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Lehrerpräsident warnt: Es fehlen Lehrer für 300.000 Schüler

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SCHULE
dpa
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In Deutschland, beziehungsweise seinen sechzehn Ländern, gibt es rund 800.000 Lehrer für rund elf Millionen Schüler an 42.000 Schulen. Da könnte man meinen, das reicht doch. Nein, es reicht nicht. Denn es fehlen Lehrer in bestimmten Fächern und in bestimmten Ländern.

Während es in manchen Fächern einen Überhang an Lehramtsbewerbern gibt, vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern, fehlt es nach wie vor an Lehrern der sogenannten MINT-Fächer. Das sind die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Lehrer für diese Fächer fehlen deshalb, weil junge Leute mit Begabungen und Neigungen in diesen Bereichen außerhalb der Schule lukrativere Stellenangebote finden. Da kann es schon sein, dass solche Leute zwar durchaus die Lehrerbildung durchlaufen haben, dann aber das Pferd wechseln und in die freie Wirtschaft gehen.

Sie sehen keine Aufstiegsmöglichkeiten im Schuldienst, weil sie in den meisten deutschen Ländern damit rechnen müssen, ihr ganzes Berufsleben lang in der Einstiegsbesoldung zu verharren. Dies und die Weigerung einiger deutscher Länder, Lehrer als Beamte einzustellen, ist auch der Grund dafür, dass diesen Ländern die Lehrer davonlaufen.

Offiziell zu niedrig angesetzte Ausfallquoten

Thüringen und Berlin sind solche Beispiele. Bei Berlin kommt hinzu, dass dieses Bundesland trotz dreier Universitäten zu wenig Kapazitäten für ein Lehramtsstudium, für allem für das Grundschullehramt, vorhält.

Auch über fachspezifische Engpässe und personalpolitische Versäumnisse einzelner deutscher Länder hinaus fehlen Lehrer. Offiziell geben die deutschen Länder nur zu, dass zwischen zwei und drei Prozent des Unterrichts ausfällt, weil es keine Lehrerreserve gibt.

Realiter aber liegen die Quoten an Unterrichtsausfall wohl eher zwischen fünf und zehn Prozent. Die offiziell zu niedrig angesetzten Ausfallquoten haben mit kreativer Buchführung zu tun.

Beispiel: Wenn in sogenannten Vertretungsstunden bis zu drei Klassen unterschiedlicher Jahrgangsstufen unter Führung eines einzigen Vertretungslehrers zusammengelegt werden, dann findet hier gewiss kein Unterricht mehr statt, aber die drei Klassenstunden gelten dann nicht als ausgefallen.

Setzen wir der Einfachheit halber mal "nur" einen realen Unterrichtsausfall von fünf Prozent an: Rechnerisch vereinfacht heißt das, bei einer Schullaufbahn von 12 oder 13 Jahren, dass dann 60 bis 65 Prozent eines Schuljahres ausfallen. Also haben wir zum Beispiel schon kein achtjähriges Gymnasium (G8) mehr, sondern ein G 7 Komma 4.

Wir brauchen 40.000 Lehrer mehr

Was wäre dagegen zu tun? Ganz einfach: Die Politik der 16 deutschen Länder muss endlich bereit sein, den Schulen eine Versorgung mit 105 bis 110 Prozent Lehrerstunden zuzuweisen.

Damit könnte Unterrichtsausfall gänzlich vermieden werden, und die Schulen hätten auch noch Luft, um Kurse für schwache und für sehr begabte Schüler einzurichten. Fünf Prozent mehr Lehrer, das heißt bei 800.000 Lehrern aber auch: Wir brauchen in Deutschland rund 40.000 Lehrer mehr.

Überhaupt muss die Personalplanung der 16 deutschen Schulministerien endlich mal auf Vordermann gebracht werden, denn der Lehrerbedarf lässt sich auf viele Jahre hinaus recht gut berechnen.

