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4 Folgen von Depressionen, über die kaum jemand spricht

18/07/2017 11:13 CEST | Aktualisiert 18/07/2017 11:42 CEST
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Da ich seit ungefähr fünf Jahren selbst immer wieder unter schweren und lang anhaltenden depressiven Phasen leide, kenne ich mich mittlerweile mit der Krankheit ziemlich gut aus.

Das Aufklärungsmaterial über Depressionen, das man im Internet findet, konzentriert sich meist in erster Linie auf die klassischen Symptome, an denen man die Krankheit erkennen kann. Über die Auswirkungen und Symptome von Depressionen, mit denen Betroffene meiner Meinung nach jedoch am meisten zu kämpfen haben, findet man hingegen sehr viel weniger Informationen.

Diese vier Auswirkungen von Depressionen finde ich persönlich besonders schlimm:

1. Identitätsverlust

Depressionen sind eine grausame Krankheit, die dazu führen kann, dass man komplett das Gefühl für sich selbst verliert.

Dieser Verlust der Selbstwahrnehmung kann sich auf unterschiedliche Weise äußern und wird für gewöhnlich durch eine Kombination aus verschiedenen Faktoren ausgelöst.

Zum Beispiel dass man sich in der Arbeit krank melden muss, dass man seinen Job irgendwann ganz verliert, dass man sich selbst isoliert, weil man es nicht mehr schafft, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen, dass man an starken Ängsten leidet, dass man Menschen von sich stößt und vieles mehr.

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Ich erlitt einen kompletten Identitätsverlust, als ich nicht mehr richtig arbeiten konnte und schließlich meine Stelle ganz verlor. Da mir die Motivation und die Kraft fehlte, um mich mit anderen Menschen zu umgeben, kapselte ich mich immer mehr ab. Ich wollte mich nicht mit meinen Freunden oder meiner Familie treffen, weil ich glaubte, dass ich ihre Liebe nicht verdient hatte.

Irgendwann wurden Ängste wurden so unerträglich, dass ich es kaum mehr schaffte, aus dem Haus zu gehen. Als ich in der psychiatrischen Klinik war, konnte ich nicht einmal mehr mein Zimmer verlassen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung mehr, wer ich eigentlich war.

Der fröhliche, extrovertierte, lustige und liebevolle Mensch, der ich früher einmal war, war komplett verschwunden. Und diese neue Version von mir selbst war kein besonders guter Ersatz.

2. Der Einfluss der Krankheit auf Beziehungen

Niemand bereitet einen darauf vor, welchen enormen Einfluss Depressionen auf die Beziehungen von Betroffenen haben können. Beziehungen leiden darunter, dass manche Partner ihre Rolle wechseln und vom Liebhaber zum Pfleger werden.

Kein einziger der Betroffenen mit mittelschweren bis schweren Depressionen, die ich bisher kennengelernt habe, hat noch genauso oft Sex mit seinem Partner wie vor dem Ausbruch der Krankheit. Diese "Durststrecken" können Wochen oder sogar Monate andauern, und natürlich wirken sie sich negativ auf die Beziehung von Paaren aus, die seit mehreren Jahren zusammen sind und früher einmal ein gesundes Sexleben hatten.

Es kann passieren, dass das Gefühl von Vertrautheit und die gegenseitige Anziehung komplett verschwinden und dass es sich irgendwann fast so anfühlt, als hätte es diese Liebe nie gegeben. Ich kann zwar nicht für andere sprechen, doch ich vermute, dass dahinter im schlimmsten Fall sehr viel aufgestaute Frustration und Wut stecken.

Trotz allen Übeln können Depressionen jedoch auch dazu führen, dass Paare sich noch näher kommen und dass ihre Verbindung sogar noch stärker wird.

3. Schuldgefühle

Es gibt nicht besonders viel Literatur darüber, dass depressive Menschen häufig mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben. Und obwohl man sich wegen der Krankheit nicht schämen oder schuldig fühlen muss, leiden dennoch viele Betroffene unter Schuldgefühlen. Es bringt nichts, diese Tatsache einfach zu ignorieren.

