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Wir sind eine Woche durch Deutschland gereist - und haben erlebt, wie brutal die Politik die Ärmsten im Stich lässt

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Landflucht im thüringischen Greiz, Kinderarmut in Leverkusen, Schuldenberge in Herne: Wer durch die abgehängten Regionen des Landes fährt, merkt schnell, dass vom wachsenden Reichtum in Deutschland längst nicht alle Menschen profitieren.

Armut und Entbehrung sind in Deutschland eine oft übersehene Realität.

Wir haben eine Woche lang mit Menschen gesprochen, die in ihrem Heimatland keine Perspektiven mehr sehen. Die keinen Job mehr finden, die auf der Straße gelandet sind, die buchstäblich an ihrer Armut sterben.

Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen.

Durch diese Begegnungen wurde uns klar, wie gespalten Deutschland noch immer ist: zwischen arm und reich, zwischen Metropole und Provinz - und zwischen Politik und Bürgern.

Wir gewannen einen beunruhigenden Eindruck davon, was Armut in Deutschland wirklich bedeutet. Das sind unsere 5 wichtigsten Erkenntnisse:

1. Niemand will als arm gelten - und das ist ein Problem

Auf einem Spielplatz im Leverkusener Stadtteil Alkenrath beobachten wir eines der größten Probleme im Umgang mit Armut in Deutschland.

Wir treffen eine Gruppe junger Mütter. Sie wissen um die schwerwiegenden Probleme ihres Viertels: Das jedes zweite Kind hier von Armut bedroht ist, dass viele hier keine Arbeit finden. Sicher, sagt eine der jungen Frauen, fühlen sie sich hier schon lange nicht mehr.

Dennoch hört man in dem Gespräch immer wieder ein und dasselbe Wort: "normal". So sei das Leben hier, so sei die Gegend. Klar, Alkenrath sei "asozial", dass könne man nicht anders sagen. Doch offenbar haben sich die Mütter daran schon längst gewöhnt.

So wie viele Menschen, denen wir auf unserer Reise durch Deutschland begegnet sind. Immer wieder sprachen sie davon, dass ihre Armut "ganz normal" sei.

Und das ist ein Problem.

Denn es sind gerade diese Menschen, die auf ihre Not lautstark hinweisen müssten. Die einfordern müssten, dass sich etwas ändert. Dass man ihnen hilft.

Doch viele resignieren: aus Wut, aus Frust, aus Angst, aus Scham. Und aus falschem Stolz.

So wie eine Sozialarbeiterin, die wir in Bremerhavens ärmsten Viertel, der Goethestraße, treffen. Immer wieder fühlt sie sich genötigt, zu betonen, dass ja auch Ärztekinder in ihre Einrichtung kommen würden.

Als sei die Armut ihrer Klienten ein Makel, der auf sie abfärben könnte.

2. Viele Lokalpolitiker verdrängen und ignorieren die Armut in ihren Städten

Noch ausgeprägter und problematischer haben wir diesen Reflex bei vielen Lokalpolitikern erlebt.

Armut, so schien es uns, ist für manchen Bürgermeister oder Gemeinderat vor allem ein Imageschaden an der eigenen Stadt. Nicht ein Problem, dessen Lösung ihre dringliche Aufgabe wäre.

Im extrem überschuldeten Herne
gibt es nur eine einzige Schuldenberatung. In Alkenrath lebt noch immer jedes zweite Kind in Armut, obwohl es seit 2009 eine Initiative gegen Kinderarmut gibt. Und im versmoggten Pirmasens steht die Schadstoff-Messstation nicht an den viel befahrenen Straßen - sondern in einem Luft- und Badepark.

Besonders fassungslos machte uns eine Begegnung mit dem Greizer Bürgermeister Gerd Grüner. Dessen Stadt hat in den letzten Jahren dramatisch an Einwohnern verloren und schrumpft immer weiter. Viele der umliegenden Dörfer drohen laut Forschern des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung auszusterben.

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Die ersten Opfer der Landflucht: In Greiz stehen zahlreiche Gebäude leer

Doch Grüner scheint diese Entwicklung nicht als Problem wahrzunehmen. Dabei müsste er dafür nur einmal vor sein Rathaus treten.

Denn keine hundert Meter von Grüners Rathaus-Pforte entfernt liegt ein kleiner Imbiss, der sich nur mit Müh und Not über Wasser hält. Ganze Industriezweige sind in Greiz weggebrochen - und damit auch die Kunden. Die Thekendame liefert jetzt sieben Tage die Woche Essen auf Rädern aus, am Wochenende bietet sie einen Partyservice an.

Zum Leben reicht das trotzdem kaum. Sie sagt uns: "Am Ende des Monats ist es oft sehr schlimm."

