BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Julia Blesgen Headshot

"Fiia ist falipt in Leno"- immer mehr Kinder in Deutschland schreiben nach Gehör - das gefährdet eine ganze Generation

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHULE
Getty
Drucken

"Fiia ist falipt in Leno"- Über diesen, an einem Container befindlichen, Spruch bin ich vor nicht allzu langer Zeit gestolpert. Zunächst hatte er mich ziemlich amüsiert, jedoch erinnerte ich mich schnell an die vielen verlorenen Nachmittage, an denen meine Mutter zusammen mit ihrem Tageskind über den Deutschhausaufgaben brütete.

Ich habe meine Mutter an diesen Tagen immer für ihre nicht endenwollende Geduld bewundert, denn häufig gingen besonders die Hausaufgaben in Deutsch mit Weinen, Geschrei und Wutausbrüchen des kleinen Knirpses einher.

Denn leider ist er eines der Kinder, die die Rechtschreibung anhand des sogenannten "Schreibens nach Gehör" erlernt haben. Dies führte dazu, dass er Worte und Sätze so bildete, wie er sie nun mal hörte.

Bis zur dritten Klasse war dies für seine Lehrerin auch vollkommen in Ordnung, nur ab da sollte er plötzlich die "richtige" Rechtschreibung anwenden. Was natürlich vollkommen verwirrend für das Kind war. Denn er hatte zwei Jahre lang, alles so geschrieben, wie er es nun einmal gehört hatte und dies sollte jetzt in vielen Fällen falsch sein?

Mehr zum Thema: Bildungsminister im Saarland plant Arabisch als Schulfach

Für mich ist klar, dass dies für kleine Kinder nur schwer verständlich sein kann. Als ich 1998 eingeschult wurde, sollte ich zunächst auch Worte nach diesem Prinzip schreiben. Jedoch war meine Neugier und mein Wunsch, mich auch durch das geschriebene Wort richtig ausdrücken zu können, so groß, dass ich mich, wann immer ich ein neues Wort zu schreiben gelernt hatte, glücklich an meine Eltern wandte und wissen wollte, ob es denn richtig geschrieben sei.

Da sie mich nicht belügen wollten, klärten sie mich immer über meine Fehler auf und wir verbesserten die Worte gemeinsam. Ganz ähnlich verlief es auch bei einigen meiner Freundinnen. Auch bei ihnen entschieden sich die Eltern zum Korrigieren von falsch geschriebenen Worten.

"Schreiben nach Gehör" fördert Misserfolge

Zum Missfallen unserer Lehrerin, denn wir sollten doch spielerisch die Rechtschreibung erlernen und das Korrigieren von Fehlern würde uns doch die Freude am Lernen nehmen. So würden wir doch schon viel zu früh mit Misserfolgen konfrontiert werden. Ich möchte an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Ich halte es nicht für falsch, Grundschülern spielerisch die Rechtschreibung näher zu bringen.

Jedoch halte ich es für fatal, Grundschüler dahin gehend anzuleiten, die falsche Rechtschreibung als "richtig" zu erlernen und zwei Jahre später zu sagen: "War alles nur Spaß. Ihr werdet jetzt höchst wahrscheinlich Euer ganzes Leben lang Probleme, mit der einfachsten Rechtschreibung haben, aber wenigstens wurde Euch die Freude am Lernen, nicht durch das Korrigieren genommen!"

Ich kann wirklich nicht verstehen, wie es hilfreich sein kann, einem Kind erst jahrelang etwas falsch beizubringen und erst danach richtig?!

Was einmal falsch im Kopf gespeichert ist, geht nur schwer wieder raus

Durch solch ein Vorgehen sind meines Erachtens Misserfolge und Frustration vorprogrammiert. Wie muss sich ein Kind dabei fühlen? Jahrelang hat es vielleicht sogar Spaß am Schreiben gehabt und plötzlich ist ein großer Teil von dem, was er oder sie einmal für richtig gehalten hat, falsch.

Diese falsche Rechtschreibung wieder loszuwerden, dürfte gar nicht so einfach sein, denn wenn sich die falsche Worte einmal im Kopf festgesetzt haben, ist es äußerst fraglich, dass sie diesen, auch schnell wieder verlassen.

"Fatta anstatt Vater" - und die Eltern müssen es toll finden

Ebenso muss es doch auch für die Eltern unheimlich hart sein, zwei Jahre haben sie es zähneknirschend geduldet, dass ihr Kind beispielsweise "Fatta" anstatt „Vater" schreibt und nun müssen sie ihrem Kind erklären, dass sie zwar wussten, dass die Worte falsch geschrieben waren, aber angehalten waren, die fehlerhaften Sätze nicht zu verbessern.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

So kommt es dann, dass viele Kinder die Freude am Schreiben verlieren, da sie überhaupt nicht mehr wissen, was denn jetzt richtig oder falsch ist, und im schlimmsten Fall werden sie ihr ganzen Leben lang eine Rechtschreibschwäche haben.

Es ist also ganz verständlich, dass immer mehr Eltern, aber auch immer mehr Lehrer fordern, dass das "Schreiben nach Gehör" aus den Klassenzimmern verschwindet.

Aus fröhlichen Kindern sollen keine frustrierten jungen Menschen werden

Denn es ist sowohl Eltern, als auch Lehrern ein Anliegen, dass die Kinder eine erfolgreiche Schulkarriere durchlaufen und sich nicht demotiviert und frustriert durch ihren Schulalltag quälen müssen.

Mehr zum Thema: Dieser Fall eines Schülers hat mir gezeigt, was fast alle meine Kollegen falsch machen

Die Anforderungen an Schüler sind heute ohnehin schon viel höher, als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Immer mehr Leistungsdruck und Versagensängste plagen sogar schon die jüngsten Schüler.

Deshalb sollte den Schülern schon von Anfang an eine solide Grundlage geboten werden, damit aus fröhlichen und aufgeweckten Kindern, nicht schon zum Ende der Grundschule frustrierte und unglückliche junge Menschen werden.

So ist die Situation an deutschen Schulen

Schreiben nach Gehör soll den Kinder in der ersten und zweiten Klasse schnellere Erfolge beim Lesen und Schreiben verschaffen. In höheren Klassen müssen Eltern dann jedoch feststellen: Die Rechtschreibung zu lernen, ist danach doppelt so schwierig.

Hinzu kommt, dass in einigen Schulen, Rechtschreibfehler nicht mehr so stark gewichtet werden wie früher. So kann es sein, dass Schüler nie auf ihre Fehler aufmerksam gemacht werden.

Was in der Grundschule falsch gelehrt wird, zieht sich später, wie ein roter Faden durch den weiteren Bildungsweg. So haben laut dem Lehrerverband immer mehr Studenten Probleme beim Lesen.

Von Julia Blesgen, Autorin.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.