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Warum wir ein Leben lang Angst haben

31/03/2016 10:23 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 11:12 CEST
Yukmin via Getty Images

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Das Geschäft mit der Angst beginnt im Kinderzimmer. Haben früher Babyphones Eltern in einen permanenten Alarmzustand versetzt, liefern heute Kameras Livebilder aus dem Kinderzimmer unterstützt von Apps, die aus der Babykleidung Daten senden. Elternschaft, so scheint es, ist ein digitaler Balanceakt zwischen Überwachung und Furcht vor dem Möglichen, zum Beispiel dem plötzlichen Kindstod.

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Wir begegnen Kindern - wenn wir ihnen noch begegnen - die den Infanteristen der Zukunft schlampig aussehen lassen: Helme für alle Gefahrenstufen, Rücken-, Schienbein- und Ellenbogenprotektoren, Mundschutz und Sicherheitsbrillen.

Hautcremes gegen die Sonnenstrahlen, Handschuhe und Mützen, die Reinhold Messner bei der Antarktiserwanderung zur Ehre gereicht hätten. Schutz muss sein, denn die Angst vor Gefahr, die angespannte Erregtheit und die Maßlosigkeit von Möglichkeiten treiben die Eltern voran.

So werden die Kleinen nach dem morgendlichen Shuttleservice zur Schule nachmittags in Hochsicherheitskindersitzen in Indoorhallen gekarrt, weil an den echten Bäumen im Wald keine Sicherheitsseile installiert sind. Und im Wald lauern überall und täglich potentielle Kindesentführer.

Die digitale Fürsorge


Hat der Nachwuchs die ersten Flügel angesetzt, erreicht die digitale Fürsorge der „NSA-Eltern" per Whatsapp die nächste Entwicklungsstufe. Die inkarnierte Angst will, dass jeder Schritt und jede Bewegung in Wort und Bild festgehalten und gepostet werden.

Und die Studenten, die Elite von Morgen, verabschieden sich allabendlich per Skype von ihren Eltern - oder umgekehrt? In dieser engen symbiotischen Beziehung, in diese familiäre digitale Dauervernetzung transferieren Eltern ungehemmt ihre eigenen Ängste und Irritationen in die Psyche ihrer Kinder.

„Ohne Herkunft keine Zukunft" sagt der Philosoph Odo Marquard. Kann es sein, dass eine so irritierte Herkunft der Kinder schaden- und folgenlos bleibt? Angst ist ja nicht einfach da. Sie will gelernt sein. Sie kann dann an die Stelle treten, wo Zuversicht, Eigenliebe und Mut sich selbst stehen müssten.

Die offensichtlichen Folgen lassen sich beliebig auflisten: Kinder, die ihre Kindheit bei Psychiatern verbringen und die asiatische Kampfsportarten lernen, um zivilisiert körperliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Eine wachsende Arzneimittelindustrie, die profitable Geschäfte mit Beruhigungsmitteln erzielt in Partnerschaft mit einer Bildungsindustrie, die mit Nachhilfestunden und teuren Coachings Milliardenumsätze macht. Dieser Elternwille finanziert ungewollt gewollt eine stetig wachsende „Empowerment-Economy".

Deutlich mehr Ausgaben für öffentliche Sicherheit


Wurden 1960 in Deutschland pro Einwohner 24 Euro für öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie für Rechtsschutz ausgegeben, waren es laut Statista im Jahr 2011 bereits 473€. Der Umsatz von Elektroschockern, Pfeffer- und Reizgasspray hat sich nach Verbandsangaben von 2014 auf 2015 verdoppelt. 2016 wird sich der Trend verstetigen.

Kaum vorzustellen, wie der Markt sich entwickeln sollte, wenn Terroristen auch in Deutschland morden. Das Grundrauschen der gefühlten Bedrohung ist aber da und mit jeder gegenseitigen Bestätigung in den privaten Gesprächsrunden steigt gedanklich die bundesdeutsche Privataufrüstung.

Sachargumente und Statistiken, die anderes belegen, werden lächelnd ignoriert und als Romantik abgetan. Dieses „es ist aber so" saugen die populistischen Parteien gierig auf, führt zu einem Rückgriff auf ein völkisch-nationales Wertesystem, in dem Arminius und Goethe genauso ihren Platz finden, wie die oberbegrenzte Humanität.

Die "Demokratur" des 21. Jahrhunderts


Was aus dem sicheren Zusammenprall einer globalen Handlungsnotwendigkeit (kein Gegenwartsproblem lässt sich national lösen) mit dem Verlangen nach Geschlossenheit (Grenzen) und Eigenständigkeit (Großbritannien) entstehen wird, ist noch unklar. Aber am Horizont taucht der Begriff der „Demokratur" auf, der als die politische Zustandsbeschreibung des politischen Systems für das 21. Jahrhundert gilt.

Sie, personifiziert vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, verspricht Führung, Stabilität und kollektive Sicherheit und weniger demokratischen Wettbewerb von Parteien und Meinungen. Schon Anfang der 2000er Jahre waren die Deutschen bereit, persönliche Freiheit zugunsten von (sozialer) Sicherheit abzugeben. Die Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung werden wieder und weiter steigen.

Investitionen suchen keine Angst. Sie nutzen sie. Das größte Gegenwartsprojekt der Menschheit ist die Digitalisierung. In ihr avancieren Medizin und Gesundheitswesen weltweit zum größten Wachstumsfeld.

Die Angst um Gesundheit


Medizinische Innovationen, die heute finanziert werden, unterliegen dabei einem dramatischen Dekret: Sie müssen der Lebensverlängerung dienen oder mindestens dazu beitragen, damit wir immer besser leben. Die doppelte Angst - erst Alt werden und dann Sterben müssen - forciert das globale Gesundheitsbewusstsein und die unzähligen Gesundheitsapps und Gesundheitsuhren sind erste kleine Vorboten.

Versicherungen wie die Generali AG mit ihrem verhaltensbezogenen und prämienrelevanten Produkt „Vitality" weisen ebenfalls den Weg. Die ehemalige Suchmaschinenfirma Google entwickelt in ihrem Bereich Life Sciences Nanopartikel, die sich als biologisch programmierbare Teilchen mit Proteinen oder anderen Molekularbestandteilen im Körper verbinden.

Die Branche hofft auf einen Umsatz von 177,60 Mrd. US Dollar im Jahr 2019. Alle diese Firmen können sich auf die Menschen verlassen, die digital kultiviert wurden und bereitwillig ihre Daten im Netz hinterlassen.

Die Ängste der Zukunft


Begleitet wird die Digitalisierungszukunft im gleichen Atemzug mit einem millionenfachen Arbeitsplatzabbau und der Notwendigkeit eines global garantierten Grundeinkommens. Ob das Ängste der Zukunft beseitigt?

Vielleicht hilft zumindest gegen die allerletzte Angst die Künstliche Intelligenz (KI), mit deren Fähigkeit das letzte Tabu, die Sterblichkeit des Menschen, überwunden werden soll. An der Singularity University, die man dafür im Silicon Valley gegründet hat, arbeitet man daran, die ewige Sicherheitskopie unseres Selbst zu konstruieren. Ist das dann die neue angstfreie Welt, wenn ich ewig bin? Nur, wer um Himmels willen überwacht dann meine Kopie?

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