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Wie einfach es ist, ein Leben zu retten, lernte ich, als ich meines beenden wollte

16/06/2017 11:07 CEST | Aktualisiert 16/06/2017 18:39 CEST
Fausto Serafini / EyeEm via Getty Images

Eines Abends im September, es war noch früh, verließ ich eine Psychiatrische Klinik in Gloucester und trat auf die Straße. Ich wusste nicht, wo ich hinwollte oder wo ich sein wollte, nur eines wusste ich: Ich wollte nicht nach Hause.

In der Woche zuvor war ich wegen eines akuten Selbstmordrisikos in die Klinik eingewiesen worden.

An dem Abend jedoch hatte ich mich selbst wieder entlassen, da die Klinik meine Probleme nur noch verschlimmert hatte. Das Klinikpersonal hatte der Selbstentlassung zugestimmt und so verließ ich die Klinik und ließ fast all meine persönlichen Dinge zurück.

Die Menschen bemerkten mich

Als es später wurde, bemerkten die Menschen mich: Eine Frau, die ganz alleine durch die Straßen im Stadtzentrum lief.

Die ersten Menschen, die besorgt auf mich zukamen, waren zwei Obdachlose. Sie hatten das Obdachlosenmagazin verkauft. "Es ist gefährlich für eine Frau, hier ganz alleine durch die Straßen zu laufen", sagten sie.

Sie gaben mir die Adresse einer Obdachlosenunterkunft. Wenn ich aber auf der Straßen bleiben wollte, dann sollte ich mir lieber einen sicheren Platz zum Schlafen suchen, zum Beispiel unter einer Brücke, wo sie beide auf mich Acht geben könnten.

Ich war sehr dankbar, sagte den beiden aber, dass es nicht nötig wäre, ich käme schon klar. "Du wirst erfrieren", sagten sie weiter, und boten mir eine Decke an. Sie waren wirklich besorgt.

Dann sprach mich ein Mann aus Polen an und zeigte sich ähnlich besorgt. Ich sagte, es ginge mir gut, aber er antwortete: "Sie können bei uns bleiben, ich rufe nur schnell meine Frau an".

Nach einem kurzen Telefongespräch gingen wir zu ihm nach Hause. Seine Frau hieß mich willkommen, machte mir eine heiße Schokolade und zeigte mir das Zimmer, in dem ich schlafen konnte.

Ihre Herzlichkeit überwältigte mich, aber ich konnte das Angebot einfach nicht annehmen.

Ich zeigte mich nicht verzweifelt -

die Menschen handelten instinktiv

Ich kehrte auf die Straße zurück und traf erneut auf die beiden Obdachlosen. Sie erzählten mir, dass ein Mann in einem Auto auf der Suche nach mir sei, da er sich Sorgen gemacht habe, nachdem er kurz mit mir gesprochen hatte. Das alles erstaunte mich zutiefst.

Ich hatte niemandem erzählt, dass ich grade eine Psychiatrische Klinik verlassen hatte, dass ich Selbstmordgedanken hatte und dass ich alles, was ich brauchte, um meinem Leben selbst ein Ende zu setzen, in einer Tasche bei mir trug.

Ich zeigte mich nicht verzweifelt, diese Menschen handelten einfach instinktiv und waren besorgt über einen Menschen, der verletzlich wirkte.

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Die Herzlichkeit und die Sorge, die sie mir entgegenbrachten, hatten auf mich eine starke Wirkung. Ich hatte erwartet, auf der Straße niemandem aufzufallen.

Die Tatsache, dass völlig fremde Menschen mir ihre Zeit schenkten und mir ihre Hilfe anboten, war ein starkes Zeichen für die Güte, die Selbstlosigkeit und die wundervolle Großzügigkeit der Menschen.

Wenn man an Depressionen leidet, dann konzentriert man sich auf die negativen Seiten des Lebens. Das ist ein Teil der Krankheit. Die Menschen, die ich traf, zeigten mir, dass die Welt nicht so kalt und unbarmherzig ist, wie ich nur wenige Stunden zuvor noch geglaubt hatte.

