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Blindflug 4.0: Darum ist der Mensch so wichtig

05/11/2015 09:25 CET | Aktualisiert 05/11/2016 10:12 CET
thinkstock

Alle reden darüber, aber nur wenige tun etwas dagegen - der Blindflug 4.0 hat längst begonnen! Zählt man alle technischen Innovationen, die alle mehr oder weniger verdient das Label „Industrie 4.0" tragen, so passt diese Zahl mittlerweile nicht mehr auf das Display eines handelsüblichen Taschenrechners.

Und wer denkt dabei an den Menschen? Ohne den Menschen als Auftraggeber und Nutznießer der vierten industriellen Revolution brauchen wird den ganzen technischen „Schnickschnack" gar nicht! Prof. Dr.-Ing. Jürgen Kletti geschäftsführender Gesellschafter der MPDV Mikrolab GmbH erklärt, warum und führt damit die Artikelreihe „Erfolgsmuster gegen den Blindflug 4.0" fort.

Das Ziel im Auge behalten!

Wo wollen wir hin? Warum machen wird das überhaupt? Wer sich diese Fragen nicht stellt, der merkt auch nicht, wenn er am Ziel angekommen ist. Klar, „der Weg ist das Ziel", aber was, wenn der Weg uns in die Irre führt? Pessimismus hin oder her, mit Industrie 4.0 muss und wird sich vieles ändern - und wir Menschen sind diejenigen, die bestimmen, in welche Richtung es geht.

Nicht die Wissenschaft oder der Fortschritt diktiert uns unsere Zukunft - nein - wir entscheiden uns für eine Zukunft, wie wir sie uns vorstellen! Wie das funktioniert? Tja, darum kann sich die technische Innovation gerne kümmern!

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Innovation zum Selbstzweck? Nicht jede Erfindung bringt einen bzw. den gewünschten Nutzen! (Bild: Fotolia)

Den Blindflug vermeiden!

Doch selbst wenn das Ziel bekannt ist, braucht jedes Projekt auch einen roten Faden, der einen Schritt für Schritt weiterbringt. Da kann auch mal ein Schritt zurück oder zur Seite dabei sein, aber letztendlich muss es immer voran gehen.

Stillstand ist heutzutage mit Rückschritt gleichzusetzen, und das kann sich niemand mehr leisten. Aber wie bleiben wir auf dem rechten Weg? Welche Leitplanken oder Begrenzungspfosten gibt es, die uns bei der Orientierung helfen?

Der Mensch als Erfolgsmuster?

Menschen funktionieren grundsätzlich anders als Maschinen oder Computer: Bei der Technik zählt die schiere Masse an Daten (Big Data). Je genauer und detaillierte etwas beschrieben wird, desto wahrscheinlicher trifft das System die passende Entscheidung. Der Mensch hingegen braucht nur wenige, dafür aber aussagekräftige Informationen (Smart Data) und war damit über Jahrtausende hinweg erfolgreich.

Darum sollten wir den Menschen als zentrales Erfolgsmuster auch bei der Industrie 4.0 nicht außen vor lassen! Ganz egal, wie intelligent technische Systeme jemals werden sollten, der Mensch bleibt die Krone der Schöpfung und alle Technik hat ihm zu dienen. Ansonsten würden wir uns in die Fänge der Maschinen und Computer begeben, wie es der eine oder andere Kino-Thriller beschreibt -soweit darf es niemals kommen - auch nicht in der Industrie 4.0.

Zentrales und 7. Erfolgsmuster: Kennzahlen

Bereits lange Zeit vor dem Beginn der vierten industriellen Revolution haben sich Kennzahlen als praktikables Werkzeug zur Kontrolle und Steuerung in der Geschäftswelt etabliert - Kennzahlen im Sinne von aussagekräftigen Informationen, die aus einer Vielzahl von Daten verdichtet werden.

Das Ziel ist dabei, auf einen Blick alles Wesentliche zu erfassen und darauf basierend Entscheidungen zu treffen. Das Arbeiten mit Kennzahlen ist sehr stark mit dem Menschen verknüpft, da der Mensch von Haus aus bestrebt ist, Beobachtungen zu filtern, zu aggregieren und zu vereinfachen.

