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Julia Bauer Headshot

Julia in Action - in der Hauptstadt der Festivals. Oder: Mein Sommer klang nach Dudelsack.

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„Noch eine Woche muss ich durchhalten, dann habe ich es geschafft und kann abends endlich wieder früh ins Bett!" Das sind die Worte der circa 75 Jahre alten Schottin neben mir. Wir sitzen zufällig nebeneinander in einer pompösen Konzerthalte mitten in Edinburgh. Sie trägt ein teures Abendkleid, hält ein Opernglas in der einen und ihre Lesebrille und das Programmheft des Abends in der anderen Hand. Gestern war sie auf zwei Buchlesungen, morgen geht's für die Dame ins Theater. So geht also Festival auf schottisch: Nichts da, Festwiese, Zeltplatz, Techno-Beats und Rauschzustand - das einzige, was einen in der weltweit führenden Festival-Stadt in einen Rausch versetzt, sind die unzähligen kulturellen Möglichkeiten vor Ort. Was man in nur einem Sommer in Edinburgh erlebt, reicht aus um die gesamte kalte Jahreszeit in Erinnerungen zu schwelgen.

Elf Feste richtet der Veranstalter das ganze Jahr über aus - allein die Hälfte davon im August. Ein Kunst- und ein Weltmusikfestival gehört genauso dazu wie ein Buchfestival mit Lesungen in den Cafés der Stadt. Die größten Events heißen jedoch: The Fringe sowie das Royal Edinburgh Military Tattoo.

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Ersteres Fest entstand am Rande eines politischen Ereignisses: Kulturschaffende und Künstler hatten nach dem Zweiten Weltkrieg ein "International Festival" geplant, um die Menschen aus ihrem Alltag zu entlocken. Doch sie luden nur wenige Gruppen ein. Die anderen aber kamen trotzdem, ganz nach dem Motto: Wo viele Zuschauer sind, spielen wir einfach auch. Und so entstand am Rande des eigentlich Geplanten, englisch "in the fringes", das heute größte Festival der Stadt. Zwei Millionen verkaufte Tickets pro Jahr, 299 Spielorte vom Keller bis zum Pub, vom Dachboden bis zum Kaufhaus. Die Randgruppe hat Edinburgh mittlerweile erobert. Noch nie in meinem Leben habe ich an einem Tag so viele Flyer und Einladungen in die Hand gedrückt bekommen: Die Werbemethoden der Künstler sind kreativ und persönlich.

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Etwas erhaben, oberhalb des kreativen Chaos steht die Stadtburg. Aber nicht nur als stille Beobachterin des bunten Treibens. Denn hier wird es drei Wochen lang so richtig laut und bunt: Beim königlichen Edinburgh Military Tattoo trumpfen Dudelsack-Formationen aus Schottland, den Commonwealth-Staaten und Gastspieler aus der ganzen Welt auf. Traditionell, aber auch durchaus unerwartet: Den Steeldrums werden Charts von Daft Punk entlockt, die uniformierten Gäste legen eine kesse Sohle auf den asphaltierten Boden oder geben Landestypisches wie indische Tänze oder japanische Samurai-Kämpfe zum Besten. Sie haben nur eine Vorgabe: Keine Darbietung darf länger als sechs Minuten dauern.

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Auch dieses Festival entstand nach dem Krieg: Dem Militär ging es vergleichsweise gut, es hatte sowohl Instrumente als auch genügend Männer, um diese zu spielen. Und woher kommt der Name? Während des 17. und 18. Jahrhunderts rief man in den Inns 'doe den tap toe' . Das bedeutete, dass kein Bier mehr ausgeschenkt wurde. Einen ähnlichen Ursprung hat auch der bei uns eher bekannte Zapfenstreich.

Mehr als 13 Millionen Menschen haben das Military Tattoo seit seinem Ursprung 1950 auf dem Burgvorplatz gesehen. Teilgenommen haben Formationen aus 46 Ländern. Auch bei traditionellem Regenwetter findet das Spektakel statt und endet jeden Abend in einem großen Feuerwerk. Doch zuvor durchläuft jedes Tattoo drei finale Schritte: die Nationalhymne, das gemeinsam angestimmte schottische Freundschaftslied Auld Lang Syne und das Solo des so genannten Lone Pipers, der mit seinem Dudelsack auf einer Mauer der Burg steht und in blaues Licht getaucht ein durchdringendes Lamento spielt. Ergreifender kann Musik kaum sein. Und was selbst das Militär zu Tränen rührt, darf auch das Publikum zum weinen bringen. Kein Wunder also, dass die alte Dame vom Konzert am Ende des Sommers erstmal ordentlich ausschlafen muss.

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Fotos: Anna Baach / Info: http://www.edinburghfestivalcity.com/