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Die gefakte Realität im Netz

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SELFIE
Jamie Grill via Getty Images
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Werbung regt mich selten zum Denken an, denn meistens kopiert sie nur aktuelle Trends und Themen, die ich schon woanders gesehen habe. Das ist auch bei der neuen Kampagne von Berentzen so.

In einem Youtube Video ruft die legale Schnapsbrennerei dazu auf, ein authentisches Leben fernab geschönter, online Selbstinszenierung zu führen.

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Mit saftigen Parolen wie "Scheiß auf cool!" und "Schluss mit Fake" will Berentzen dem Zuschauer die Augen (und den Geldbeutel) öffnen.

Nach Anschauen des Spots dachte ich: Wie? Das Leben im Internet ist gar nicht echt? All die Strand-, Party- und Happy-People-Bilder auf Facebook und Co. sind Abziehbilder einer nicht vorhandenen Wirklichkeit?

Das war Ironie. Ich weiß das natürlich, schließlich kreiere ich im Netz auch täglich ein gewisses Bild von mir. Bis ich einen FB-Status poste, überarbeite ich ihn vorher erst einige Male oder bis ich einen Blog-Artikel "witzig" genug finde, vergehen manchmal Tage. (Deshalb blogge ich so selten.) Und ich behaupte jetzt einfach mal ganz frech, dass das bei anderen Social Media Usern auch so ist.

Die Bestätigung dieser nicht weit hergeholten Theorie bekam ich erst neulich wieder, als ich Zeuge einer zweistündigen Duck-Face-Selfie-Orgie auf der miefigen Toilette einer Berlinale-Party wurde.

Ich kreiere im Netz täglich ein gewisses Bild von mir.

Ich verwette das Kind meiner Nachbarn darauf, das unter dem geposteten Bild "Having fun@DirectorsNight" und nicht "Hier stinkt's und wir haben jetzt einen Krampf im Gesicht" stand.

Zwei prominentere Beispiele für die gelebte Lüge in den sozialen Medien sind das Instagram-Model Essena O'Neil und die Food-Bloggerin Jordan Younger.

Essena, die mehr als 600.000 Follower hatte, änderte nach einem Nervenzusammenbruch den Namen ihrer Instagram Seite in "Social Media Not Real Life" um und schrieb neben ihre Fotos, wie sie wirklich entstanden waren: 100 Versuche und ein Einlauf für ein flaches Bikini-Bauch Foto.

Die zweite im Bunde, Bloggerin Jordan Younger, bemerkte nach dem Ausbleiben ihrer Periode, dass ihr, von vielen Followern bewunderter, veganer Lifestyle gar nicht so healthy sondern eine veritable Essstörung war.

100 Versuche und ein Einlauf für ein flaches Bikini-Bauch Foto.

Sie litt an Orthorexie , die Angst ihren Körper mit ungesundem Essen zu vergiften (Nach Anorexie und Bulimie endlich mal was Neues.) Jordan änderte ihre Ernährung und ihren Blog von "The Blonde Vegan" zu "The Balanced Blonde".

Was die Leute nicht alles tun, um der online Community zu gefallen. Letztes Jahr sind sogar zwölf Menschen bei dem Versuch gestorben, sich in einem spektakulären Selfie zu verewigen.

Ganz nach dem Motto:
Alle Touristen bleiben am Abgrund stehen,
nur Selfie-Stick Peter, der geht noch ´n Meter.

Wenn ich wirklich glücklich bin, dann reicht mir die Realtität.

Auf Grund dieser Fakten bin ich davon ausgegangen, dass jeder Internetnutzer über 8 Jahre weiß, dass das happy Leben im Internet oft gar nicht so happy ist. Und dass diejenigen, die dort am lautesten "Mein Leben ist schön" schreien, die Depressivsten sind.

Denn wenn ich wirklich glücklich bin, dann habe ich doch gar nicht das Bedürfnis das ständig in den virtuellen Orkus zu tröten. Dann reicht mir die Realität. Weiß doch jeder.

Bei einem Essen mit Freunden wurde ich aber eines Besseren belehrt. Dort erzählte mir meine Tischnachbarin, eine gestandene Frau von 42 Jahren, dass sie diese eine Hipster-Kollegin schon um ihr Leben beneidete.

Die hätte ja nur tolle Fotos auf ihrem Facebook-Profil. Mir fiel fast der Löffel in die vegane Rote-Beete-Suppe. Vielleicht sollte ich der Unwissenden mal diesen Werbespot schicken.

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