BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Josef Krieg Headshot

Warum wir ein Leben lang Angst haben

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
PARENTS
Yukmin via Getty Images
Drucken

2016-03-28-1459171325-1453508-HUFFPOST1.png

Das Gesch├Ąft mit der Angst beginnt im Kinderzimmer. Haben fr├╝her Babyphones Eltern in einen permanenten Alarmzustand versetzt, liefern heute Kameras Livebilder aus dem Kinderzimmer unterst├╝tzt von Apps, die aus der Babykleidung Daten senden. Elternschaft, so scheint es, ist ein digitaler Balanceakt zwischen ├ťberwachung und Furcht vor dem M├Âglichen, zum Beispiel dem pl├Âtzlichen Kindstod.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Wir begegnen Kindern - wenn wir ihnen noch begegnen - die den Infanteristen der Zukunft schlampig aussehen lassen: Helme f├╝r alle Gefahrenstufen, R├╝cken-, Schienbein- und Ellenbogenprotektoren, Mundschutz und Sicherheitsbrillen.

Hautcremes gegen die Sonnenstrahlen, Handschuhe und M├╝tzen, die Reinhold Messner bei der Antarktiserwanderung zur Ehre gereicht h├Ątten. Schutz muss sein, denn die Angst vor Gefahr, die angespannte Erregtheit und die Ma├člosigkeit von M├Âglichkeiten treiben die Eltern voran.

So werden die Kleinen nach dem morgendlichen Shuttleservice zur Schule nachmittags in Hochsicherheitskindersitzen in Indoorhallen gekarrt, weil an den echten B├Ąumen im Wald keine Sicherheitsseile installiert sind. Und im Wald lauern ├╝berall und t├Ąglich potentielle Kindesentf├╝hrer.

Die digitale F├╝rsorge


Hat der Nachwuchs die ersten Fl├╝gel angesetzt, erreicht die digitale F├╝rsorge der ÔÇ×NSA-Eltern" per Whatsapp die n├Ąchste Entwicklungsstufe. Die inkarnierte Angst will, dass jeder Schritt und jede Bewegung in Wort und Bild festgehalten und gepostet werden.

Und die Studenten, die Elite von Morgen, verabschieden sich allabendlich per Skype von ihren Eltern - oder umgekehrt? In dieser engen symbiotischen Beziehung, in diese famili├Ąre digitale Dauervernetzung transferieren Eltern ungehemmt ihre eigenen ├ängste und Irritationen in die Psyche ihrer Kinder.

ÔÇ×Ohne Herkunft keine Zukunft" sagt der Philosoph Odo Marquard. Kann es sein, dass eine so irritierte Herkunft der Kinder schaden- und folgenlos bleibt? Angst ist ja nicht einfach da. Sie will gelernt sein. Sie kann dann an die Stelle treten, wo Zuversicht, Eigenliebe und Mut sich selbst stehen m├╝ssten.

Die offensichtlichen Folgen lassen sich beliebig auflisten: Kinder, die ihre Kindheit bei Psychiatern verbringen und die asiatische Kampfsportarten lernen, um zivilisiert k├Ârperliche ├ťberlegenheit zu demonstrieren.

Eine wachsende Arzneimittelindustrie, die profitable Gesch├Ąfte mit Beruhigungsmitteln erzielt in Partnerschaft mit einer Bildungsindustrie, die mit Nachhilfestunden und teuren Coachings Milliardenums├Ątze macht. Dieser Elternwille finanziert ungewollt gewollt eine stetig wachsende ÔÇ×Empowerment-Economy".

Deutlich mehr Ausgaben f├╝r ├Âffentliche Sicherheit


Wurden 1960 in Deutschland pro Einwohner 24 Euro f├╝r ├Âffentliche Sicherheit und Ordnung sowie f├╝r Rechtsschutz ausgegeben, waren es laut Statista im Jahr 2011 bereits 473ÔéČ. Der Umsatz von Elektroschockern, Pfeffer- und Reizgasspray hat sich nach Verbandsangaben von 2014 auf 2015 verdoppelt. 2016 wird sich der Trend verstetigen.

Kaum vorzustellen, wie der Markt sich entwickeln sollte, wenn Terroristen auch in Deutschland morden. Das Grundrauschen der gef├╝hlten Bedrohung ist aber da und mit jeder gegenseitigen Best├Ątigung in den privaten Gespr├Ąchsrunden steigt gedanklich die bundesdeutsche Privataufr├╝stung.

