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Mein Ex-Freund hat mich 4 Jahre verprügelt - warum ich trotzdem so lange bei ihm geblieben bin

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GEWALT GEGEN FRAUEN
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Häusliche Gewalt nimmt zu. Laut dem BKA sind im vergangenen Jahr knapp 130.000 Menschen in Deutschland Opfer von Gewalt in ihrer Partnerschaft geworden - die meisten davon sind Frauen. Rund die Hälfte der Opfer lebte mit dem Täter unter einem Dach.

So ging es auch Julia Eff, die vier Jahre lang immer wieder von ihrem Ex-Freund verprügelt wurde. Für die Huffington Post hat sie ihre persönlichen Erlebnisse von Anfang und Ende der Beziehung aufgeschrieben.

Ich saß vor dem Spiegel, als mir klar wurde, dass es genug ist. Als mir klar wurde, dass ich jetzt gehen muss. Dass ich, wenn ich nicht jetzt gehe, vielleicht bald nicht mehr die Möglichkeit dazu haben werde.

Ich saß vor dem Spiegel und konnte mir nicht in die Augen schauen. Ich habe mich zu sehr geschämt dafür, dass ich es so lange zugelassen habe, verprügelt und gewürgt zu werden. Dass ich mich nicht trennen konnte, trotz der Angst um mein Leben die ich bei seinen Attacken immer wieder gespürt habe.

In dem Moment, als ich gesehen habe, wie gebrochen ich bin, wusste ich, dass es so nicht weitergehen kann. Ich rief meine Mutter an, sie kam, ich stieg in ihr Auto ein - und ging. Nach vier Jahren körperlicher und seelischer Gewalt.

Wut und Enttäuschung

Angefangen hat alles ganz normal. Wie eine Beziehung eben so anfängt. Wir lernten uns über Freunde kennen, kamen zusammen. Auch wenn ich heute rückblickend nicht mehr so genau weiß, wieso ich mich in ihn verliebt hab. Irgendwie war er schon immer anders.

Mein Ex-Freund lebte, als wir zusammenkamen, noch in einer anderen Stadt, wir führten damals eine Wochenendbeziehung.

Die erste Attacke kam nach ungefähr zwei Monaten.

Ich habe ihn für ein Wochenende besucht. Wir waren mit seinen Freunden abends in der Stadt unterwegs - und tranken. Sehr viel. So viel, dass ich einen Blackout hatte.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich alleine in einer Straße einer mir unbekannten Stadt wieder. Mein Ex-Freund war weit und breit nirgendwo zu sehen. Ich rief ihn an, aber er nahm nicht ab. Als ich es irgendwie schaffte, den Weg durch die dunkle fremde Stadt zu seiner Wohnung zu finden, öffnete er auf mein Klingeln die Tür nicht.

Mehr zum Thema: Gewalt gegen Frauen: Ausgerechnet ich, die emanzipierte Abenteurerin, der Freigeist, ließ mich so behandeln

Nach gefühlt 100 Versuchen machte er sie schließlich auf. Ich war so wütend und enttäuscht, dass mich mein Freund, der Mensch, dem ich vertraute, einfach alleine gelassen hatte. Dass er mich meinem Schicksal überlassen, mir nicht geholfen, mich den Gefahren, die die Nacht für ein bewusstloses Mädchen nun mal birgt, ausgesetzt hat.

Angst vor neuen Gewaltattacken

Ich packte meine Sachen und wollte gehen. Aber als ich aus der Wohnung raus wollte, versperrte er mir den Weg. Erst schrie er, dass ich nicht gehen sollte, dass ich ihn nicht verlassen sollte. Und ehe ich mich versah, umschlossen seine Hände meinen Hals und er würgte mich.

Dann setzte er sich auf meine Brust - und würgte weiter. Irgendwann ließ er von mir ab. Aus Angst vor einer neuen Attacke blieb ich, ich dachte, irgendwann könne ich mich schon rausschleichen, heimlich. Aber ich habe es nicht gemacht. Ich bin das ganze Wochenende geblieben, wie geplant, als ob nichts vorgefallen wäre.

Natürlich hat er sich entschuldigt. Das würde nie wieder vorkommen, hat er versprochen. Er hat mich angefleht, nicht zu gehen, ihn nicht zu verlassen, bei ihm zu bleiben. Ich habe ihm seine Entschuldigungsreden geglaubt - und bin geblieben. In diesem Moment, in dem ich mich beschlossen habe, ihn nicht zu verlassen, hat sich Pandoras Box geöffnet.

"Ehe ich mich versah, umschlossen seine Hände meinen Hals und er würgte mich."

Danach ist erst mal eine Weile nichts passiert - und nach vier Monaten sind wir zusammengezogen. In der Zeit übte er oft psychische Gewalt aus. Er machte mich nieder, er hielt mich klein.

Ich habe das alles zum damaligen Zeitpunkt nicht so wahrgenommen wie ich es jetzt kann. Jetzt, mit der Außensicht und acht Jahren dazwischen kann ich sagen, dass es schrittweise bergab ging. In kleinen Schritten, immer tiefer. In so kleinen Schritten, dass ich sie nicht bewusst miterlebt habe.

Die Attacken kamen immer wieder. Alle paar Wochen, manchmal lagen auch Monate dazwischen. Er kam nie einfach betrunken heim und hat auf mich eingedroschen. Wenn er mich würgte, mich mit seinen Fäusten schlug, dann ging dem immer ein Streit voraus. Und der eskalierte dann.

