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Gut deutsch sein heißt: sich entdeutschen

04/03/2016 19:10 CET | Aktualisiert 05/03/2017 11:12 CET
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sagt Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) in einem seiner Aphorismen. In solchen Zeiten, wo nicht nur Steine auf Flüchtlingsheime geworfen werden, sondern auch Brandsätze oder sogar Handgranaten, ist es an der Zeit, sich den Begriff des „Deutschen" wieder einmal etwas näher anzuschauen. Was geht in der Seele dieser Steinewerfer und Brandstifter vor? Sind sie etwa getrieben vom Glauben an das deutsche Vaterland, das es hier zu verteidigen gilt?

Gibt es in ihnen etwa den Glauben an deutsche Tugenden wie zum Beispiel „deutsche Ehre", „deutsche Kraft", deutschen Mut"? Ja, wie ehrenvoll, kraftvoll und mutig ist denn eine solche Handlung, wenn man sich im Schutze der Nacht an ein Haus heranschleicht, um die, die man für seine Feinde hält, mit Steinen oder Schlimmerem zu bewerfen? Oder das Auto eines seiner Mitbürger umzuwerfen und anzuzünden? Oder sich zusammenzurotten, um hinter Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft oder auch nur anderer Meinung herzujagen und sie zusammenzuschlagen? Soll das „deutsch" sein? Ist das der Ausdruck eines Nationalbewusstseins?

Am allerwenigsten ist es der Ausdruck eines Nationalbewusstseins. Es ist wohl noch nicht einmal der Ausdruck eines Bewusstseins. Denn solche Handlungen, entweder feige im Schutz der Nacht begangen, oder feige im Schutz der Rotte, zeugen nur davon, dass man aufgehört hat, als Mensch zu denken und zu fühlen. Und wer nicht Mensch sein will, kann auch nicht deutsch sein, und wenn man noch so sehr nationalistische Parolen hinausbrüllt oder an die Wände schmiert.

Oder liegt gar ein noch primitiveres Motiv vor? Haben sie Angst, es könnte ihnen etwas weggenommen werden? Jemand könnte etwas aus ihrem Fressnapf stehlen? Oder sie müssten teilen? Wer mit Notleidenden nicht teilen will, ist kein Mensch. Wer nur seinen Fressnapf verteidigen will, begibt sich auf das Niveau des Hundes. Wer so sein Menschsein verleugnet, kann nicht deutsch sein.

Sind nicht in dem letzten mörderischen Weltkrieg im Namen eines Deutschtums, von dem niemand wusste, was damit gemeint war, Millionen entweder als Soldaten gestorben, oder Opfer der Bomben geworden, oder hingerichtet worden mit der Begründung, sie seien der arischen Rasse fremd? Gibt es heutzutage wirklich Leute, Bürger der Bundesrepublik Deutschland, die in die Fußstapfen derjenigen treten wollen, welche jene Katastrophe verursacht haben?

Haltet ein und lernt aus der Geschichte! Haltet ein und hört, was große Deutsche vor euch gedacht und gesagt haben, wie zum Beispiel der Philosoph Friedrich Nietzsche, der schon bei der Gründung des deutschen Reiches 1871 voraussah, dass dies das Ende der deutschen Kultur sein könnte. Denn diese deutsche Kultur, wenn man schaut, wie sie von solchen Geistern wie Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, Wagner repräsentiert wurde, war immer schon kosmopolitisch, das heißt, der ganzen Welt zugewandt, offen für das, was in anderen Ländern und Völkern lebte.

Daran wollte Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen erinnern - sogar noch nach der eingetretenen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges - indem er darauf hinwies, dass man seine Deutschheit im Sinne eines engherzigen und ausschließenden Denkens erst einmal verlieren müsse, um das wahre, höhere Deutschtum in sich zu finden. In diesem Zusammenhang prägt er den Begriff des „Überdeutschen, das heißt: überaus Deutschen".

Etwa 150 Jahre zuvor - das Deutsche Reich war unter dem Ansturm von Napoleons Truppen zusammengebrochen - versuchte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte seinen Volksgenossen klarzumachen, worin denn eigentlich ihr Deutschtum bestehe. Dies sind seine Worte:

„Und so trete denn endlich in seiner vollendeten Klarheit heraus, was wir in unserer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden haben. Der eigentliche Unterscheidungsgrund liegt darin, ob man an ein absolut Erstes und Ursprüngliches im Menschen selber, an Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten unseres Geschlechts glaube ..."

Also er appelliert an das Menschliche im Menschen, das nämlich in seinem Mitmenschen das ursprüngliche, geistige Wesen erkennt, die Persönlichkeit, das „Ich", welches jedem Menschen innewohnt, gleich welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welcher Volkszugehörigkeit, und das in ständiger Fortentwicklung begriffen ist. In diesem Sinne sagt er weiter:

„Was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unseres Geschlechts, es gehört uns an, und es wird sich zu uns tun."

In diesem Sinne ist es möglich - und es ist zu schaffen - den fremden und notleidenden Menschen bei sich aufzunehmen. „Unendliche Verbesserlichkeit" mit den Worten Fichtes heißt: der Vernunft folgen und Lösungen finden. Wer wirklich will, findet auch Wege, wie das Problem großer Mengen flüchtender Menschen zu lösen ist, die hier Schutz suchen vor Bedrohung und Not.

Wir haben nur die Alternative, entweder „überdeutsch" zu sein und damit erst wahrhaft „deutsch", oder aber zu versinken in den Niederungen eines unbestimmten, nicht durchdachten, nichts als zerstörerischen Nationalgefühls wie dem des „ewigen Deutschen", wie er in der hier angefügten Erzählung Der ewige Deutsche beschrieben wird.

Jürgen Spreemann

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