Man weiß nie ob die Person, die man zufällig auf der Straße trifft, vielleicht Selbstmordabsichten hegt.

Es macht einen Unterschied

Vielleicht erscheinen sie nur irgendwie verletzlich. Ich leite jetzt ein Selbstmord-Krisen-Zentrum und im Rahmen meiner Arbeit treffe ich oft Menschen - häufig auf meinem Weg von der Arbeit nach Hause - die verletzt oder verzweifelt wirken.

Sehr viele dieser Menschen vertrauen mir dann später, nachdem sie erfahren haben, an, dass ich ebenfalls Selbstmordgedanken hatte.

Wenn ein Mensch offensichtlich verzweifelt ist und weint, dann scheinen weniger Personen auf diese Menschen zuzugehen.

Vielleicht sind sie unsicher, wie sie reagieren sollen und haben Angst, nicht das Richtige zu sagen oder zu tun. Vielleicht verschlimmern sie die Situation nur noch. Vielleicht haben diese Personen Angst, dass die Menschen in ihrer Verzweiflung unerwartet oder negativ reagieren.

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Vielleicht vermuten sie sogar eine Falle, vielleicht fürchten sie, Opfer eines Verbrechens zu werden. Schließlich müssen wir stets wachsam sein und mögliche Risiken abwägen.

Ich weiß jedoch aus Erfahrung, was für einen Unterschied es ausmachen kann, wenn man auf der Straße einfach von einem Fremden angesprochen wird, der fragt, ob er helfen kann. Es macht sehr viel aus, dass jemand sich einfach diesen Moment Zeit nimmt und sich Sorgen macht.

Vielleicht treffen wir alle einmal auf einen Fremden, der selbstmordgefährdet ist

In der Zeit vor meinem Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik war ich stark depressiv. Ich weiß noch, wie ich einmal mitten auf der Straße in Tränen ausgebrochen bin.

Zuerst war ich entsetzt, ich fühlte mich bloßgestellt und verbarg mein Gesicht in meinen Händen. Es war ein ganz offensichtliches und öffentliches Zeichen von Verzweiflung. Ich wünschte, es wäre nie passiert.

Zehn Minuten lang weinte ich leise in meine Hände. Ich hörte, wie die Menschen vorbeiliefen. Niemand hielt an. Niemand fragte, ob er helfen könne. Damals war ich stark selbstmordgefährdet.

Vielleicht treffen wir alle einmal in unserem Leben auf einen Fremden, der selbstmordgefährdet ist. Wenn Du nicht dazu ausgebildet wärst, auf solche Menschen zu reagieren, würdest Du trotzdem versuchen, ihnen zu helfen?

Im Jahr 2013 nahm ich an einem Kurs teil, in dem die Teilnehmer Fähigkeiten aufbauen sollten, um in einer Selbstmord-Situation richtig zu reagieren.

Der Kursleiter erzählte uns, dass jemand, der an einem bekannten Selbstmord-Ort ganz offensichtliche Absichten zeigt, trotzdem von den meisten Menschen ignoriert wird. Vielleicht sind sie unsicher und wissen nicht, wie sie helfen sollen oder sie haben Angst, das Falsche zu tun.

Wir alle haben das Potenzial, Leben zu retten

Der Kurs zeigte uns, wie man sich jemandem mit offensichtlichen Selbstmordabsichten in einer kritischen Situation nähert.

Ich bin eine leidenschaftliche Verfechterin für Kurse dieser Art. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, gratis einen solchen Kurs zu absolvieren.

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Vielerorts werden solche Kurse bereits von den Gemeinden für bestimmte Organisationen angeboten. Ich hoffe, dass sie bald auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Wir alle haben das Potenzial, ein Leben zu retten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Wenn ihr oder eine euch nahestehende Person an Depressionen leidet, bietet die Telefon-Seelsorge ihre Hilfe an. Sie ist rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0800 111 0 111 zu erreichen. Eure Anliegen werden auf Wunsch auch anonym behandelt.

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