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Warum hat Frankreich das Geld für Ganztagsbetreuung und Ganztagschulen, Deutschland aber nicht?

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FRANKREICH
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Ideologien bestimmen all zu oft, wofür Geld ausgegeben wird. Wer das Ehegatten-Splitting unterstützt, ist bewusst oder unbewusst gegen Ganztagskitas, Ganztagskindergärten, Ganztagsschulen. Die Institutionen der alten Bundesrepublik werden als männliches Ernährermodell qualifiziert, da Kindergärten und Schulen nach wie vor halbtags organisiert sind, um die Priorität der Familie bei der Erziehung zu gewährleisten. (Früher, damit Kinder in der Landwirtschaft mithelfen konnten.)

Anders in Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kinder zum Politikum. "Wir haben zu wenig Kinder, zu wenig Waffen, zu wenig Verbündete", war die Erkenntnis Petains, nachdem Deutschland das Land überrannt hatte. Charles de Gaul machte bereits im März 1945 Kinder zur Chefsache. Eine lückenlose, ganztägige Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und ein Steuersystem, das Familien mit Kindern erheblich entlastet, waren fortan die Säulen der französischen Familienpolitik.

In Frankreich gibt es kein Ehegattensplitting, wohl aber ein Familiensplitting. Jedes Kind erhöht den Faktor um 0,5 Punkte, das heißt: Bei einem berufstätigen Ehepaar mit zwei Kindern teilt der Fiskus das Familieneinkommen durch den Faktor drei, um den Steuersatz in der Progression festzulegen. Dank großzügiger Grund-Freibeträge zahlen Paare mit drei Kindern dann oft überhaupt keine Einkommenssteuer mehr. So gesehen sind Kinder in Frankreich das schönste Steuersparmodell, das es gibt, schreibt das Handelsblatt (7.9.2010).

Dank Familiensplitting und ganztägiger, lückenloser Kinderbetreuung und -Erziehung haben die Franzosen ihr Ziel erreicht: "Frankreich ist Fruchtbarkeitseuropameister", titelt Welt-Online im September 2009. Statistisch gesehen bringt jede Frau 2,02 Kinder zur Welt. Frankreich gilt als vorbildlich, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht. Lediglich in Irland, Großbritannien und den skandinavischen Ländern werden in Europa ähnliche Geburtenraten zwischen 1,8 bis 2,0 erzielt. In Deutschland liegt die Geburtenziffer seit 30 Jahren relativ konstant bei unter 1,4.

80% alle Französinnen mit zwei Kindern üben selbstverständlich ihren Beruf aus, in Deutschland nur 56% und das überwiegend in Halbtagsjobs. (Die Erwerbsquote generell liegt bei 68%.)

Nach Ansicht der französischen Sozialpsychologin Dominique Frischer liegt der Grund des französischen Baby-Booms darin, dass Frauen in Frankreich davon überzeugt sind, Mutterschaft und Berufstätigkeit miteinander verbinden zu können. Frauen wird der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Geburt erleichtert, da Kleinkindertagesstätten oft für die Eltern kostenlos oder stark subventioniert sind. Seit der französische Staat Unternehmenskrippen subventioniert ist auch die Privatwirtschaft aktiv. Für Kinder über drei Jahren hat Frankreich ein Vorschulsystem, die "écoles maternelles". 99 Prozent aller Kinder ab drei Jahren besuchen sie ganztägig. Danach gibt es ausnahmslos Ganztagsschulen.

Einer aktuellen Studie zufolge bringt diese vorbildliche Kinderbetreuung auch handfeste ökonomische Vorteile: Während in Deutschland der einsetzende Bevölkerungsrückgang als unaufhaltsam gilt, werden für Frankreich langfristig steigende Einwohnerzahlen vorhergesagt, heißt es in einer Modellrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. (Quelle: "Die Welt") In Deutschland würden schon bald die so genannten Baby Boomer in Rente gehen und müssten durch geburtenschwache Jahrgänge ersetzt werden. Der dadurch zu erwartende Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften wird zur Wachstumsbremse werden.

Die "Caisse d'allocation familiale" ist die Säule der französischen Sozialversicherung. Auch in Deutschland würde die Bündelung familienbezogener Leistungen bei einer einzigen Institution den Leistungskatalog öffentlich finanzierter Familienpolitik nicht nur überschaubarer machen, sondern gleichzeitig würde die Höhe der Ausgaben für familienbezogene Leistungen deutlich. In Deutschland wird viel Geld für die Familie ausgegeben, bei einer Geburtenrate von 1,4 Kindern ist die Frage berechtigt, ob es effizient eingesetzt wird?

Frau von der Leyen konnte angeblich ihr Kita-Programm nur bewilligt bekommen, wenn gleichzeitig ein Betreuungsgeld (die sogenannte "Herdprämie") von 150 Euro für jede Mutter, die ihr Kind nicht in einer staatlichen Kita betreut, angeboten wird. Ein 1,9 Milliarden Geschenk an die konservativen Wähler der CDU/CSU.

Die konsequente Familienpolitik, die lückenlose, ganztägige Kinderbetreuung und -Erziehung sowie die gebündelten, gezielt eingesetzten Gelder sorgen schon jetzt dafür, dass Frankreich weniger Kinderarmut kennt als Deutschland. Später wird Frankreich nicht das Rentenproblem haben, das Deutschland droht, es gibt genug Nachkommen, die die Rentenkassen füllen werden.

Kinder müssen auch in Deutschland zur Chefsache werden.


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