Ansonsten würde das menschliche Gehirn in kürzester Zeit wegen Überlastung den Geist aufgeben. Kennzahlen sind somit die modellhafte Abbildung einer menschlichen Verhaltensweise. Wurden Kennzahlen früher manuell berechnet, so erfassen heutzutage zahlreiche IT-Systeme die benötigten Daten und berechnen daraus die gewünschten Kennzahlen - ganz automatisch.

Eingebettet in ein modernes Produktionsumfeld verbinde ich Kennzahlen auch mit der Unterstützung der Mitarbeiter beziehungsweise des Managements bei der Entscheidungsfindung. Ein Manufacturing Execution System (MES) dient im Fertigungsumfeld der Erfassung von Daten sowie der Berechnung von Kennzahlen und steigert dadurch die Transparenz.

Darauf basierend kann der Mensch Entscheidungen zur Optimierung treffen. Daher heißt dieses Handlungsfeld im Zukunftskonzept MES 4.0 auch „Management Support".

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Verkehrte Welt: Der Mensch blickt zur immer komplexer werdenden Technik auf - Mit Industrie 4.0 muss das anders werden - z.B. mit Kennzahlen. (Bild: Fotolia)

Kennzahlen in der Praxis

Die Erfahrungen aus vielen Optimierungsprojekten haben gezeigt, dass sich in den meisten Fertigungsunternehmen eine Auswahl weniger Kennzahlen bewährt. Dazu gehören unter anderem:

  • Nutzgrad
  • Rüstgrad
  • Leistungsgrad
  • Maschinenbelegung
  • Personalbelegung
  • Ausschussquote
  • Ausbringquote
  • Overall Equipment Effectiveness (OEE) inklusive Effektivität, Qualität und Produktivität (Verfügbarkeit)

Die Datenbasis dafür erfasst ein MES-System in der Fertigung. Welche technischen und organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen, habe ich bereits in früheren Beiträgen zum Thema Erfolgsmuster erläutert.

In manchen Bereichen braucht es sogar zwingend die Kreativität des Menschen, um die Potenziale zu heben, die in der Aussagekraft einer Kennzahl über die Zukunft stecken. Ganz im Gegenteil zur landläufigen Meinung, dass Kennzahlen hauptsächlich ein Werkzeug der Kontrolle sind, bin ich der festen Überzeugung, dass auch der Blick in die Zukunft mit Kennzahlen deutlich leichter fällt.

Der Mensch bleibt unverzichtbar

Und an dieser Stelle zeigt sich auch wieder die enorme Bedeutung des Menschen: Nur der Mensch kann auf Basis seiner Erfahrungen Regelkreise definieren und installieren. Woher sollen Maschinen und Computer auch wissen, woher sie kommen, was von ihnen verlangt wird und wie sie funktionieren - wenn nicht vom Menschen selbst!

Der Mensch als Schöpfer technischer Innovationen muss und wird immer deren Herr und Meister bleiben. Dafür müssen diese Systeme aber so gestaltet werden, dass sie mit dem Menschen interoperabel sind - die Technik muss den Menschen verstehen und umgekehrt!

Ausblick: noch mehr Erfolgsmuster

Das hier vorgestellte Erfolgsmuster „Kennzahlen" ist nicht nur graue Theorie, sondern bereits gelebte Praxis auf dem Weg zu einer umfassenden Ausrichtung in Richtung 4.0. In den nächsten Beiträgen werden weitere Erfolgsmuster vorgestellt - bleiben Sie also gespannt!

Erfolgsmuster bedeuten dabei nicht, dass Industrie 4.0 durch Kopieren gelingt. Sehr wohl existieren Lösungsprinzipien beziehungsweise -muster, die - für das eigene Unternehmen angepasst - den Weg in die Zukunft vereinfachen können, wenn zuvor die Hausaufgaben erledigt wurden. Dadurch verschwindet hoffentlich der Nebel 4.0 und wird ersetzt durch ein systematisches Vorgehen!

Video:Technik der Zukunft: Dieses Flugzeug bringt Sie in 60 Minuten von Berlin nach New York

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