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Juha Järvinen Headshot

Mit dem Grundeinkommen bekomme ich weniger Geld als zuvor, trotzdem hat sich mein Leben erheblich verbessert

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Seit Anfang des Jahres testet Finnland, ob ein Grundeinkommen das soziale System des Landes vereinfachen und mehr Menschen in Jobs bringen kann. Dazu wurden 2000 Arbeitslose zufällig ausgewählt.

Der 38-jährige Juha Järvinen ist einer von ihnen. Seit einem Monat bekommt er anstelle des Arbeitslosengeldes 560 Euro im Monat - ohne dass daran Bedingungen geknüpft sind.

Ich habe aus dem Fenster geschaut und sah den Briefträger bereits kommen. Das war am 28. Dezember. Als ich das Schreiben der finnischen Sozialversicherungsanstalt Kela sah, wusste ich, dass ich einer der Ausgewählten bin - ohne den Brief überhaupt geöffnet zu haben.

Ich war zugleich super happy und überrascht. Ich wusste, meine Chance am Test teilzunehmen war winzig, aber trotzdem habe ich wirklich darauf gehofft.

Denn die Arbeitssituation hier in Kurikka, im Westen Finnlands, ist alles andere als gut. Die Region ist bekannt für ihre Holz-, Möbel- und Schwerindustrie. Aber in den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat es einen enormen Wandel gegeben. Jedes Jahr gab es weniger Arbeit. Der Hauptgrund: Automatisierung. Prinzipiell ist das nicht schlecht, es fühlt sich wie eine zweite industrielle Revolution an.

juha järvinen
Juha Järvinen Ende Januar vor seinem Haus in Westfinnland

Aber für mich gab es keine Jobs mehr. Deswegen habe ich mit einem eigenen Business angefangen. Sieben Jahre lang ist das gut gegangen, aber es hat mich ausgebrannt. Nun bin ich seit fünf Jahren arbeitslos - träume aber weiterhin davon, weiterhin etwas eigenes machen zu können.

Bis Dezember bekam ich 640 Euro Arbeitslosengeld im Monat. Nun bekomme ich zwar durch das Grundeinkommen nur 560 Euro - und trotzdem hat sich meine Situation erheblich verbessert.

Mit Grundeinkommen fühle ich mich nun frei

Denn als Arbeitsloser musste ich mich mit der Bürokratie herumschlagen. Die Gesellschaft will, dass die Menschen aktiv sind und falls sie es nicht sind, soll ihnen das Geld gestrichen werden.

Zu was führt das? Arbeitslose vergeuden ihre Zeit mit unwichtigen Sachen und sind obendrein gestresst. Das Problem für mich war war: In Finnland gibt es keine soziale Absicherung wenn man ein eigenes Business hat. Ich habe sechs Kinder und wollte nicht noch einmal das hohe Risiko der Selbstständigkeit eingehen. Im Endeffekt war das Arbeitslosengeld die einfachere Lösung: Geld ohne Risiko.

Mehr zum Thema: Das bedingungslose Grundeinkommen ist das beste Mittel gegen den Aufstieg der Rechten

Aber nun erlaubt mir das Grundeinkommen mich risikolos wieder selbstständig zu machen. Ich fühle mich nun frei, neue Sachen einfach auszuprobieren. Für mich ist deswegen dieser Test eine große Sache.

Das Grundeinkommen sollte überall eingeführt werden

Allein die zwei Jahre der Testphase in Finnland geben mir die Möglichkeit, auszuprobieren was für mich funktioniert und was nicht. Ich bin eine kreative und aktive Person und habe viele Ideen. Eine passende Website habe ich bereits gestartet.

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Järvinen beim Frühstück mit seinen Kindern

Ein Grundeinkommen gibt jedem die Möglichkeit, sich auf seine Fähigkeiten und sein Können zu fokussieren und vielleicht Arbeit daraus zu schaffen - und das ohne Druck. Aus meiner Sicht ist das Grundeinkommen auch global gesehen super wichtig.

Es sollte überall in den westlichen Ländern schnell eingeführt werden. Das wäre ein wichtiger Schritt. Wegen der Automatisierung werden wir zunehmend unsere Jobs verlieren. Die Menschen sehen das als Gefahr. Ein Grundeinkommen würde sie aber von diesen Sorgen befreien.

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Den Menschen mehr Möglichkeiten zur freien Entfaltung geben

Die Menschen haben so mehr Zeit, sich auf wichtige Sachen zu konzentrieren. Die Gesellschaft wird letztendlich davon profitieren. Nur der Anfang, die ersten Investitionen sind teuer. Es wird Zeit dauern, bis sich diese auszahlen.

Die Gewinner des Grundeinkommens werden die sein, die sich am besten auf den industriellen Wandel einstellen und etwas neues schaffen.

Wir brauchen Pioniere. Ich sage nicht, dass ich einer von ihnen bin. Doch wenn es genügend kreative Leute gibt, denen die Möglichkeit der freien Entfaltung gegeben wird, werden sicher einige davon neue Jobs schaffen.

Was das sein wird, wird die Zeit zeigen. Davon bin ich überzeugt.

Das Protokoll wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.