BLOG

Selbstoptimierung

02/07/2015 12:14 CEST | Aktualisiert 02/07/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Wie bringe ich einen Mann dazu, mich haben zu wollen? Mich zu begehren? Mich zu lieben?

Als Single sind das Fragen, die wir uns regelmäßig, wenn nicht sogar tagtäglich stellen. Was ist an mir noch nicht "richtig"? Auf solch "dämliche" Fragen kommen wir nur, weil wir meist einige unglückliche Verliebtheiten hinter uns haben. Entweder der Mann sagte uns ehrlich, dass wir nicht "die Eine" wären, oder wir trafen auf Exemplare, die direkt den Kontakt abbrachen.

Egal wie eine solche Anbahnung endete, sie hinterlässt in uns die Frage: Warum?

Wäre es genauso gelaufen, wenn wir 2kg weniger auf den Hüften gehabt hätten? Haben wir unsere Haare unvorteilhaft getragen? Vielleicht haben wir auch einfach den Anschein gemacht, als wären wir dämlich, weil wir einen Witz nicht verstanden oder einen bestimmten Film nicht gesehen haben.

Solche Fragen führen mit der Zeit zu einer sogenannten "Selbstoptimierung".

Wir versuchen alles das an uns zu optimieren, was ein Hindernis für eine erfolgreiche Beziehung darstellen könnte. Schon mal versucht bei einem Date mit Hobbys wie Lesen oder Fernsehen zu punkten? Das wird in den seltensten Fällen klappen. Nicht dass diese Hobbys nicht toll wären, aber es reicht einfach nicht! Heutzutage sollte man mindestens 2-3 Sportarten betreiben, Kulturveranstaltungen besuchen und nebenbei bestenfalls Ehrenamtlich tätig sein. Das neben einem gut bezahlten und fordernden Job. Logisch!

Abgesehen von den Hobbys sollte man oft im Ausland gewesen sein, Europa zählt heutzutage schon gar nicht mehr, exotisch muss es sein, damit man als interessante Person wahrgenommen wird.

Diese "Anforderungen" stellen wir automatisch an uns wenn wir merken, dass Andere besser ankommen als wir selbst. Wir fangen eine neue Sportart an, lesen Bücher von denen alle sagen man müsste sie gelesen haben. Serien, von denen wir noch nie etwas gehört haben, schauen wir an um mitreden zu können.

Wir brüsten uns auf Dates mit unserer Sportlichkeit, unseren abgefahrenen Hobbys. Doch oft sind das nur Dinge die wir erzählen um uns damit interessant zu machen. Wir quälen uns ins Fitnessstudio, weil den Mann der uns hat sitzen lassen, vielleicht doch die kleine Speckrolle gestört hat.

Wir versuchen uns selbst so lange zu optimieren, bis wir der Meinung sind, uns kann man einfach nicht mehr ablehnen. Wir wollen die Traumfrau sein, die Frau nach der jeder sucht.

Wie setze ich das für mich selbst um? Mehr Sport habe ich automatisch gemacht, um einen Ausgleich zum frustrierenden Alleinsein zu schaffen. Außerdem versuche ich meine Koch- und Backfähigkeiten zu optimieren. Das ist schon vorher ein Hobby von mir gewesen, ich habe mir aber vorgenommen oft Freunde einzuladen und dann mit etwas beeindrucken zu können.

Beeindrucken ist das richtige Wort, 0-8-15 zieht auf dem heutigen Singlemarkt nicht mehr, wenn man nicht einen 0-8-15 Partner möchte. Wir optimieren nun an allen möglichen Ecken und Enden, damit wir nicht durch das Raster fallen.

Dating ist wie ein Casting, ob man in die nächste Runde kommt entscheidet der Mann gegenüber. Wir legen unsere Fähigkeiten dar, bieten uns an. Wer dann nur mit dem Standardrepertoire aufwarten kann, wird gern übersehen. Wir wollen doch einen aufregenden Menschen, keinen der auf der Couch rumsitzt und Bücher liest.

Wo ist die Grenze zwischen Selbstoptimierung und Verbiegen? Die ist sehr schwer zu ziehen. Am Anfang habe ich das alles für mich gemacht, mich in den Dingen verbessert, die mir wichtig waren. So langsam habe ich allerdings das Gefühl, es scheint nicht zu reichen. Jeder Korb verdeutlicht: Irgendwie bist du doch noch nicht an dem Punkt wo du hin möchtest, du möchtest perfekt sein! Perfekt für bestenfalls einen Großteil der Männer. Das würde dann dazu führen, dass derjenige, den du dir aussuchst, dich auch haben möchte!

Ein Mann den ich sehr gerne habe, hat mir ernsthaft ins Gesicht gesagt: "Wenn du mal ein Jahr im Ausland gewesen wärst, wärst du perfekt für mich!". Da scheitert also eine Liebe daran, dass ich meine Zeit mit Arbeiten verbrachte, anstatt in der Weltgeschichte rumzureisen?

Es ist besser, man selbst zu sein und auch zu bleiben als Single. Ich frage mich, wer schafft das? Wer nimmt jeden Korb hin und versucht nicht weitere Körbe zu vermeiden? Solche Menschen beneide ich! Die können mir bitte gerne ein Stück ihres Selbstbewusstseins abgeben.

Nachricht an mich selbst und alle der Selbstoptimierung verfallenden: "Du bist perfekt, so wie du bist! Vielleicht nicht für die meisten Menschen. Es reicht für EINEN Menschen perfekt zu sein."


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Lesen Sie auch:

„Schatz, ich will mit dir reden": Darüber sprechen glückliche Paare wirklich