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Die Knautschi-Bautschis - ein seltsames Volk

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Auszug aus meinem neuesten Buch über die seltsamen Wesen, die im deutschen Wald leben und erst kürzlich entdeckt wurden. Sie sind erst Wenigen bekannt unter dem Namen "Knautschi-Bautschis". Unter ihnen gibt es Hippies, Retros und Dosensammler. Lesen Sie hier das Schlusskapitel der satirischen Kurzgeschichten. Erschienen ist das Buch 2017 im epubli-Verlag, ISBN 9783745055887 mit 44 Federzeichnungen.

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Der Trumpf oder Knautschiland first

Ein Knautschi-Bautschi fiel durch seine Bewegungen auf, die er mit seinem Daumen vornahm, indem er ihn wie eine Waffe auf jeden Betrachter zu streckte. Außerdem hatte er seine Haartolle mit dem gelben Fell eines Hamsters verstärkt

So konnte man ihn schon von weitem identifizieren. Er nannte sich Trumpf und stammte wahrscheinlich aus dem gleichen kleinen Dorf der Pfalz, Kallstadt, wie der „Erschde Pälzer", Ketchup-Heinz, deren Bewohner traditionell allerorts als ziemliche Angeber und Sprücheklopfer bekannt waren.
Seine neueste fixe Idee war der Bau einer riesigen Mauer, die er rund um das Knautschi-Bautschiland herum bauen lassen wollte, was dann die daneben liegenden Dörfer bezahlen sollten.

Schon früh begann er überall kleine Trumpf-Tower zu bauen aus abgefallenen Zweigen der Zirbelkiefern und einmal errichtete er einen besonders hohen Trumpf-Tower, der über 72 Astgabeln und Zweige verfügte und von dem aus man weit ins Knautschi-Bautschiland blicken konnte, der aber schon bald durch Windeinwirkung zusammenstürzte und gänzlich verweht wurde, obwohl er sehr stabil aussah.

Eine weitere Angewohnheit des Trumpf war besonders lästig: Bei besonders gut aussehenden Knautschi-Bautschis rief er meist aus, was aber kaum einer verstand, da es eine angelsächsische Sprache war: "Grab them by the pussy. You can do anything."

Nur ein Knautschi-Bautschi, der bei Babbel im Selbststudium einige Brocken der unbekannten Brexitsprache gelernt hatte, vermutete, dass es sich um Äußerungen zu Pussykatzen handeln könnte.
Immer wenn er Tic Tacs nahm, war es besonders schlimm, denn dann näherte er sich weiblichen Knautschi-Bautschis relativ schnell und wollte jede küssen, die nicht schnell genug weglaufen oder sich im Gebüsch verkriechen konnte.

Wo er ging oder stand, rief er laut: „Knautschi-Bautschiland first!", und „Knautschi-Bautschis first!".
Jeden, den er auf den feuchten Waldwegen traf, sprach er so an und richtete seinen Daumen fast drohend auf ihn.

Dann kam er auf die Idee, sich zum König im Knautschi-Bautschiland wählen zu lassen. Seine Begründung war, dass seine Vorfahren in der Pfalz alles Könige gewesen waren, nämlich „Erschde Pälzer".

Gesagt, getan, stellte er sein Wahlprogramm vor, hielt einige Reden: „Ich werde neue Straßen bauen lassen und Autobahnen. Ich werde überall Spielcasinos bauen. Make Knautschi-Bautschiland great again." Sein letztes Wahlversprechen war „Waterboarding für alle!" und ließ dann sofort Wahlen abhalten. Über die Hälfte der überraschten Knautschi-Bautschis wählten ihn, so hieß es. Es kann aber auch sein, dass es doch deutlich weniger waren, die ihn gewählt hatten, denn die einzelnen Stimmzettel verloren sich in der Tiefe des Waldes. Manche lagen auch neben mächtigen Farnkräutern oder unter Buschwerk. Weil darunter Waldtiere hausten, sah man sie kaum. Einzelne Knautschi-Bautschis mahnten an, die Stimmzettel zu überprüfen, aber da es gleichzeitig stark regnete, war es mehr als schwierig, die teils schwimmenden Zettel zu lokalisieren.

Jedenfalls war Trumpf jetzt der 45. König im Knautschi-Bautschiland und mächtig stolz auf sich.
Ab sofort erließ er täglich ein Dekret, welches er persönlich mit einem goldenen Stift unterschrieb. Trumpf kündigte schnell per Dekret alle mühsam geschlossenen Verträge mit den umliegenden Dörfern.

Ein anderes Dekret von Trumpf besagte, dass im Krankheitsfalle ab sofort kein Knautschi-Bautschi mehr versorgt werden sollte und wer reich war, durfte auf keinen Fall sein Geld Anderen abgeben. Von außen kam jetzt keiner mehr ins Knautschi-Bautschiland, denn die Mauer, die er bauen ließ, war gigantisch.

Damit es voranging, wurden alle kleinen Waldwesen gezwungen, aus den Waldbäumen Statuen nach seinem Abbild zu schnitzen. Sie fällten die Bäume und schnitzten Tag und Nacht an diesen mächtigen Holzplastiken, die erst an den Weg-kreuzungen, später dann an fast allen Stellen im Land aufgestellt wurden. So wurde es immer enger im kleinen Waldland, doch wurden trotzdem immer mehr Holzfiguren produziert. Die Schnelligkeit der Herstellung nahm zu und bald war der letzte Platz ausgefüllt mit den Werken der fleißigen Waldbewohner, die blind den Befehlen ihres Königs folgten.

Als sich am Abend plötzlich ein Wind erhob, rechnete keiner damit, wie stark er in der Nacht sein würde. Jedenfalls muss er doch immens zugenommen haben, denn alle Holzstelen waren am nächsten Morgen umgefallen und vom König selbst, dem Trumpf, fand sich auch keine Spur mehr.
Die riesige Mauer war umgestürzt. Schon nach wenigen Monaten wurde sie von Bodendeckern überwuchert, sodass der Wald wie vorher aussah. Tage später fand einer der Wollwesen den goldenen Stift des Trumpf in einer Morastkuhle tief im Wald.

Lag der König hier in der Nähe? Vielleicht unter einer der umgestürzten Holzstelen?

Niemand wusste es. Es blieb ein großes Rätsel.

Vielleicht war Trumpf aber auch einfach in die Pfalz ausgereist, denn manche Knautschi-Bautschis erinnerten sich, wie oft er vom dortigen Saumagen geschwärmt hatte.

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