BLOG

Schwarz Rot Gold: Schwarze in Deutschland

03/09/2015 17:10 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 11:12 CEST

Ich bin weiß. Ich bin weiß, habe blonde Haare und blaue Augen. Ich bin sogar so weiß, dass mein Freund mich liebevoll "Mozarella" nennt. Ich bin so eine Art Abbild einer Deutschen. Sogar mein Nachname ist so deutsch, dass es deutscher schon fast nicht mehr geht. Ich bin weiße Deutsche und mein Diskriminierungskriterium ist höchstens mein Geschlecht.

Aber: Mich spricht in Deutschland in aller Regel keiner zuerst auf Englisch an. Mir ruft keiner Beleidigungen hinterher oder diffamiert mich. Niemand fragt mich, ob ich plane, irgendwann wieder "zurück in meine Heimat zu gehen". Keiner hinterfragt meine "Abstammung" oder schreibt sie einer anderen Nation zu, weil wir "ja eh alle gleich aussehen".

Aber was definiert eigentlich Deutschsein?

Die Sprache?

Der Pass?

Die Hautfarbe?

2015-09-03-1441264934-6021568-SRG_FINAL_White.jpg

Foto Credit: © Schwarz Rot Gold

Vor 23 Jahren fragten drei Heidelberger in Ihrem Song 'Fremd im eigenen Land': "Ist es so ungewöhnlich, wenn ein Afrodeutscher seine Sprache spricht?" Und es scheint, als wäre diese Frage immer noch nicht abschließend oder befriedigend beantwortet. Besonders vor dem Hintergrund des Verbaleklats des bayrischen Innenministers Herrmann vor wenigen Tagen in der ARD-Talkshow "Hart aber fair", mit dem er einen ordentlichen Shitstorm losgetreten hat.

Innerhalb des darum entstandenen Diskurses blitzt wie eine Art Vorwurf die Einstellung auf, der deutsche "Durchschnittsgutmensch" sei aufgrund der problematischen Situation in der Asylfrage hypersensibel geworden. Das sind die Gleichen, die denken, wo doch rassistische Äußerungen mittlerweile wieder salonfähig geworden sind, kann man "den Neger" auch schon mal wunderbar finden, solange er uns den stets gut gelaunten, lustigen Tanzbarden macht.

Der weiße Mann, der Standardmensch

Dieses Bild ist nichts weiter als der hässliche Überrest kolonialistischen und patriarchalen Denkens, das sich später in der faschistischen Rassenlehre als dankbares Propagandamittel erwies.

Leider scheint auch im Jahr 2015 bei vielen Menschen immer noch nicht angekommen zu sein, dass es "den Deutschen" nicht gibt.

Es gibt auch keine unterschiedlichen, menschlichen Rassen - die einzige, heute lebende Menschenrasse ist der Homo sapiens. Dass seine Haut dabei in unterschiedlichen Farbtönen daher kommt, ist teils evolutionäre Notwendigkeit, teils durch Vermengung der für den Hautton verantwortlichen Pigmente Eumelanin und Phäomelanin entstanden, deren jeweilige Dominanz bei der Fortpflanzung genetisch festgelegt wird.

Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land. Kein Ausländer und doch ein Fremder.

- Advanced Chemistry; 1992

Ein weiteres Überbleibsel der Kolonialisierung - auch wenn es sicher irgendwann ganz natürlich passiert wäre - ist der Umstand, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe heute nicht mehr nur vorrangig in sonnenreichen Ländern beheimatet sind. Sie gehören ganz selbstverständlich in jeder Gesellschaft dazu. Ihren Exotenstatus haben sie leider dennoch inne. Und das fängt ganz banal bei der Sprache an und hört bei den Berufen auf.

Selbst der "wunderbare Neger" Roberto Blanco würde auch heute wahrscheinlich noch nicht am Bankschalter stehen. Aber als Bespaßer ist er ja harmlos. Erst kürzlich wurde Simon Pearce - Comedian übrigens, wie es der Zufall will - in München grundlos angegriffen. Natürlich nicht grundlos. Er hat dunklere Haut. Das ist manchen eben Grund genug.

Der schwarze Mann, die Bedrohung. Natürlich hat sich einiges gebessert, aber heile Welt ist es noch lange nicht. Eine ganze Reihe Afrodeutscher könnte dazu wahrscheinlich mehr erzählen, als ich es überhaupt in diesen wenigen Zeilen auch nur anzureißen vermag.

