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Wer nicht hören will, muss fühlen! Wir müssen wieder Zuhören lernen!

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LISTENING
Mark Cacovic via Getty Images
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Kennen Sie diese Erfahrung? Sie erzählen, was Ihnen am Herzen liegt. Ihr Gegenüber unterbricht ab und zu Ihren Redefluss, gibt Ihnen Ratschläge, schildert in den buntesten Farben eigene Erlebnisse oder verweist auf Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes, wohlgemerkt zu Ihrem Thema. Sie mutieren ungewollt zum Zuhörer und Ihr Anliegen bleibt auf der Strecke.

Diese Art der Nicht-Wertschätzung, ja Respektlosigkeit, scheint rings um uns die Norm zu sein. Unseren Alltag beherrschen Rohheit, Egozentrik, Desinteresse am Anderen. Monologe ersetzen Dialoge, Lautstärke beherrscht die politische Auseinandersetzung, Sprachlosigkeit die familiäre. Und, wir reden viel zu sehr über uns selbst.

Zuhören ist offensichtlich ziemlich aus der Mode gekommen. Kein Wunder, dass in unserem Land Burnout groß geschrieben wird, 70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer lediglich Dienst nach Vorschrift schieben, die Scheidungsrate bei immer noch zu hohen 43 Prozent liegt. Führung wird in vielen Unternehmen immer noch mit starker Hand verwechselt. Reden topp, Zuhören flopp.

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie zum Thema Führungskräfte decken sich mit meinen Erfahrungen als Pädagoge und Coach. Sie bescheinigt den deutschen Chefs mangelnde Zukunftsfähigkeit. In Zeiten, wo es auf eine aktive Beteiligung der Mitarbeiterschaft ankommt, fehle es an Unternehmenskulturen, die Kritik zulässt, einen Dialog über Hierarchiegrenzen ermöglicht und ganz explizit die Bereitschaft zum Zuhören! Mit den nachgewiesenen wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.

Wie lösen wir dieses Dilemma. Ganz einfach. „Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten", hat schon der griechische Philosoph Zenon von Elea vor knapp 2.500 Jahren richtig erkannt. In meinen Projekten setze ich auf aktives Zuhören, auf Achtsamkeit, Andacht und Stille. Zuhören bedeutet Wertschätzung, signalisiert Respekt und vermittelt Anteilnahme.

Für den Ernstfall müssen Regeln gelten. Die wichtigste: ganz Ohr und nur Ohr zu sein. Es geht darum, mit Leib und Seele zuzuhören und jegliche Kommentare, Gefühls- und Betroffenheitsäußerungen, Diskussionen, Bewertungen, historische und psychologische Einordnungen beiseite zu lassen. Zuhören soll zunächst wie Musikhören sein.

Gleichermaßen gilt, und das empfehle ich oft: Erstmal mal Abstand schaffen, Durchatmen, Drüberschlafen. Ebenfalls wichtig: Nehmen Sie sich Zeit für das Zuhören. Denn im Vorübergehen kann man nicht richtig zuzuhören, geschweige denn das Erfahrene verarbeiten.

Zum Schluss: Zuhören ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die in hohem Maß Energie kostet, aber eine Schlüsselkompetenz, die es wieder zu entdecken gilt. Denn Zuhören ist die entscheidende Voraussetzung für einen gelungenen Dialog, egal ob mit Mitarbeitern, Kunden oder Partnern.

Unser Motto muss sein: „Wer etwas zu sagen hat, muss zuhören können". Ansonsten passiert das, was der Volksmund so schön drastisch formuliert: „Wer nicht hören, muss fühlen!"

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