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Inklusion

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Seit etwa 2010 nun haben wir in Deutschland eine zunächst unterschwellige, dann mehr und mehr anschwellende Debatte um "Inklusion", also um die Beschulung behinderter Heranwachsender im regulären Schulwesen. Dass diese Debatte geführt wird, ist gut, wenn sie denn einigermaßen sachlich geführt wird.

Die Instrumentalisierung des Inklusionsgedankens

Der Diskurs um "Inklusion" ist nicht immer frei von ideologisch unterlegten Instrumentalisierungsabsichten. Vor allem ist es diskurstötend, wenn in der Inklusionsdebatte verbal mit der Faschismus-Keule geschwungen wird. Wer jede skeptisch-realistische Betrachtung von Inklusion als Haltung des "Aussortierens", "Selektierens" und "Aussonderns" etikettiert, der will offenbar bewusst Assoziationen an schlimme zwölf Jahre deutscher Geschichte wecken; der muss sich aber auch fragen lassen, ob er mit dieser Semantik nicht ein millionenfaches Leid missbraucht.

Die Deutungshoheit in Sachen Inklusion beansprucht eine Handvoll radikaler, verbal mal missionarisch, mal militant aufretender Inklusionsverfechter. Von Inklusion als einem "Grenzstein zum Übergang in eine neue Welt" oder als "Olymp der Entwicklung" ist da die Rede. Diese Damen und Herren treten auf mit einem missionarischen Eifer und mit höchsten moralischen Ansprüchen.

Sie teilen ein in "gute" und "schlechte" Menschen. Und sie sind jederzeit bereit, Leute, die Inklusion differenziert sehen, sofort zu tribunalisieren und an den Pranger zu stellen. Von Sonderschulen als "unverdünnter Hölle" und von "sozialdarwinistischer Härte" ist da die Rede.

Dabei vertreten sie ein totales, ja ein totalitäres Verständnis von Inklusion, das kein anderes, undogmatisches oder auch nur gemäßigtes Verständnis von Inklusion mehr akzeptiert. Und sie nehmen auch nicht zur Kenntnis, dass die seit Jahrzehnten integrationserfahrenen skandinavischen Länder zuletzt einen anderen Weg gegangen sind.

In Schweden hat sich die Zahl der Sonderklassen mit Kindern mit geistiger Behinderung ab 1990 verdoppelt. In Norwegen wurden entsprechende Klassen auf Wunsch der Eltern wieder eingeführt. Gar nicht hilfreich ist es, wenn ein vormaliger Hamburger Professor für Sonderpädagogik namens Hans Wocken im Jahr 2012 seinen dafür vorgesehenen Beitrag zu einem Inklusionsbändchen des Kultusministers von Mecklenburg-Vorpommern zurückzieht, weil ihn die dort ebenfalls zur Veröffentlichung vorgesehenen Ausführungen eines Inklusionsskeptikers, namentlich des Historikers Egon Flaig, "anwidern" und "anekeln".

Flaig hatte in seinem Beitrag unter Bezugnahme auf die entsprechende UN-Behindertenkonvention geschrieben: "Der Grundfehler, der sich in dieser Konvention zeigt, ist ein besinnungsloser Machbarkeitswahn." Und: "Die UN-Konvention verpflichtet somit den Staat dazu, eine Pflicht zu erfüllen, die unerfüllbar ist. Das kann ein Staat nur, wenn er buchstäblich Gott ist."

Verbale Mäßigung würde der Diskussion jedenfalls guttun. Guttun würde der Debatte auch ein Verzicht auf Realitätsverweigerung und Selbsttäuschung. Das gilt vor allem für die Tendenz, mit verbalen Umetikettierungen eine Benachteiligung/Behinderung unsichtbar machen zu wollen. Man kennt das Phänomen aus den USA: Aus Klein wüchsigen wurden dort "vertikal Herausgeforderte", aus Blinden "visuell Herausgeforderte", aus geistig Behinderten "intellektuell Herausgeforderte".

Wir haben vergleichbare Begriffe in Deutschland ebenfalls konstruiert: Aus geistig Behinderten wurden eine Zeit lang "praktisch Bildbare". Aus Verhaltensauffälligkeit und Verhaltensstörung wurde "Verhaltensoriginalität" - ein Etikett, mit dem ein junger Mensch oft noch mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Andersheit ist kein bloßes soziales Konstrukt. Deshalb ist die von Befürwortern einer Radikalinklusion geforderte Dekategorisierung ein Irrweg. Dekategorisierung heißt: Die Behindertenkategorien körperlich, geistig, sensorisch, sprachlich, sozial-emotional usw. sollen verschwinden. Es sei normal, verschieden zu sein, so heißt es.

Weil sie aber offenbar selbst nicht daran glauben, dass Inklusion total gelingt, definieren Inklusionsidealisten und Inklusionsideologen Unterschiede weg. Denn wenn es "per definitionem" keine Unterschiede mehr gibt, braucht man keine Anstrengungen mehr für Inklusion zu unternehmen.

