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Es verletzt mich, dass Muslime nach Orlando den ganzen Hass zu spüren bekommen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ORLANDO
dpa
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Heute bin ich traurig.

Orlando macht mich traurig. Die Welt macht mich traurig. Ich trauere um die Menschlichkeit. Es macht mich traurig, dass dieses schöne Land, in das ich gezogen bin und das ich seit einigen Jahren schon meine Heimat nenne, so einen furchtbaren Tag erleben muss.

Es macht mich traurig, dass in vielen Betten eine Seite leer und kalt bleibt. Es macht mich traurig, dass das Klingeln vieler Telefone ungehört und ohne Antwort bleibt. Für immer.

Es macht mich traurig, dass an vielen Tischen Stühle leer bleiben. Es macht mich traurig, dass Familien und Freunde für immer mit gebrochenen Herzen leben müssen, eine Wunde in Form der wunderbaren Menschen, die ihr Leben durch den furchtbaren Anschlag von Orlando verloren haben, wird für immer zurückbleiben.

Es macht mich traurig, dass Liebe in den Augen mancher Menschen einem bestimmten Bild entsprechen muss. Es macht mich traurig, dass manche Menschen nie wieder Liebe verspüren werden können, oder überhaupt irgendetwas. Ich bin traurig.

Heute bin ich verletzt.

Es verletzt mich, dass Muslime im ganzen Land die Rückfeuerungen des Hasses eines einzigen Mannes zu spüren bekommen werden. Es verletzt mich, dass Menschen einen Akt der Homophobie nutzen werden, um die Islamophobie zu rechtfertigen.

Ich bin verletzt, weil diese Tat sich zugetragen hat, weil Menschen Teil der LGBTQ-Gemeinschaft waren, einer Gemeinschaft, die mich aufgezogen hat und mich lehrte, herzlich und mutig zu sein und andere Menschen zu akzeptieren. Es verletzt mich, dass Menschen immer noch diskriminiert werden.

Es verletzt mich, dass ich in den Augen mancher Menschen einen Mann lieben darf, mein Vater aber nicht. Es verletzt mich, dass ich meine eigene Mutter weinen sehe, weil andere Menschen glauben, sie könnten ihr vorschreiben, für wen ihr Herz schlägt. Es verletzt mich, dass Menschen in unserer Welt immer noch nicht gleich behandelt werden.

Es verletzt mich, dass sich dieser Anschlag an einem vermeintlich sicheren Ort ereignet hat, einem Ort, an dem Menschen zusammenkamen, um zu singen, zu tanzen und sich zu amüsieren. Wichtiger noch, einem Ort, an dem sie sich dazugehörig fühlen und dem alltäglichen Stress entfliehen konnten.

Es verletzt mich, dass Menschen in Angst vor anderen Menschen leben und um ihr Leben fürchten müssen, aufgrund dessen, an was sie glauben und der Menschen, die sie lieben. Ich bin verletzt.

Heute bin ich wütend.

Ich bin wütend, weil die Nachrichten voll von Meldungen darüber sind, eine Mauer zu bauen. Ich bin wütend, dass unserer erster Instinkt der ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich bin wütend, dass außer recycelten „Gebeten und Gedanken" nichts passiert, um eine andere Denkweise herbeizuführen.

Ich bin wütend, weil es in diesem Jahr alleine bereits 133 Schießereien in den USA gab. Ich bin wütend, weil das in einem Monat des Stolzes und des Feierns geschehen ist. Ich bin wütend, weil die Presse den Täter in den Vordergrund stellt, statt sich auf die Opfer zu konzentrieren. Ich bin wütend, weil führende Politiker sich eher wie Reality-TV-Stars benehmen und nicht wie Entscheidungstreffer für unser Land.

Ich bin wütend, weil die Politiker hier auf den Gehaltslisten der Waffenfabrikanten stehen. Ich bin wütend, weil es öfter zu Schießereien kommt, als dass ich meine Familie sehe. Ich bin wütend, weil es schon zu so etwas Alltäglichem geworden ist, wie die Sonne, die jeden Morgen aufgeht und der Mond, der nachts hoch am Himmel steht. Ich bin wütend, weil ich nicht mehr tun kann. Ich bin wütend.

Heute bin ich verwundert.

Ich bin verwundert, weil manche Menschen sich mehr um das Tragen einer Waffe sorgen, als um ihre Mitmenschen. Ich bin verwundert, weil Menschen, die auf den Listen des FBI stehen, problemlos Waffen kaufen können, jemand der homosexuell ist, aber kein Blut spenden darf, um das Leben anderer zu retten.

Ich bin verwundert, wie Politiker es wagen können, Tausende von Dollar von den Waffenlobbyisten anzunehmen und dann per Twitter ihre „Gebete und Gedanken" zu den Familien der Opfer zu schicken. Ich bin verwundert, weil wir es wichtiger finden, Menschen aus öffentlichen Toiletten fernzuhalten, als aus Waffengeschäften.

Ich bin verwundert, dass es schon so oft Menschen unterschiedlichster Hautfarbe, Alter, sexueller Orientierung oder politischer Parteien getroffen hat, und wir doch nichts dagegen unternehmen. Ich frage mich, wann es aufhört. Ich bin verwundert.

Heute habe ich Hoffnung.

Ich habe die Hoffnung, dass Menschen die Welt nicht länger durch eine schwarz-weiße Brille betrachten, sondern alle Farben sehen. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen das Geld nicht länger vor die Liebe stellen und die Macht vor den Herzschlag. Ich habe die Hoffnung, dass Politiker eines Tages den Mut haben werden, den Waffenlobbyisten entgegenzutreten und die Menschen schützen werden, denen sie dieses Versprechen gegeben haben.

Ich habe die Hoffnung, dass die Liebe eines Tages ohne eine extra Anmerkung existieren wird. Ich habe die Hoffnung, dass wir zusammen stehen werden. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen eines Tages nicht mehr in Schubladen denken und die Menschen einfach als Menschen sehen: Nicht als homosexuell. Nicht als heterosexuell. Nicht als Muslime. Nicht als Christen. Einfach als Menschen.

Als Menschen, die sich aussuchen können, wen sie wie sehr lieben. Ohne Angst, vor etwas oder jemandem fliehen zu müssen. Ich habe sie Hoffnung, dass dieses Land eines Tages wirklich das „land of the free" sein wird, das Land der Freien. Denn heute, mehr als jemals zuvor, ist dieses Land zweifelsohne das „land of the brave", das Land der Mutigen. Ich habe Hoffnung.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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