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So geht BGE - Ein Mann macht's vor

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GRUNDEINKOMMEN
dpa
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Finnland macht es, Holland denkt darüber nach. Und Deutschland sitzt es, wie so vieles andere, aus. Die Rede ist vom Bedingungslosen Grundeinkommen (#BGE). Drogeriemarktgründer Götz Werner hat vor einigen Jahren ein Buch über die Machbarkeit des Grundeinkommens geschrieben und setzt sich nach wie vor für dessen Umsetzung ein. In Fachzeitschriften und Tageszeitungen wird es aktuell dominant diskutiert.

Und Michael Bohmeyer aus Berlin geht seinen ganz eigenen Weg in Sachen Grundeinkommen: Er gründet eine Funding-Page und verlost dort jedes Mal bei Erreichen von 12.000 Euro das BGE unter den registrierten Spendern und Profilinhabern. Das Prinzip ist denkbar einfach. Man erstellt sich auf mein-grundeinkommen.de ein Profil und nimmt somit automatisch jeden Monat auf's Neue an der Verlosung der 1.000 Euro teil. Und kann natürlich selbst etwas zu dem Projekt beisteuern, indem er en Betrag nach Wahl oder Möglichkeit spendet.

Warum Bedingungsloses Grundeinkommen?

2015-06-29-1435570953-4212735-MichaelBohmeyerPhotobyStephanieNeumann_MG_7081.jpg"Ich fand das Grundeinkommen schon immer spannend und dachte, das muss man einfach mal ausprobieren," sagt Micha, 30, Gründer von mein-grundeinkommen.de. (Links im Bild, © Stephanie Neumann)

Dass das aber nicht ohne weiteres zu stemmen wäre, war auch ihm klar: "Das Problem ist immer, man braucht sehr viel Geld und ich dachte, vielleicht würde ich ja eines Tages reich, dann würde ich aus dem Telefonbuch wahllos Leute raussuchen und denen Geld schenken. Einfach so. Natürlich weiß ich, dass ich erstmal kein Internetmillionär werde. Also brauchte es eine andere Finanzierungsform. Da lag Crowdfunding recht nah."

Die Idee zur Grundeinkommensfundpage stand bereits im Dezember 2013. Allerdings fehlte es zunächst nicht nur an eben besagten finanziellen Kapazitäten und Lösungen, sondern: "Obwohl ich schon viele Start-ups im Internet gemacht habe, waren trotzdem noch so viele Ängste und Unsicherheiten da, ob das funktionieren kann und auch was ist, wenn es scheitert. Immerhin muss ich ja auch mit irgendetwas Geld verdienen."

Die eigene Grundsicherung von 1.000 Euro, die er seit seinem Ausstieg aus einem seiner bestfunktionierenden Start-ups in Form einer monatlichen Gewinnausschüttung bezieht, gab dann den Weg endgültig frei: "Als ich ein halbes Jahr mein eigenes Grundeinkommen bezogen, diesen Prozess selbst einmal durchlaufen hatte, habe ich gemerkt, 'Krass ich kann's ja einfach machen, ich bin ja abgesichert. Ich kann mich das jetzt einfach mal trau'n.'"

Seine monatlichen 1.000 Euro und der berufliche und private Freiraum, der sich ihm somit erschloss, waren also der Schlüssel. "Oft wird kritisiert, dass mein Ansatz so egoistisch sei, weil ich nur versucht hätte, mein eigenes Grundeinkommen zu sichern, statt mich für das der anderen einzusetzen," erzählt der Micha im Gespräch mit der Autorin, "aber ich glaube, das ist doch genau der Weg: Erst wenn es dem Menschen mal für sich gut geht, kann er seine soziale Seite überhaupt zeigen und sich um andere kümmern. Ich musste selbst zunächst abgesichert sein, damit ich für andere Menschen ein Grundeinkommen ermöglichen konnte."

Den Umständen geschuldet

Kritiker des Prinzips Bedingungsloses Grundeinkommen argumentieren oft, dass eine bedingungslose Grundversorgung den Menschen zur Faulheit verleiten würde, dass 'keiner' mehr arbeiten würde. Befürworter gehen genau vom Gegenteil aus. Weniger Druck, weniger psychische Belastung und mehr persönliche Freiheit, würden eher dafür sorgen, dass man vielleicht auch Arbeiten verrichtet, die nicht oder nur wenig bezahlt würden. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn man nicht mehr um seine Existenz bangen muss, kann man die Arbeit verrichten, die einem etwas zurückgibt, die man gerne macht und sich Arbeiten suchen, die ganz und gar zur Persönlichkeit passen, auch wenn sie vielleicht weniger abwerfen.

Eine ähnliche Erfahrung hat auch Micha für sich gemacht. Das erste halbe Jahr mit seinem eigenen Grundeinkommen, während er über seiner Idee zu mein-grundeinkommen.de brütete, hatte er das erste Mal wirklich Zeit. Zeit sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die ihn persönlich interessierten und hat festgestellt: Es mangelt ihm nicht an Ideenreichtum und Kreativität, nur hat man im Normalfall einfach viel zu wenig Zeit, seinen Ideen Raum zu geben und die eigenen Kreativität auszuleben: "Ich war lange in so einem Abarbeiten-Arbeiter-Modus und dachte einfach, 'ich bin eben nicht kreativ, Pech gehabt!' Dabei machen das vielmehr die Umstände mit einem."