Ewige Entschuldigungen

Einmal ging es soweit, dass ich einen Krankenwagen rufen musste. Zuvor hatte er mit beiden Fäusten in mein Gesicht geschlagen, während er auf meinen Armen saß, damit ich mich nicht wehren konnte.

Aber: Mit dem Krankenwagen kam auch die Polizei. Und die riet mir dazu, Anzeige gegen ihn zu erstatten. Das wollte ich nicht, mir hat der Mut dazu gefehlt.

Nach jeder Attacke war immer wieder alles gut. Wir haben zahllose Gespräche geführt, jeden Vorfall reflektiert und aufgearbeitet. Er hat sich jedes Mal wieder entschuldigt, mir Geschenke gemacht. Er gestand alle Schuld ein und versprach hoch und heilig, dass es dieses Mal auch wirklich das letzte Mal gewesen sei. Er würde an sich arbeiten. Er würde damit aufhören. Gehalten hat er seine Versprechen nie.

"Ich war psychisch abhängig von ihm. So abhängig, dass ich einfach nicht gehen wollte."

Ich habe ihm trotzdem immer noch geglaubt. Ich wollte mir selber nicht eingestehen, wie es um die Beziehung steht, wie schlecht es mir geht, wie schlecht er mich behandelt. Ich war psychisch abhängig von ihm. So abhängig, dass ich einfach nicht gehen wollte. Und dass ich die Hoffnung, er würde doch noch etwas ändern, viel zu lang am Leben ließ.

Ich habe mir, so lange ich denken kann, gesagt, sobald ein Mann einmal die Hand gegen mich erhebt, bin ich weg. Ich bin stark, ich lasse mir das nie im Leben gefallen. Leicht gesagt von denen, die so eine Situation noch nicht erleben mussten. Aber schwer getan, wenn man einmal in ihr steckt.

Eigene Schuldgefühle

Der Weg in die Abhängigkeit bis zu dem Punkt, an dem man keinen Schlussstrich mehr ziehen kann, ist ein schleichender. Ich habe mich während der Beziehung immer mehr von meinen Freunden abgeschottet, ganz langsam, jeden Tag ein bisschen mehr. So sehr, bis ich nur noch in der Arbeit und zu Hause mit meinem Ex-Freund Zeit verbracht habe. Wir haben während unserer kompletten Beziehung in einer Zweier-Blase gelebt.

Und als es mir dann richtig schlecht ging, gab es eigentlich keine Freunde mehr, mit denen ich darüber reden konnte. Niemanden mehr, den ich um Hilfe bitten wollte. Ich wollte mich nicht so lange Zeit nicht melden und dann gleich um einen Gefallen bitten. Ich habe meine Probleme für mich behalten so gut es ging.

Ich habe mir auch selbst sehr viel Schuld gegeben. Es ging den Attacken ja immer ein Streit voraus - und den habe oft ich angefangen. Oft, wenn ich Alkohol getrunken hatte, weil ich dann den Mut aufbringen konnte, über meine Gefühle und Wünsche zu sprechen. Und dann ging oft mein Temperament mit mir durch - und ich bin ausgeflippt. Für ihn war Gewalt der einzige Ausweg aus dieser Eskalation.

"Für ihn war Gewalt der einzige Ausweg aus dieser Eskalation."

Die letzte Attacke, die kurz vor dem Spiegel-Moment, die vor dem Moment als ich endlich gehen konnte, ist ganz weit weg für mich. Ich erinnere mich nicht mehr an sie.

Ich weiß nur noch wie ich dann endlich raus konnte, raus aus dieser Psycho-Hölle.

Irgendwann, auch durch die Therapie, die ich schließlich gemacht habe, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass man an jeder Erfahrung im Leben wächst. Dass alles, so schrecklich und furchtbar es auch ist, einen Sinn hat.

Soziales Umfeld bewahren und Familie ins Vertrauen ziehen

Natürlich, ich hätte diese Erfahrung lieber nicht gemacht. Und klar, sie ist ein extremes Beispiel für den Sinn im Leben. Aber ohne diese Beziehung hätte ich nie meine Therapie gemacht. Und durch die habe ich mehr gelernt, als die Beziehung zu verarbeiten. Zum Beispiel, dass ein Grund, wieso ich im Streit immer so ausgeflippt bin, meine leichte Borderline-Persönlichkeitsstörung ist.

Im Grunde hat mich diese Zeit in meinem Leben, so schlimm sie auch war, vorwärts gebracht. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, aus meinen Schwächen Stärken zu machen. Ich war nach dieser Beziehung so zerbrochen, dass ich mich wie ein Puzzle vollständig neu zusammensetzen musste. Und konnte so zu dem Charakter werden, der ich schon immer sein wollte.

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So gern wie ich mir diese Erfahrung erspart hätte, so wichtig finde ich es, nicht darüber zu schweigen. Wenn meine Geschichte nur einer einzigen, anderen Person hilft, sich schneller aus so einem Gefängnis emotionaler und körperlicher Gewalt zu lösen, hat es sich gelohnt, durch diese Hölle zu gehen.

Wenn nur eine einzige, andere Person durch meine Erlebnisse versteht, dass man seinen Instinkten trauen und trotz aller Verliebtheit schon bei der ersten "Da stimmt was nicht"-Ahnung auf Abstand gehen sollte, war es das wert.

Ich würde heute klar anders handeln. Ich würde gehen. Schon nach dem ersten Angriff. Ich würde mir mein eigenes soziales Umfeld bewahren und meine Freunde und Familie ins Vertrauen ziehen. Denn tatsächlich sind sie der beste Rettungsanker, den man haben kann.

Aufgezeichnet wurde das Protokoll von Katharina Schneider.

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