Sachargumente und Statistiken, die anderes belegen, werden l├Ąchelnd ignoriert und als Romantik abgetan. Dieses ÔÇ×es ist aber so" saugen die populistischen Parteien gierig auf, f├╝hrt zu einem R├╝ckgriff auf ein v├Âlkisch-nationales Wertesystem, in dem Arminius und Goethe genauso ihren Platz finden, wie die oberbegrenzte Humanit├Ąt.

Die "Demokratur" des 21. Jahrhunderts


Was aus dem sicheren Zusammenprall einer globalen Handlungsnotwendigkeit (kein Gegenwartsproblem l├Ąsst sich national l├Âsen) mit dem Verlangen nach Geschlossenheit (Grenzen) und Eigenst├Ąndigkeit (Gro├čbritannien) entstehen wird, ist noch unklar. Aber am Horizont taucht der Begriff der ÔÇ×Demokratur" auf, der als die politische Zustandsbeschreibung des politischen Systems f├╝r das 21. Jahrhundert gilt.

Sie, personifiziert vom russischen Pr├Ąsidenten Wladimir Putin, verspricht F├╝hrung, Stabilit├Ąt und kollektive Sicherheit und weniger demokratischen Wettbewerb von Parteien und Meinungen. Schon Anfang der 2000er Jahre waren die Deutschen bereit, pers├Ânliche Freiheit zugunsten von (sozialer) Sicherheit abzugeben. Die Ausgaben f├╝r Sicherheit und Verteidigung werden wieder und weiter steigen.

Investitionen suchen keine Angst. Sie nutzen sie. Das gr├Â├čte Gegenwartsprojekt der Menschheit ist die Digitalisierung. In ihr avancieren Medizin und Gesundheitswesen weltweit zum gr├Â├čten Wachstumsfeld.

Die Angst um Gesundheit


Medizinische Innovationen, die heute finanziert werden, unterliegen dabei einem dramatischen Dekret: Sie m├╝ssen der Lebensverl├Ąngerung dienen oder mindestens dazu beitragen, damit wir immer besser leben. Die doppelte Angst - erst Alt werden und dann Sterben m├╝ssen - forciert das globale Gesundheitsbewusstsein und die unz├Ąhligen Gesundheitsapps und Gesundheitsuhren sind erste kleine Vorboten.

Versicherungen wie die Generali AG mit ihrem verhaltensbezogenen und pr├Ąmienrelevanten Produkt ÔÇ×Vitality" weisen ebenfalls den Weg. Die ehemalige Suchmaschinenfirma Google entwickelt in ihrem Bereich Life Sciences Nanopartikel, die sich als biologisch programmierbare Teilchen mit Proteinen oder anderen Molekularbestandteilen im K├Ârper verbinden.

Die Branche hofft auf einen Umsatz von 177,60 Mrd. US Dollar im Jahr 2019. Alle diese Firmen k├Ânnen sich auf die Menschen verlassen, die digital kultiviert wurden und bereitwillig ihre Daten im Netz hinterlassen.

Die Ängste der Zukunft


Begleitet wird die Digitalisierungszukunft im gleichen Atemzug mit einem millionenfachen Arbeitsplatzabbau und der Notwendigkeit eines global garantierten Grundeinkommens. Ob das Ängste der Zukunft beseitigt?

Vielleicht hilft zumindest gegen die allerletzte Angst die K├╝nstliche Intelligenz (KI), mit deren F├Ąhigkeit das letzte Tabu, die Sterblichkeit des Menschen, ├╝berwunden werden soll. An der Singularity University, die man daf├╝r im Silicon Valley gegr├╝ndet hat, arbeitet man daran, die ewige Sicherheitskopie unseres Selbst zu konstruieren. Ist das dann die neue angstfreie Welt, wenn ich ewig bin? Nur, wer um Himmels willen ├╝berwacht dann meine Kopie?

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

R├╝hrende Botschaft an zuk├╝nftige M├╝tter: So ist das Leben eines Menschen mit Down-Syndrom

Wer leidet Ihrer Meinung nach am realistischsten?: In 30 Sekunden wissen Sie, wie Sie in Zukunft ein Leben retten

Lesenswert: