aber macht Ihr selbst es doch nicht wirklich besser?

Also ja: Jede Zeitung, jedes Schmierblatt, jeder TV-Sender, der sich solcher Wortschöpfungen bedient, hat die Eskalation, die vom rechten Rand immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringt, mit vorangetrieben.

Wir haben keine Flüchtlingskrise - Flüchtlinge gab es schon immer -, wir haben eine Faschistenkrise. Es gibt keine Flüchtlingsproblematik, es gibt eine German-Angst-Problematik. Die Flüchtenden sind nicht das Problem. Das was in der Welt passiert, ist das Problem. Kriegsproblematik. Wirtschaftsproblematik. Selbsterkorene-Vaterlandsverteidiger-Problematik. Aber bitte doch keine Flüchtlingsproblematik.

Wer trägt die Schuld?

Fazit: An der rechtskonservativen Krise, dem Vormarsch der (nach Meinung ihrer selbst angeblich nicht mehr existenten) Nazis in Deutschland, haben Medien und Politik ihren Anteil zu tragen.

Daran, dass vermeintliche Patrioten nun wieder grölend vor Asylbewerberheimen stehen, sie anzünden, und jetzt auch in Landtagen sitzen - daran tragen Medien und Politik ebenfalls Schuld.

Aber daran tragen auch alle die Schuld, die Alltagsrassismus zuvor als "ist ja nicht so gemeint" abgetan haben. Die den unter der Oberfläche brodelnden Rassismus in Deutschland als Fantasiegespinst der Linken abgetan haben. Die schweigend daneben saßen und sitzen, wenn in der S-Bahn jemand über "die Ausländer" schimpft.

Die ihren faulen Hintern vergangenen Sonntag nicht ins Wahllokal bewegt haben und natürlich und vor allem die, die zwar dort waren, aber ihr Kreuzchen fatalerweise aus unergründlicher, unbegründeter Angst und Xenophobie (ja, geht mal googeln!) heraus an eine Hartz-IV und Mindestlohn ablehnende, wirtschaftsliberale, nationalistische Partei vergeben haben.

Sprachen, Gesellschaften und Kulturen sind immer im Wandel

P.S. Ihr "lieben" AFD-Wähler (ob Prostest- oder nicht), Ihr seid leider immer noch nicht "das Volk" - sonst wäre eure Partei bei 100% der Stimmen gelegen. (Wobei ja nur die zählen, die von ihrem harterkämpften Privileg namens Wahlrecht überhaupt Gebrauch gemacht haben.) Ihr macht immer noch nur maximal ein Drittel des Volkes aus. Denkt mal drüber nach.

P.P.S. Ihr "lieben" "besorgten Bürger", die Ihr so eifrig damit beschäftigt seid, die deutsche Kultur zu retten. Ist Euch eigentlich klar, dass Sprachen, Gesellschaften und Kulturen sich schon immer im Wandel befanden, gar erst durch Vermischung, Wanderung und Veränderungen entstanden sind?

Ohne diese Veränderungen wäre keine Gesellschaft oder Hochkultur überhaupt je zustande gekommen, weil ein Fortschritt gar nicht möglich wäre. Ich weiß, das passt nicht in Eure vom heimischen Gartenzaun beschränkten Weltbilder, ist aber nun mal tatsächlich so.

Ihr habt keine Angst, Eure Kultur (Dosenbier und Parolen grölen sind übrigens keine besonders schützenswerten, kulturellen Errungenschaften) zu verlieren, Ihr habt schlichtweg Angst vor Veränderung!

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