Schließlich kennt man die Alters- und Fächerstruktur der vorhandenen Lehrerschaft recht gut, und auch die Schülerzahlen sind zumindest auf mittlere Sicht recht gut prognostizierbar. Immerhin ist etwa der Fünftklässler des Jahres 2026, der Berufsschulanfänger des Jahres 2032 und der Abiturient des Jahres 2034 schon geboren.

300.000 junge, schulpflichtige Flüchtlinge in Deutschland

Darüber hinaus gibt es, wie die aktuelle Flüchtlingssituation zeigt, im Schulbereich einen Bedarf an noch schneller wirksamen, personalpolitischen Maßnahmen. Absolut verlässliche Zahlen hat zwar niemand. Aber man kann davon ausgehen, dass sich seit der großen Flüchtlingswelle des Jahres 2015 rund 300.000 junge, schulpflichtige Flüchtlinge in Deutschland aufhalten.

Nicht mitgerechnet ist dabei die Zahl derer, die über Familiennachzug noch nach Deutschland kommen. Diese jungen Menschen sind nach deutscher Gesetzeslage schulpflichtig. Das heißt, sie haben ein Recht auf Schulbildung. Realistisch betrachtet, heißt das zugleich, dass sie nicht einfach in eine Regelklasse "gesteckt" werden können.

Eine unmittelbare Integration dieser Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in das Regelsystem ist nur in wenigen Ausnahmefällen möglich. Der größte Teil braucht vor der Integration in Regelklassen eine zielgruppenspezifische Ein­füh­rung. Erste Erfahrungen zeigen, dass bei den meisten jungen Flüchtlingen eine zweijährige Vorbereitungszeit ange­messen, ja gar notwendig, ist.

Die Zahl 300.000 kann nicht dadurch kleingeredet werden, dass es sich dabei "nur" um zwei bis drei Prozent aller Schüler in Deutschland handle. Nein, für deren schulische Integration braucht man viele zusätzliche Klassen und viele zusätzliche Lehrer.

Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten

Es ist eine einfache Rechnung: Für 300.000 junge Flüchtlinge braucht man vor allem wegen deren oft geringer Vorbildung und wegen ihrer ethnischen Heterogenität kleine Klassen von maximal 15 Schülern. Das heißt, man braucht 20.000 solcher Klassen. Das wiederum heißt, man braucht dafür mindestens 30.000 zusätzliche Lehrer.

Darüber hinaus besteht wohl ein weiterer Personalbedarf an 20.000 Kräften, die über den Unterricht hinaus mithelfen, vor allem wenn es um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geht. Notwendig sind vor allem Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten.

Das A und O der späteren Integration ins Regelsystem sind das wenigstens rudimentäre Beherrschen der deutschen Sprache sowie Basiskenntnisse über deutsches und europä­isches Recht, deutsche und europäische Geschichte, deutsche und europäische Geo­gra­phie sowie deutsche und europäische Kultur.

Der Erwerb der deutschen Sprache setzt in der Regel einen mindestens 1.000 Stunden um­fassenden Unterricht in Deutsch als Zweitsprache voraus. Dieser Unterricht sollte in über­schaubaren eigenen Gruppen stattfinden und von Lehrern mit ent­sprechender Qualifikation gestaltet werden.

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Um entsprechende Lehrkräfte verfügbar zu haben, sollten die zur Zeit ausreichend am Markt verfügbaren jungen Lehrkräfte mit Lehrberechtigung im Fach Deutsch für eine Fortbildung in der Didaktik und Methodik des Faches Deutsch als Zweitsprache gewonnen werden.

Diesen jungen Lehrkräften sollten Jahresverträge angeboten und für spätere Bewerbungen um Planstellen gegebenenfalls Boni eingeräumt werden. Die dafür notwendigen Mittel können durch Nach­tragshaushalte zur Ver­fügung gestellt werden.

Ohne dass dadurch der Bildungsfödera­lismus in Frage gestellt wird, ist hier auch eine finanzielle Beteiligung des Bundes erforder­lich, weil es sich bei der Integration der Flüchtlinge um eine gesamtstaatliche Aufgabe handelt.

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