Deshalb habe ich mich für diesen Artikel mit einem jungen Mann unterhalten, der mir - und Euch - das Leben als Afrodeutscher vielleicht ein bisschen näher bringen kann. Der erklären kann, wie es sich anfühlt, zeitlebens mit Klischees und Vorurteilen, mit dem, was die Soziologie positive Diskriminierung nennt, und körperlichen Übergriffen leben zu müssen.

Schwarz Rot Gold

Trailer © Schwarz Rot Gold

Jermain Raffington (30) ist Ex-Basketballprofi, Fotograf, Journalist, sowie Initiator und Moderator der Webproduktion Schwarzrotgold.tv.

Das Magazin soll "positive Leitbilder für junge Schwarze Deutsche geben," erklärt Jermain die Idee hinter Schwarz Rot Gold. Dass ein Leitbild nicht zwingend ein internationaler Superstar sein muss, beweist zum Beispiel das bewegende Interview mit Marie Nejar.

Die charmante Hamburgerin ist als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen (die wiederum selbst einen Vater aus Martinique hatte) während der NS-Zeit groß geworden. Auf schwarzrotgold.tv erzählt sie sehr eindrücklich, wie sie es in dieser Zeit geschafft hat, ihre Identität zu finden und wie sie heute mit Rassismus umgeht.

2015-09-03-1441261074-1415104-MarieNejar.jpg

Foto Credit: © Schwarz Rot Gold / Til Gold & PvK

Geschichten wie die der Marie Nejar, aber auch anderer Afrodeutscher, sollen schwarzen Jugendlichen in Deutschland das geben, was Jermain Raffington selbst nie hatte: Vorbilder.

Vorbilder, "die einem ähnlich sind und die vergleichbare Erfahrungen gemacht haben."

Zu diesen Erfahrungen zählt neben dem "in Deutschland sehr beliebte Starren" auch "diese leidige Frage, woher man 'wirklich' kommt und nach gegebener Antwort die Unzufriedenheit des Gegenübers zu spüren," oder "Sätze, wie 'Du bist doch sicher ein super Tänzer!' und 'Du kannst sicher gut singen oder bist ein toller Athlet'."

Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem

Stereotype Zuschreibungen wie die eben genannten gehören in die Kategorie des sogenannten 'positiven Rassismus'. Dieser Begriff beinhaltet, dass auch gut gemeinte Vorurteile am Ende des Tages immer noch Vorurteile sind. (Und wie meinte einst schon Tucholsky? "Das Gegenteil von 'gut' ist 'gut gemeint'.")

Vielleicht - und selbst das darf angezweifelt werden - tun sie weniger weh, als offen rassistische Übergriffe, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Und Worte sind ein sehr mächtiges Instrument.

Zu fragen woher jemand kommt spricht dem Gefragten nicht per se das Deutschsein ab, aber drängelndes Dreifachnachfragen und «Komm', Du weißt was ich meine» sind zumindest unterschwellig rassistisch und auf jeden Fall verletzend.

Dabei handelt es sich bei diesem Phänomen nicht um eine rein afrodeutsche Problematik. Auch, z.B., der gebürtige Bielefelder Abdelkarim Zemhoute, Sohn marokkanischer Einwanderer, hat dieses Thema in seinen Comedy-Shows und Auftritten schon oft aufgegriffen.

Dessen ist sich auch Jermain bewusst: "Mit Schwarz Rot Gold haben wir uns auf Schwarze Deutsche konzentriert. Aber das Konzept ist für viele 'People of Color' und Minderheiten relevant. Die starke positive Resonanz auf unseren Trailer und die erste Staffel hat uns gezeigt, dass ein hoher Bedarf an ähnlichen Themen besteht. Für viele Menschen mit bi-kulturellem Hintergrund und die deutsche Gesellschaft als Ganzes ist die Frage der eigenen Identität ein wichtiges Thema. Zudem ist Rassismus nicht nur ein Problem von Minderheiten. Es ist ein Thema, das uns als Gesellschaft alle angeht, sei es als Leidtragende oder als Privilegierte. Es ist wichtig zu verstehen, dass Rassismus nicht erst bei Nazis in Springerstiefeln anfängt, sondern in teils sichtbaren, teils unsichtbaren Strukturen in Deutschland steckt."

Eines ist auch klar. Kein Mensch kann sich frei machen von Vorurteilen. Auch ich nicht. Die Frage aber ist, ob man bereit (und fähig) ist und bleibt, sich stets selbst zu hinterfragen, seine Vorurteile zu revidieren und den Charakter eines Menschen in den Vordergrund zu stellen.

2015-09-03-1441265298-1862347-DSC_06862.jpg

Behind The Scenes mit Patrick Mushatsi Kareba; Foto Credit: © Schwarz Rot Gold

Oder eben nicht.