Man will damit angeblich Diskriminierung vermeiden, vergeudet damit aber die Chance, einen Menschen ganz individuell zu betrachten bzw. einem Menschen individuell gerecht zu werden. Deshalb ist es entgegen allen Bemühungen um Dekategorisierung und dgl. sinnvoll und kindgerecht, von sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen auszugehen: körperlichen, geistigen, sensorischen, sprachlichen, sozial-emotionalen oder Behinderungen im Lernen. Diskriminieren heißt ja auch "unterscheiden".

Ebenso daneben liegt der Generalverdacht, mit dem suggeriert wird, besondere Förderung sei bereits Diskriminierung/Benachteiligung. Nicht sonderlich diplomatisch ist es schließlich, wenn ein junger, gleichwohl blitzgescheiter deutscher Schulminister radikale Inklusion als "Kommunismus" für die Schule bezeichnet. Das heizt die Debatte zusätzlich auf.

Bernd Ahrbeck nennt das Streben nach einer Dekategorisierung ein "Benennungs- und Diagnoseverbot", und er fragt zu Recht: Muss ich ein Kind "nicht mit seiner Behinderung als störend und gefährlich erleben, wenn es sich als jemand präsentiert, der so eigentlich nicht sein darf?" Der Mensch werde damit auch in seiner Singularität vernachlässigt. Und weiter: "Die Aufösung von Behinderungs- und Förderkategorien" führt zu einer "massiven Selbst- und Fremdtäuschung. Der Einzelne kann nur noch begrenzt in seiner Besonderheit hervortreten."

Alle Ansätze von Dekategorisierung sind jedenfalls falsch. Mit einer solchen Betrachtung bagatellisiert man die besonderen Förderbedürfnisse der Betroffenen, weil man damit ihr Sosein zu normalisieren versucht. Diese Menschen erleben damit nämlich ein zweites Mal, dass sie um Chancen gebracht werden, und man raubt ihnen die ihnen zukommende Aufmerksamkeit, weil sie dann "unter ferner liefen" laufen.

Ohne eine gute Portion Realismus und Skeptizismus, und das heißt Differenzierung, Kategorisierung und Individualisierung, kann man Heranwachsenden nicht gerecht werden, das gilt auch für Benachteiligte und Behinderte. Andernfalls würde man deren Lebenswirklichkeit ignorieren; man würde in sie mehr oder weniger narzisstisch oder auch helfersyndromatisch etwas hineinprojizieren, was zwar dem eigenen Ich-Ideal schmeichelt, diese Menschen aber maßlos überfordert.

Purer Idealismus kann deshalb auch, mag er noch so empathisch anmuten, etwas Destruktives an sich haben, indem er reale Optionen geringschätzt oder gar vernichtet. Hier gilt sehr wohl der Satz von Matthias Brodkorb: "Wer der Schule ihre Allokationsfunktion nimmt, zerstört diese nicht generell, sondern verlagert diese nur brutaler auf den kapitalistischen Arbeitsmarkt."

Uwe Becker ist einer, der die Auseinandersetzung zwischen Ideologie und Idealismus einerseits, Individualisierung und Differenzierung andererseits recht schön auf den Punkt bringt: "Auf der einen Seite werden die Verfechter totalinklusiver Zielvorstellungen vorgeführt, die zugestandenermaßen teilweise nicht frei sind von kämpferischer Naivität und gleichzeitigen Bevormundungstendenzen gegenüber den Eltern, die die jeweilige Beschulungsentscheidung differenziert zu treffen haben.

Auf der anderen Seite stehen ihre feuilletonistischen Gegenspieler, die sich zum Naivitätsnachweis ihrer Kontrahenten auf die Spurensuche nach Belegexemplaren absurder Regelbeschulung von Kindern mit Behinderung begeben." Nicht weniger falsch ist es, alle Menschen zu Behinderten zu erklären, indem man sich der Formel bedient:

Es gibt Behinderte und vermeintlich Nicht-Behinderte. Der weltweites Renommee genießende Sonderpädagoge Otto Speck spricht jedenfalls zu Recht von Inklusion als "ideologischem Minenfeld". Er stellt fest: "Nicht jede Vielfalt lässt sich in erfolgreiches Lernen umsetzen." Und: Es könne "der Sonderpädagogik ihre subsidiäre Funktion und Aufgabe nicht abgesprochen werden".

Womöglich stellt die heftige aktuelle Diskussion um Inklusion nichts anderes dar als einen nostalgischen Rückgriff in das Jahr 1973 und die Arbeit des Deutschen Bildungsrates. Dieser hatte in seiner radikalen Vision der Errichtung einer flächendeckenden Monopol-Gesamtschule die Integration Behinderter in Regelklassen empfohlen und das Sonderschulwesen radikal in Frage gestellt.

Mehr als 40 Jahre später ist diese Vision wieder in die Debatte eingedrungen: als Vision einer zur Gemeinschaftsschule umbenannten Gesamtschule; als Vision von einem möglichst langen gemeinsamen Lernen aller Schüler; als Vision von der Abschaffung aller Sonder- bzw. Förderschulen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt". 2017-05-22-1495474684-2645457-krausbuchcover.jpg Kraus, Josef 1. Auflage 2017 272 Seiten ISBN: 978-3-7766-2802-9 22,00 EUR* D / 22,90 EUR* A / 27,50 CHF* (UVP)

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