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Judy Horney Headshot

Verdammt! Warum habe ich keine Tinder-Matches?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN SMARTPHONE FRUSTRATED
Peter Dazeley via Getty Images
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„Facebook ist langweilig geworden. Ich bin jetzt bei Tinder. Probier das auch mal."

Die Freundin erwischt mich in einem ganz schwachen Moment. Bisher hat mich Tinder nicht die Bohne interessiert. Macht ihr mal. Keine Verurteilung. Jeder Jeck is anders. Doch nach einem unfreiwillig einsamen Geburtstag in Texas, an dem mich auch noch vier meiner besten Freunde vergessen hatten, denke ich: Vielleicht wäre es mal Zeit für neue Freunde.

Also, App Store auf und die Fick- ,äh... , Fun-App runterladen. Schön über Facebook anmelden. Klar Tinder, du darfst alle meine Daten benutzen. Und, ach komm, auf meine Handyfotos lass ich dich auch noch zugreifen. Wenn schon, denn schon.

So funktioniert Tinder:

Swipe nach rechts heißt „Ich find dich hot." Swipe nach links „Dein Inneres sieht bestimmt besser aus." Wenn beide Seiten sich für hot befunden haben, gibt es ein Match (angezeigt durch eine Flamme) und man kann sich Nachrichten schreiben.

Neugierig wische ich durch den digitalen Männerkatalog und höre mich im Geiste mit den Jungs reden.

Wow JĂĽrgen. Selfie mit Hanteln vorm Spiegel in der Muckibude - Stark! Ganz starke Abneigung.

Klaus, nimm bitte die Zigarre aus dem Mund. Angebertum ist das Gegenteil von selbstbewusst.

Andi, toll! Ich freu mich fĂĽr dich, dass du deinen SchlĂĽpfer so gut ausfĂĽllst.

Hey Kai, ist das deine Ex-Freundin neben dir? Du scheinst die Trennung ja schon richtig gut ĂĽberwunden zu haben.

Tom, du cooler Berghain DJ, weiĂźt du denn noch, was du in der Nacht von Donnerstag auf Montag gemacht hast?

Matt, nice, du siehst halbwegs vernĂĽnftig aus. Aber leider nur halb.

Ich gucke auf die Uhr: WAS? Schon 'ne dreiviertel Stunde um?
Ok, noch ein Mal wischen, dann ist Schluss.

Oh! Ist das nicht? Das ist doch. Ja, das ist er! Hätte ich nicht gedacht, dass Personen des öffentlichen Lebens hier auch unterwegs sind. Den fand ich schon immer gut. Dann wische ich den jetzt nach rechts und dann schreiben wir uns gleich, denn der wird mich ja natürlich auch liken, weil ich ja nicht wie ein Zyklop aussehe. Und so lange bis er sich meldet, wische ich noch ein bisschen weiter.

Dabei fallen mir in der Textbox unter den Fotos immer wieder Hinweise auf wie „Ich schreibe dir auch zurück." oder „Match? Ich schreibe garantiert." Verstehe ich nicht, deshalb ist man doch hier. Aber ich muss erst mal ein Match inklusive Schreibmöglichkeit zu Stande kriegen.
Puh, gibt's 'ne Statistik wie viele Stunden man dafĂĽr herumwischen muss?

2016-04-04-1459787421-2712526-tinderdate.JPG

Ich gewinne mein erstes Match. Und verliere es wieder.

Oh hallöchen, Alex! Unter seinem Foto steht „Ich kann auch ganze Sätze schreiben." Finde ich halbwegs lustig und gut sieht er auch aus. Kann ich den jetzt liken, ich hab doch schon den Moderator? Egal, ich fahr voll crazy zweigleisig. Wischer rechts. KAZOOMB! IT'S A MATCH! YEAH! Na endlich.

Mein Daumengelenk tut schon etwas weh. Schnell den Schmerzpunkt massieren, damit ich flüssig schreiben kann, wenn sich Alex gleich meldet. Ich koche Abendessen (Eine Dose Ravioli.) Alex meldet sich nicht. Ich zupfe mir die Augenbrauen. Alex meldet sich nicht. Ich klebe Steuerbelege auf. Alex meldet sich nicht. Jetzt verstehe ich den Hinweis „Ich schreibe garantiert zurück." Das ist hier keine Selbstverständlichkeit.

Für mich aber! Also schreibe ich dem Ich-kann-ganze-Sätze-Alex super originell:
„Dieser Satz kein Verb." Naja, vielleicht doch ein bisschen zu drüber. Ich ändere es in
„Hallo Alex, du brauchst aber lange für 'nen ganzen Satz."
PLOPP. Er antwortet sofort zurück: „Judy hallo, mein Akku ist gleich leer. Ich melde mich morgen. Schönen Abend."
Ich denke: Ja sicher, Alex! Ganz bestimmt meldest du dich morgen.

