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Die 20-Something Depression

17/03/2016 14:36 CET | Aktualisiert 18/03/2017 10:12 CET
Arief Juwono via Getty Images

Knapp 2 Jahre ist es her, dass ich das erste Mal in das Loch einer altersbedingten Sinneskrise fiel. Pünktlich zu meinem 25. Geburtstag wurde mir bewusst, was ich alles NICHT erreicht hatte. Ich machte sozusagen eine Bestandsaufnahme. Wird man erwachsen, formen sich im Kopf Zukunftsvorstellungen, auf die man sehnsüchtig blicken kann.

Ich glaube bei mir fand das statt, als ich 18 Jahre alt war. Ich wusste damals ziemlich genau, wo ich mal mit 25 stehen möchte. Mindestens verlobt, studiert, fest im Job-Sattel sitzend. So wollte ich sein als 25-jährige Jule, darauf arbeitete ich hin. Die Chancen standen nicht schlecht, begann ich doch gerade erst ein spannendes Studium.

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Auch der passende Partner war an meiner Seite, so dass ich eigentlich nur streng gerade aus laufen musste, um auf dem schnellsten Weg ans Ziel zu gelangen. Es wäre so einfach, wenn das Leben einer geraden Straße gleichen würde.

Einfach, aber vermutlich auch ziemlich unspannend, oder? Mein Weg lief jedoch mitnichten gerade aus, er begann schnell Kurven einzuschlagen. Da war das Studium dann doch nicht so motivierend wie gedacht und schon bog ich kurz vom durchgeplanten Lebensweg ab.

Gott sei dank nahm ihn nur eine kleine Umleitung, die mich schlussendlich trotzdem auf den Karriereweg führte. Noch mal Glück gehabt, Plan nicht in Gefahr, dachte ich. Tief durchatmen und weiter geht's auf der geraden Autobahn des Lebens.

Doch da war ja noch die Liebe, welche bekanntermaßen nicht vorhersehbar ist. „Wenn er mir bis 25 keinen Antrag gemacht hat, muss ich mich wohl oder übel trennen!", beschloss ich mit Anfang 20 unter den Augen einer guten Freundin.

Eigentlich, war es eher scherzhaft gemeint, trotzdem schon ein Fünkchen Wahrheit in diesen Worten steckte. Wir wären schließlich 7 Jahre zusammen, wenn dieser Satz an Wichtigkeit gewinnen würde, da kann man sich schon mal „trauen". Trotzdem diese „Drohung" kaum ernst gemeint war, war es genau mein 25. Geburtstag, der mich zum Single machte. Cut.

Ich schnitt mir einfach so meinen geraden Lebensweg ab. Ich war unzufrieden. Ich war nicht mehr glücklich.

Mir das einzugestehen fiel schwer, sehr schwer sogar. Doch meine Gefühle hatten sich schon längst so weit entfernt, dass ich um eine Trennung nicht mehr herum kam. Da stand ich nun, am ersten Zielpunkt meiner imaginären Autobahn des Lebens. Ich stand dort allein. Allein auf weiter Strecke.

Abgesehen von der mehr oder weniger vorhandenen Karriere, hatte ich meine Zukunftsvorstellungen nicht umsetzen können. Es fühlte sich an, als wäre ich vom Einkauf heimgekommen und hätte von meiner Einkaufsliste nur eine Zutat besorgt, anstatt mit vollen Tüten die Treppe hochzulaufen. Leer fühlte sich das an, so als hätte ich mein halbes Leben auf dem Weg vergessen.

Nach jedem Tief kommt bekanntlich ein Hoch und so schaffte ich es, mich zumindest größtenteils wieder aufzurappeln, und wenigstens den Karriereweg straight gerade aus zu bestreiten. Doch umso älter man wird, desto öfter blickt man zurück. Ich blickte zurück, als ich 26 wurde, ich blickte zurück, als die 27 auf meinem Geburtstagskuchen prangte. Es machte mich immer trauriger.

Wieder ein Jahr vergangen und so gut wie nichts erreicht.

Immer bedrohlicher muteten die Ziffern auf den Glückwunschkarten an. Sie schrien mir sozusagen ins Gesicht, was in meinem Leben schief lief. Allein die Familienplanung, rückt in weite Ferne. Kein Mann, kein Kind. So hart wie es klingt, ist es auch. Zumindest kaufte ich mir erstmal eine zweite Katze.

Dann hab ich wenigstens etwas, um das ich mich kümmern kann und auf das ich zurück blicke, wenn die böse 28 auf mich zurollt. „Wenn ich nächstes Jahr immer noch Single bin, dann wird's kein Mann, sondern ne Katze.", sagte ich 2015 zu meiner besten Freundin.

Ich hatte gehofft, um die Anschaffung herum zu kommen. Kommt Zeit, kommt Mann, dachte ich. Aber was soll der Geiz, kommt kein Mann, kommt halt Katze!

Mein Leben und die große Sinnfrage

Es ist komisch, aber mit jedem Tag, jeder Woche und jedem Monat, der ins Land geht, fühlt sich mein Lebensweg sinnloser an. Er ist Alltag, alles ist schon mal da gewesen. Jedes kurze Glück streift vorüber und wird wieder eingeholt von langen, langweiligen Arbeitstagen. Da fehlt irgendwie der Sinn.

Da fehlt irgendwie die Zukunftsperspektive. Soll das jetzt ewig so weiter gehen? Da kann ich befördert werden, bis ich vor lauter Lobpreisung schon übernatürlich daherkomme, ich komme trotzdem abends allein nach Hause, gehe ins Bett und wiederhole mich täglich.

Einziger Lichtblick sind aufregende Wochenenden, welche aber enorm an meinen Energiereserven zehren.

Ist es Fluch oder Segen, sich mit den Jahren nach dem Sinn zu fragen? Jeder Blick zurück raunt mir entgegen, ich hätte es anders, ich hätte es besser machen können. Wo könnte ich schon stehen, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte?

Ich sehe so viele Menschen heiraten, Kinder bekommen, einen Sinn im Leben finden. Und was mache ich?

Ich schaue mir bis in die Nacht hinein Reportagen darüber an, dass ich, falls ich denn mal Kinder wollen würde, mich mal beeilen sollte. Wird ja alles nicht besser mit der Biologie und so. Dann denke ich an die Frau, die in dieser Reportage vorkam. Über 40, Single, kinderlos. „Ich habe einfach den perfekten Moment verpasst.

Entweder war da der falsche Partner, oder gar kein Partner.". Prost Mahlzeit, denke ich mir und würde am liebsten eine Flasche Wein aufmachen. Ist das meine Zukunft? Verbittert und allein sein? Es ist eine Sinneskrise, die viele Frauen in meinem Alter ereilt. Man glaubt gar nicht, wie so etwas an den Nerven zerren kann.

Vielleicht wird das ja mit 30 besser? Vielleicht hat man sich dann damit abgefunden, dass es nun mal so ist, wie es ist? Abfinden ist so unschön! Sinn finden, wäre mir um einiges lieber.

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