3. Das Deutschland, über das in Berlin diskutiert wird, hat für viele nichts mit ihrer Lebensrealität zu tun

Hilferufe wie dieser müssen endlich auch von den Politikern in Berlin ernstgenommen werden.

Wenn ein Politiker wie Jens Spahn von "Hipster-Parallelgesellschaften" spricht, ist das blanker Hohn.

Ja, es gibt Parallelgesellschaften in Deutschland.

Zum Beispiel in Herne, wo die Chefin der einzigen Schuldenberatung klagt, dass sich die Menschen am Ende des Monats entscheiden müssten, ob sie zu Abend essen oder die Heizung anmachen.

Oder auch im reichen München, wo für viele das sichere Dach über dem Kopf zum Luxus wird. Wo Menschen zu Opfern von brutaler Gewalt werden, bloß weil sie auf der Straße leben.

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Auch in München leben tausende auf der Straße

Wie Lino, der seit fünf Jahren unter einer Münchner Brücke lebt. Er erzählt uns von jungen Männern, die ihn Abends betrunken mit Flaschen bewerfen, die herumpöbeln, Drogen nehmen und die sich prügeln wollen.

Lino sieht nur einen Weg aus der Armut: "Ich will im Lotto gewinnen - und dann ab nach Malaysia."

4. Dass viele AfD wählen wollen, ist kein Wunder

In Bremerhaven erleben wir unverhohlenen Rassismus - und auch, was hinter diesem steckt. Jeder Zweiter in der Goethestraße schimpft im Gespräch mit uns über die "Scheiß-Bulgaren", die das Viertel zerstört hätten.

Das zeugt von Ausländerfeindlichkeit, aber auch von einem realen Problem, das einer Lösung bedarf: Seit Jahrzehnten müssen die Anwohner zusehen, wie ihr Viertel verkommt und verwahrlost - ohne einen Ausweg aus der eigenen Armut zu haben.

Die Wut auf das Fremde, für die Menschen hier ist sie auch ein Symptom der eigenen Hilflosigkeit.

Und so ist es kein Wunder, dass die AfD in den ärmeren Regionen Deutschlands Erfolg hat.

In Bitterfeld-Wolfen etwa, wo der zuständige Ortsbürgermeister André Krillwitz uns gegenüber felsenfest behauptete, seine Stadt sei keine "AfD-Hochburg". Dabei hatten bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt über 30 Prozent seiner Bürger ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten gemacht.

Als wir dort durch den Stadtteil Wolfen Nord fahren, erkennen wir, was eine wichtige Ursache für den AfD-Erfolg ist: Viele der Plattenbausiedlungen sind vollkommen heruntergekommen. Einige warten nur noch auf den Abriss, in anderen müssen noch immer Menschen leben.

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Zukunft sieht anders aus: Triste Plattenbauten in Wolfen

Das birgt Frustpotential. Und so gibt sogar ein Jungpolitiker der SPD im Gespräch mit uns ernüchtert zu: "Die einzigen, die hier irgendetwas machen, sind die AfDler."

5. Es gibt kaum gute Ideen, das Armutsproblem zu lösen

In Herne berichtete uns ein Hartz-IV-Empfänger von seinem Leidensweg.

Er habe Arthrose, mit der schweren Arbeit sei es nach über 30 Jahren vorbei. Beim Arbeitsamt wolle man ihm keine der Qualifikationsmaßnahmen genehmigen, die er vorgeschlagen habe. Er sagt uns: "Ich bin jetzt 53, kriege Hartz-IV. Das war's."

Ein Schicksal, dass auch viele Menschen in Pirmasens teilen. Hier sterben die Menschen früher als irgendwo sonst in Deutschland, weil sie immer ärmer werden.

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Wo es keine Arbeit gibt, kommt das Leben der Stadt schnell zum Erliegen

Auch, so erklärt uns der medizinische Soziologe Matthias Richter, weil die Agenda 2010 nur in Ballungszentren einen positiven Effekt zeige.

In den großen Städten konnten die Hartz-IV-Reformen viele niedrig qualifizierte Menschen der Leiharbeit oder Minijobs zuführen. Doch in der deutschen Provinz erlebten wir, dass es oftmals selbst an solchen Angeboten fehlt.

Jeder Achte in Pirmasens hat keine Arbeit. Diesen Menschen droht, was Soziologe Richter einen "Teufelskreis der Armut" nennt. Er sagt uns: "In den Gegenden, wo es eh schon schlimm war, wurde alles nur schlimmer."

Ein Mann in einer der Straßenkneipen von Pirmasens fasst im Gespräch mit uns diese Misere der armen Menschen in Deutschland treffend zusammen. "Pirmasens ist eine Stadt wie jede andere", sagt er über seine Brille hinweg. "Es fehlt halt an Arbeit."

Wer Arbeit habe, verdiene nicht viel, sagt der Mann. Und: "Wer was verdienen will, der zieht am besten woanders hin."

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(ll)