Ich hatte vor dem Ausbruch meiner Depressionen noch nie so starke Schuldgefühle wie jetzt. Diese Schuldgefühle ließen meinen Selbsthass ins Unermessliche steigen. Ich hatte unter anderem ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht zur Arbeit ging, weil ich auf Sozialleistungen angewiesen war, weil ich meinen Aufgaben im Haushalt nicht ordentlich nachkam, weil ich keine langen Spaziergänge mit meinen Hunden machte, weil ich kein Interesse mehr an Sex hatte, weil ich dafür verantwortlich war, dass meine Angehörigen traurig waren und sich Sorgen machten - wie das nun eben mal so ist, wenn man einen Menschen mit Depressionen liebt.

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Ich fühlte mich schuldig, weil ich immer nur im Bett lag, weil ich mich nur einmal pro Woche duschte, weil ich nicht in die Kirche ging, weil ich nichts mit Freunden unternahm, weil ich mich nicht mehr als Ehrenamtliche betätigte und weil ich kein Essen mehr kochte.

Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch ein schlechtes Gewissen, dass ich überhaupt am Leben war und dass andere mir deshalb dabei zusehen mussten, wie ich meine Persönlichkeit immer mehr verlor.

4. Frustration

Zum Glück haben die anhaltende Liebe und Unterstützung meines Partners, meiner Freunde und meiner Familie mich gerettet. In meiner Zeit im Krankenhaus war ich kurz davor, die Kontrolle über meine Seele und meinen Körper komplett zu verlieren.

Doch ohne die Zwangseinweisung in die Klinik wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Nach und nach wurde ich wieder zu einem normalen Menschen. Ich aß und trank wieder richtig, meine Medikamente wurden umgestellt und ich hatte regelmäßig Termine beim Beschäftigungstherapeuten der Station.

Nach einem langen stationären Aufenthalt durfte ich endlich wieder nach Hause zu meinem wunderbaren Lebensgefährten und zu meinen süßen Hunden. Leider erholt man sich von Depressionen nicht einfach so von heute auf morgen. Und da meine Depressionen besonders schlimm waren, musste ich mich erst einmal wieder an grundlegende Dinge gewöhnen und mein Durchhaltevermögen ganz neu aufbauen.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass es mir bereits unglaublich schwer fiel, einfach nur eine Dose Hundefutter aufzumachen. Meine Stärke nach und nach wieder aufbauen zu müssen, war für mich einer der frustrierendsten Prozesse, die ich jemals durchgemacht habe.

Und auch heute noch kämpfe ich manchmal mit völlig alltäglichen Dingen, obwohl ich bereits vor mehr als einem halben Jahr aus dem Krankenhaus entlassen worden bin. Es fällt mir noch immer schwer zu kochen, aufzuräumen, mich um mich selbst zu kümmern, Sport zu machen, mich mit anderen Menschen zu treffen oder etwas zu unternehmen.

Und dass es für mich beispielsweise bereits eine Herausforderung ist, einen Topf abzuspülen, ist unglaublich nervig. Warum kann ich diese Aufgabe nicht einfach erledigen, so wie alle anderen auch? Ich gehe ja noch nicht einmal arbeiten, denn mir fehlt noch immer die Kraft dazu, wieder damit anzufangen.

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Sich von einer schweren depressiven Phase zu erholen ist ein langer, anstrengender und frustrierender Prozess. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass er es absolut wert ist.

Dies sind Probleme, mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass jeder von uns einzigartig ist und dass wir völlig unterschiedlich mit den Symptomen und Herausforderungen dieser Krankheit umgehen.

Während manche Leser mir vielleicht zustimmen, nehmen wieder andere ihre Depression ganz anders wahr als ich. Doch egal, in welcher Phase deiner Krankheit du dich auch gerade befindest, solltest du nie vergessen, dass es immer Hoffnung gibt und dass es dir irgendwann auch wieder besser gehen wird. Mach weiter und gib nicht auf.

Wenn du nach Hilfe für dich oder für einen deiner Angehörigen suchst, besuche unsere Website mit Infos zur Verhinderung von Selbstmorden.

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Dieser Blog erschien ursprünglich bei The Mighty, einer Plattform für Menschen, die unter Krankheiten, Behinderungen und mentalen Störungen leiden, und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)

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