Das kann doch wohl nicht angehen. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Ich werde heute nicht eher aufhören bis ich eine vernünftige Unterhaltung mit einem gutaussehenden Mann geführt habe. Und wenn mir der Daumen abfällt.

Genauso gut hätte ich mir vornehmen können, so lange weiter zu tindern bis die ISIS zum Christentum konvertiert. Sinnloses Vorhaben.

Noch mehr bekannte Gesichter

Ich swipe weiter. Moment, den Kollegen kenne ich doch. Der hat doch Frau und Kinder. Und anscheinend einen Hang zum Fremdgehen. Ich entdeckte noch weitere bekannte, liierte Gesichter, die hier so viel zu suchen haben wie ein Furzkissen auf einer Beerdigung.
Wurden für solche Kandidaten nicht seitensprung.de und Geschäftsreisen erfunden?
Ach, ich finde es zu anstrengend mir Gedanken, ĂĽber anderer Leute BeziehungslĂĽgen zu machen.

Komm hier den Tom, den likst du jetzt noch. Der sieht zwar aus als hätte er gerade einen Donut mit Valium-Streuseln gegessen, aber was soll der Geiz. LIKE! KAZONG! MATCH!
Keine Minute später kommt die Nachricht. „Na, noch wach?" Ich antworte: „Ja, nur scheinbar ist mindestens einer von uns zu müde, etwas Geistreiches zu schreiben."
Ich hab kein Bock mehr. Ich geh schlafen.

Neuer Morgen. Neues GlĂĽck.

Gleich nach dem Aufwachen greife wie ein Junkie zum Tinder-Handy. Swipe, swipe, swipe.
Mein Verstand sagte: „Hey, ich will Zeitung lesen!". Meine Eitelkeit antwortete: „Maul!"
Die WĂĽrde scheint noch im Tiefschlaf.

Mein gekränkter Eitelkeitsanfall wird von dem Anruf einer Freundin unterbrochen. Geh ich ran? Ja, denn die ist Tinder-Pro und kann mir sagen, was ich falsch mache.

Die Expertin rät:

1. Das Foto ist das wichtigste. Mein Foto sieht zwar ganz schön aus, allerdings könnte Judy aus Kreuzberg mit ihren goldenen Kreolen, blonden Locken und Tattoo auch als frisch blondierte, dauergewellte Cindy aus Marzahn durchgehen.

2. Ich muss Geduld haben und mehr Typen liken - einfachste Mathematik.

3. Als Frau niemals aber auch nie, nie, niemals zuerst schreiben.

4. Nicht zu lustig sein oder immer noch einen Gag drauf setzen.

Danke für's Gespräch. Ich denke mal darüber nach.

Ja, fĂĽr seinen Charakter wird man hier nicht geliked


Wenn ich also auf Tinder punkten will, müsste ich dort nicht nur unglaublich viel Zeit verplempern und Typen liken, die mich nicht interessierten. Nein, ich müsste auch noch in der Zeit zurückreisen. Am besten nach 1955 und mir dort die Regeln drauf schaffen, wie man sich als Frau klein hält. „Hihihi Hans-Günther, da hast du aber einen lustigen Witz gemacht. So was würde mir nie einfallen." So richtig?

Ach ja und ein besseres Foto von mir bräuchte ich auch, da ich auf meinem also wie Cindy aus Marzahn aussehe. (Mit Freunden wie meinen läuft man nicht Gefahr eingebildet zu werden.) Vielleicht so ein bißchen mehr Kim Kardashian? Das wäre anatomisch und psychisch nicht möglich, denn ich habe ein krankhaft unnatürliches Verhältnis zur Kamera. Richte ein Fotoapparat auf mich und ich verkrampfe wie auf einem elektrischen Stuhl.

Genervt mache ich eine Pause und öffne Facebook. In meinem Newsfeed erscheint ein Video namens „Buddy bench a big hit at Willowgrove School".

In dem Film lässt sich eine Reporterin von einem Schulkind erklären, wie die Buddy Bench auf dem Pausenhof funktioniert. Das geht so: Wenn ein Kind sich einsam fühlt und seine besten Freunde nicht finden kann, setzt es sich auf die Bank und wartet bis ein anderes Kind dazu kommt und mit ihm spielt. Die Frau fragt, wie lange, dass so ungefähr dauere. Das Kind antwortet: „A minute."

Ich teile das Video mit der Überschrift: „Das ist doch so viel besser als Tinder!" und lösche die Dating-App auf meinem Handy.

P.S.
Ich will Tinder nicht verteufeln. Für viele, mit denen ich darüber gesprochen habe, funktioniert es. Die meisten erzählten, dass sie durch Tinder sehr nette Leute getroffen haben. (Und auch den ein oder anderen Monatsabschnittsgefährten oder mehr). So weit ist es bei mir in zwei Tagen aus totaler Ungeduld, gekränkter Eitelkeit und halb-feministischer Überzeugung nicht gekommen. Es liegt also nicht an Tinder sondern an dem Menschen, der davor sitzt.

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