Im Grunde also böte ein bedingungsloses Grundeinkommen jedem Menschen diese Möglichkeit. Und aus kreativem Nährboden könnte eine ganz neue, produktivere und entspanntere Gesellschaft entstehen. Eine Gesellschaft, auf die Micha, wie viele andere auch, mit Engagement und neuen Ansätzen, hinarbeitet: "Ich habe so eine tiefe Sehnsucht in mir nach einer solidarischeren Gesellschaft und so eine Unzufriedenheit darüber, wie es jetzt ist. Dieses Gefühl: das kann doch jetzt nicht alles sein."

Nach bestem Wissen und Gewissen

Ist Micha ein Träumer? Utopist? Einer von diesen ekelhaften Gutmenschen, von denen man von gewissen Seiten immer wieder hört?

"Nö," antwortet er entschlossen und betont, dass er nicht gerne in Gut-und-Böse-Kategorien denkt: "Ich habe Prinzipien und mit denen versuche ich mich nach bestem Wissen und Gewissen in den Diskurs einzubringen, ohne dabei am Ende den Fehler zu machen nur mich zu positionieren. Ich versuche gemäß meinen Kriterien Gutes zu tun, aber ob ich ein Weltverbesserer bin, das müssen andere sagen."

Mit seinem Vorstoß in Sachen Grundeinkommen hat er jedenfalls die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit schon einmal überzeugt. Anfang Juni hat man seinem Verein den Nachhaltigkeitspreis verliehen. Und auch der Verein selbst ist stetig am Wachsen. Fast 21.000 Menschen haben sich bisher aktiv auf der Plattform mein-grundeinkommen.de eingebracht, 13 Grundeinkommen konnten bisher finanziert und ausbezahlt werden und auch sein Staff ist mittlerweile auf acht Mitarbeiter*innen angewachsen, so dass im Juli neue Räume bezogen werden.

"Im neuen Büro haben wir die Chance, noch andere Initiativen mit reinzuholen und wir denken und momentan auch ganz viele neue Ideen aus, mit denen wir bald starten wollen," erzählt der 30-Jährige weiter.

2015-06-29-1435571064-4489886-Bildschirmfoto20150629um09.50.20.pngScreenshot: Mein-Grundeinkommen.de

Die zwei Seiten der Bedingungslosigkeit

Über seine neuen Ideen verrät er im Gespräch: "Bei mein-grundeinkommen kann ja jeder mitmachen und nun wollen wir das Thema Bedingungslosigkeit von zwei weiteren Seiten angehen."

Das erste Projekt ist ein ehrliches Crowdfunding. "Bisher läuft es bei Crowdfundings ja so, dass sich Menschen hinter einem Produkt verstecken. Dann sagen sie: 'Ich brauche 10.000 Euro für ein Musikalbum.' Meinen aber eigentlich: 'Ich brauche 10.000 Euro zum leben, um in dieser Zeit ein Musikalbum zu machen.' Und wir wollen jetzt eine ehrliche Version davon installieren, wo Leute sich selbst ein bedingungsloses Grundeinkommen crowdfunden lassen können."

Idee Nummer zwei dagegen setzt genau am anderen Ende an: "Gleichzeitig wollen wir noch so eine Art 'Grundeinkommen von unten" machen. Da überlegen wir grade eine Sanktionsversicherung für Hartz IV zu etablieren. Man zahlt also einen ganz geringen Betrag ein und wenn man das Jobcenter die Bezüge kürzt, wird der sanktionierte Betrag ausgeglichen. Das heißt, man hätte ein bedingungsloses Hartz IV."

#BGE deutschlandweit?

Was, wenn das Bedingungslose Grundeinkommen in Finnland und vielleicht später in Holland funktioniert? Wird Deutschland nachziehen? Oder sich einmal mehr weigern, von den Skandinaviern zu lernen? Und von Holland behaupten, dass sich das Prinzip von einem kleinen Land nicht auf ein so großes wie Deutschland übertragen lässt? Oder wird uns die deutsche Regierung doch nochmal überraschen und sich ihrer sozialpolitischen Verantwortung bewusst werden?

Micha plant, es Frau Merkel (oder ihrer Ablöse, falls die in diesem Jahrhundert nochmal kommen sollte) einfach zu machen: "Im Idealfall muss Frau Merkel dann nur noch den Schalter umlegen und sagen: 'Das machen wir jetzt bundesweit.'"

Er ist fest überzeugt: "Es wird ein Grundeinkommen geben. Da bin ich komplett sicher, weil es nicht anders funktionieren kann auf Dauer. Alles Zeichen deuten darauf hin. Wir werden sonst einfach Massenarmut, weil Massenarbeitslosigkeit haben, wegen der voranschreitenden Automatisierung. Die Frage ist nur wann es kommt und wie es kommt. Und wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass es möglichst bald kommt und möglichst bedingungslos vor allem. Das ist ja das wichtigste. Und dass es auch eine existenzsichernde Höhe hat, statt am Ende nur ein 'Hartz IV für alle' zu werden. Denn die Gefahr beim Grundeinkommen ist auch immer die, dass es als Grund genommen wird, den Sozialstaat drumherum abzubauen. Da müssen wir aufpassen."

Micha und seine Mitstreiter werden ihren Weg weitergehen und ihn mit ihren digitalen Pilotprojekten ebnen.

Und wer das Team und den Bedingungsloses Grundeinkommen e.V. unterstützen möchte, wer gerne die Chance auf eine eigene einjährige, bedingungslose Grundsicherung von 1.000 Euro im Monat haben möchte, kann das auf der Seite www.mein-grundeinkommen.de tun. Die nächste Verlosung ist für den 17. Juli festgesetzt: "Das Grundeinkommen für den Termin ist schon finanziert und vielleicht gibt es erstmalig sogar noch ein Zweites," verrät Micha zum Abschluss.

Anm.d.Autorin: Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von ©Mein Grundeinkommen e.V., 2015

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