So wie diese Menschen, die andere aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Religion dämonisieren. Dieser offene Rassismus, wie man ihn derzeit wieder tagtäglich vor Augen geführt bekommt... er war nie wirklich weg: "Das rechte Gedankengut ist, wie man leider gerade in den letzten Wochen feststellen kann, stärker vertreten als gedacht. Hier bedarf es noch einer Menge Aufklärung und positiven Kontaktes," so der Initiator von Schwarz Rot Gold.

2015-09-03-1441266533-1112188-DRC_8574.JPG Behind The Scenes mit Hadnet Tesfai; Foto Credit: © Schwarz Rot Gold

Wie geht man mit Rassismus um?

Es ist sicher schwer, wenn nicht gar unmöglich, zu versuchen nachzuempfinden, was es aus einem macht, tagtäglich auf die ein oder andere Art und Weise mit stereotypischen Erwartungshaltungen, Klischeevorstellungen, rassistischen Ressentiments konfrontiert zu sein.

Ich bin kein Ausländer, Aussiedler, Tourist, Immigrant. Sondern deutscher Staatsbürger und komme zufällig aus diesem Land.

- Advanced Chemistry; 1992

Ich denke daran, wie wütend ich schon ob einer Vielzahl von Äußerungen im Rahmen des Asyldiskurses werde. Ich vermag mir aber nicht vorzustellen, wie ich damit umginge, wäre ich selbst das Ziel rechter Ideologie.

Ich habe Jermain gebeten, zu versuchen, dieses Gefühl in Worte zu packen. Aber auch ihm mag das nicht so recht gelingen:

"Sehr schwierig. Andere Menschen schauen dich an und du kannst sehen, dass sie etwas Angst vor dir haben, dich für weniger intelligent halten oder ein ganz bestimmtes Bild von dir haben. Weiße Frauen können das vielleicht teilweise nachempfinden.

Gerade in alltäglichen Situationen sind es meist nur kleine Dinge, die man als kleine Nadelstiche beschreiben könnte. Doch über die Jahre hinweg werden diese kleinen Stiche zu einer großen, sehr tiefen Wunde, die heftig blutet. Es ist wirklich schwierig, dieses Gefühl zu beschreiben."

Auch deshalb ist Schwarz Rot Gold entstanden. Als eine Möglichkeit, mit Rassismus umzugehen. "Es geht uns darum, das Gefühl zu bekämpfen, das sein Gegenüber einem bereitet, indem er ein ganz bestimmtes Bild von einer Schwarzen Person hat.

Abschätzige Blicke, Beschimpfungen sind auch mir in der Vergangenheit begegnet und begegnen mir auch heute noch. Das Schwierige daran ist, dass solche Situationen aus dem Nichts heraus passieren. Man erwartet es nicht."

Und genau deshalb ist es Jermain so wichtig, auch mithilfe des Projektes, Wege aufzuzeigen, wie man auf rassistische Provokation am besten reagiert: "Einige unserer Protagonisten machen das mit Humor, wenn es geht, oder mit zurecht gelegten Antworten. Oder, in krassen Situationen, mit der Justiz.

Ich versuche die Menschen eigentlich meistens zu konfrontieren. Natürlich nur verbal. Aber man sollte die Situation abwägen, denn manchmal ist es es einfach nicht wert oder kann sogar gefährlich werden, dann sollte man einfach gehen oder um Hilfe bitten. Das ist natürlich schwierig, wenn es sich um die Polizei selbst handelt.

Aber Deutschland hat viel Zivilcourage. Auch das sieht man täglich."

2015-09-03-1441265128-7374407-DSC_61471.jpg

Foto Credit: © Schwarz Rot Gold

Die zweite Staffel von schwarzrotgold.tv ist bereits abgedreht und kann hoffentlich bald produziert werden. Um den Fortbestand auch finanziell zu sichern, plant das Team von Schwarz Rot Gold aktuell eine Crowdfundingkampagne.

Über diese, sowie über den Stand der Dinge und den weiteren Verlauf dieses wichtigen Projektes könnt Ihr Euch auf Facebook, direkt auf der Webseite und auf Twitter informieren. (Ihr kennt das ja.)

Ich danke Jermain für die Zeit, die er sich für dieses Interview genommen hat und wünsche ganz viel Erfolg für das Fortbestehen von Schwarz Rot Gold.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Jermain Raffington und Schwarz Rot Gold.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Experiment in Fußgängerzone: Rassismus-Test in Deutschland endet mit erstaunlichem Ergebnis

Hier geht es zurück zur Startseite