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"Ihr müsst euch ändern, sonst kündigen wir": Eine Abrechnung der Generation Y mit ihren Arbeitgebern

31/03/2017 12:28 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 12:32 CEST
Geber86 via Getty Images

Als ich ein Kind war, haben mir meine Eltern immer klargemacht, dass ich um einen späteren Job kämpfen muss. Damals, 1997, ich war gerade 9 Jahre alt, lag die Arbeitslosenquote bei 11,4 Prozent. Einen guten Ausbildungsplatz zu finden war zu dieser Zeit wie ein kleiner Lottogewinn.

Ich wuchs auf mit der Vorstellung, dass ich mich glücklich schätzen könnte, wenn ich überhaupt jemanden finden würde, der mich trotz einer schlechten Mathenote einstellen würde. Doch dieses Bild änderte sich schnell, als ich 2007 die Schule abschloss.

Mit einem guten Abitur in der Tasche hatte ich die freie Auswahl. Studieren, eine Ausbildung machen, erst einmal nebenher jobben, alle Türen standen mir offen.

Wurde mir zu Schulzeiten noch beigebracht, wie eine ordentliche Bewerbung auszusehen hatte und dass ich schon aufgrund eines Rechtschreibfehlers im Anschreiben nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden würde, sah die Welt 2007 schon ganz anders aus.

Ich bin alles andere als detailverliebt und habe grundsätzlich mindestens einen Komma-Fehler im Lebenslauf. Ein professionelles Bewerbungsbild? Wer braucht denn sowas. Ich verwende grundsätzlich Fotos die mir gefallen, auch wenn sie im Urlaub entstanden sind.

Wen interessiert das gekünzelte Businesskostüm, wenn ich am Ende sowieso mit Sneakers ins Büro komme? Was hatte ich für eine Angst davor, nur Absagen zu kassieren.

Die Generation Y wollte Veränderungen mitgestalten

"Mit so einer Bewerbung will dich doch niemand haben.", musste ich mir anhören, als ich mir eine Ausbildung suchte. Es waren die ersten Jahre der Generation Y auf dem Arbeitsmarkt.

Die Köpfe der Erwachsenen hingen noch in alten Strukturen fest. Umso überraschter waren sie, als ich mehr und mehr Jobangebote bekam. Ich hatte die freie Auswahl.

Die meisten Unternehmen präsentierten sich modern. Flexibles Arbeiten, kostenlose Getränke, manchmal sogar die Erlaubnis das Haustier mit ins Büro zu nehmen. Die Arbeitswelt war gerade im Umbruch und es war genau die Generation Y, die nur darauf wartete, diese Veränderung mitzugestalten.

Voller Tatendrang schmiss ich mich ins Berufsleben und platzte fast vor Motivation. Doch der Fall kam schnell und tief. So modern und flexibel die Unternehmen nach außen hin erschienen, so starr und konservativ waren sie nach innen. Neue Ideen waren zwar gewünscht, aber am Ende setzte sich sowieso immer der Chef durch.

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Die starren Hierarchien, die gerade in großen Unternehmen herrschen, wirken wie große Betonklötze, die alles unter sich platt drücken. „Ober sticht unter", ist einer der meist gehassten Sätze meines Arbeitslebens. Sobald eine höhere Führungsebene Piep macht, haben alle darunter stramm zu stehen.

Für eine Führungskraft ist es anscheinend nicht zumutbar, auch mal einen Moment zu warten. Ist eigentlich schon ein Unternehmen Bankrott gegangen, weil ein Mitarbeiter, der von einer Führungskraft verlangt wurde, gerade nicht erreichbar war? Ich glaube nicht. Führungskräfte sind Menschen.

Sie sind weder toller, noch wichtiger als die Mitarbeiter, die unter ihnen arbeiten. Als mir das bewusst wurde, habe ich als Konsequenz erst einmal den Job gewechselt.

Wir sitzen alle in einem Boot

Das Führungsverständnis der Generation Y ist ein grundsätzlich anderes als das der Generationen davor. Wir wollen mitgestalten, wir wollen Einfluss haben, auch ohne eine Leitungsposition. Papierberge abarbeiten ohne nachzudenken? Ein Graus. Wir brauchen eine Führung, die uns dabei unterstützt unsere Ideen gewinnbringend platzieren zu können.

Eine Führungskraft sollte an unserer Seite stehen, anstatt sich über uns zu erheben. Am Ende sitzen wir sowieso in einem Boot. Und bevor dieses Boot kentert, verlassen es immer mehr Generation Yer.

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Sie schwimmen zu neuen Ufern und kommen meist bei modernen Start Ups an. Trotzdem die Arbeit dort immer mit einer gewissen Jobunsicherheit verbunden ist und die Gehälter sich im unteren Bereich bewegen, ziehen sie diese Generation, sowie auch die neue Generation Z, magisch an. Ein Start Up bietet die Freiheiten, die in großen Unternehmen oftmals zu kurz kommen.

Die Jobs finden die passenden Menschen

Eine einfache Bewerbung zu schreiben, hat dort ausgedient. Heutzutage finden die „coolen" Jobs die Menschen, die zu ihnen passen, und nicht umgekehrt. Die jungen Unternehmen wollen, dass kreative und begeisterte Menschen für sie arbeiten.

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Bevor sie lange Bewerbungsfristen abwarten und am Ende sowieso fast alle Bewerber aussortieren, gehen sie bewusst auf die passenden Kandidaten zu.

Die Jobsuche für die Generationen Y und Z ist zu einem Käufermarkt geworden. Wir können entscheiden, wem wir unsere Leistung zur Verfügung stellen. Und das ist auch gut so.

Führungskräfte sollten enabler sein, keine Betonklötze

Die Entwicklungen in der heutigen Arbeitswelt sorgen dafür, dass konservative Unternehmen umdenken müssen. Sie werden dazu führen, dass Mitarbeiter nicht mehr für die Führungskräfte zur Verfügung stehen müssen, sondern dass sich das Bild umdreht. Die Führung muss dafür sorgen, dass sich die Mitarbeiter wohl fühlen.

Sie ist "enabler" für die Potenziale ihrer Angestellten. Seite an Seite wird das Ding geschaukelt, keine frischen Ideen werden von einem starren Betonklotz zerquetscht.

Vertrauen ist das Kredo. Gelingt es Führungskräften nicht, sich auf die neuen Generationen einzustellen, werden die Kompetenzträger schneller ihren Hut nehmen, als sie "Führungskräftemangel" sagen können.

Ich werde meinen zukünftigen Kindern etwas anderes auf den Weg geben, als meine Eltern es damals taten. Ich möchte dass ihnen bewusst wird, wie wertvoll ihre Arbeitsleistung ist, und dass nicht sie froh sein können einen Job zu haben, sondern die Unternehmen froh sein können einen Mitarbeiter zu haben.

(jz)

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