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"Die Periode des Nationalstaates ist zu Ende" - Ein Nachruf auf Klaus Harpprecht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KLAUS HARPPRECHT
dpa
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Mit 89 Jahren ist Klaus Harpprecht in Südfrankreich gestorben. „Klaus Harpprecht, hier", so meldete er sich mit tiefer Stimme am Telefon. So war es auch, als er unerwartet in der Vor-Handy-Zeit bei mir anrief, um sich für einen Brief zu bedanken, den ich ihm geschrieben hatte, nachdem ich durch Zufall in einem Magazin eine wunderbare Beschreibung über den Mont St. Victoire las.

Dort beschrieb er den einsamen Bergrücken, oberhalb von Aix de Provence, der Heimat von Vincent van Gogh und Pablo Picasso. Seitdem haben wir uns mehrmals im Jahr in seinem Haus in La Croix-Valmer getroffen mit Blick auf das strahlend blaue Mittelmeer, das dunkle Grün der Pinien und die leuchtenden Weinstöcke der nahen Domaine.

Die Politik ist das Schicksal

Klaus Harpprecht erzählte dann von seinem nächsten Buch. Er schimpfte über den „unglückseligen Bush junior", der im Begriff sei, die Finanzen der Vereinigten Staaten zu ruinieren. Er erzählte von der Nachkriegszeit: "Als wir 1945 über Schuttberge stolperten, dachten wir vor uns hin, dass unsere fein gestimmten Humanisten wohl niemals das Aperçu zur Kenntnis genommen hatten, mit dem Bonaparte einst dem aufmerksam lauschen Goethe so tief beeindruckte: Die Politik ist das Schicksal."

Er berichtete von seinem Nicht-Verhältnis zu Helmut Schmidt, bei dem er „in den Jahren der politischen Dienstpflicht in Bonn "es ein Gehilfe meines Schlages nicht gewagt hätte, ohne die Grundziffern des Etats auswendig gelernt zu haben - schon weil der mürrische Hanseat dem Kanzler Brandt so hartnäckig nachsagt, der verstünde leider nicht das Geringste vom Haushalt und von der Wirtschaft überhaupt (was nicht zutraf)."

Das gleiche erzählt man bis heute auch von Konrad Adenauer und von Ludwig Erhard, was der Wahrheit keinen Abbruch tut, dass beide politischen Paare der Bundesrepublik mit Abstand betrachtet gut getan haben. Und immer wieder Willy Brandt, der nicht nur sein Bundeskanzler war, sondern auch sein Freund.

Eine echte Seelenverwandschaft

Ihm lieh er seine Gedanken und vor allem seine Worte: die neue Mitte, die es zu erobern gälte. Ihn nannte er in seinem letzten Buch nur „WB". Er war der Freund, mit dem ihn eine Seelenverwandtschaft verband; und eine Freundschaft, die Willy Brandt immer wieder in guten und kranken Zeiten nach Südfrankreich zu Klaus Harpprecht und seiner wundervollen Frau Renate führte, die trotz gemeinsamer Zeiten, die sie mit der Schwester im Konzentrationslager Auschwitz überlebte, eine natürliche Freundlichkeit ausstrahlt, die jeden fest umfängt.

Klaus Harpprecht, der aus einem württembergischen Pfarrhaus stammte und als Journalist die Welt gesehen und beschrieben hatte, kämpfte von seiner privaten Schreibstube in Frankreich für ein vereintes Europa.

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Man spürt dies, wenn er von einem Gespräch von Willy Brandt mit dem französischen Präsidenten Pompidou erzählte, in dem beide sich versicherten, dass es Konstanten der deutschen und französischen Politik gäbe, die für jede Regierung gelte, nämlich Europa, das atlantische Bündnis und vor allem die deutsch-französische Freundschaft.

Die Periode des Nationalstaates ist zu Ende

Zwar wurde er in den letzten Jahren immer skeptischer. Das galt für die Zeiten der französischen Präsidenten Chirac, Sarkozy und Holland. Auch in Deutschland war er sich nach der Ära Kohl nicht mehr ganz so sicher. Aber für ihn war klar: "Die Periode des Nationalstaates ist zu Ende." Sie sei keine moralische Instanz mehr.

Viele unserer Gespräche befassten sich mit dem vereinten Europa. Hier lag für ihn die Zukunft des Kontinents. Man sprach über einen heiligen Zorn, der ihn ergriff, wenn er über die Manager und Bänker sprach, die Europa mit ihrer Gier und Unmoral so sehr geschadet hatten. In einem solchen Gespräch fragte ich ihn, ob eigentlich der Vorwurf stimme, die Adenauerzeit sei restaurativ und voller Muff gewesen.

Seine Antwort nach einigem Nachdenken war: "Lassen Sie es mich so formulieren. Ich musste damals auf nichts verzichten." Es waren halt doch Zeiten des Neuanfangs, die Nachkriegszeit ebenso wie die 1970er Jahre. Mit Klaus Harpprecht ist jemand von uns gegangen, der, wie nur wenige, diese Zeit durch Ideen und Worte mitgestalten konnte.

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