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Die deutschen Schulen sind Ruinen: Es droht eine Bildungskatastrophe

10/05/2017 16:53 CEST | Aktualisiert 10/05/2017 16:53 CEST
dpa

Dass es an Tausenden von Deutschlands Schulen einen gigantischen Bedarf an Gebäudesanierung gibt, und dies nicht erst seit kurzer Zeit, wissen am besten die, die tagtäglich in den Gebäuden mit den Mängeln konfrontiert werden: Lehrkräfte, schulisches Personal und vor allem auch die Schülerinnen und Schüler, die eigentlich eine gute und konzentrationsfördernde Lernumgebung benötigten.

Doch auch bei Behörden und Politik ist das Thema inzwischen angekommen.

So geht beispielsweise die Senatsverwaltung für Bildung in Berlin von einem Sanierungsbedarf von 3,9 Milliarden Euro im Schulbereich aus - allerdings mussten z.B. Elterninitiativen jahrelang vehement mit Demonstrationen und Aktionen auf Baumängel hinweisen, ehe jetzt im Jahr 2017 1,6 Milliarden für Sanierungsmaßnahmen der Priorität 1 für die kommenden drei Jahre angekündigt wurden.

Berlin hat etwa 800 allgemeinbildende plus rund 150 berufsbildende Schulen: wären alle mehr als 40.000 Schulen bundesweit in einem so schlechten Zustand wie der Berliner Schulen mit ihrem Gesamtsanierungsbedarf von 3,9 Milliarden, dann käme man auf einen Sanierungsbedarf von über 160 Milliarden Euro.

Diese Probleme gibt es überall in Deutschland

Nun mag es nicht in allen deutschen Ländern so schlimm aussehen wie in der Bundeshauptstadt. Sicher haben die "reicheren" deutschen Länder solche Probleme nicht in der Berliner Dimension. Aber Probleme gibt es überall.

Deshalb dürfte die Kalkulation, dass für die Sanierung von Deutschlands Schulen mindestens 100 Milliarden Euro notwendig sind, sehr realistisch sein. Am Rande: Die Sanierung der vielen in den 1970er- und 1980er-Jahren gebauten Hochschulgebäude ist hier noch nicht einmal im Ansatz mitgerechnet.

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Beispiele aus dem Schulbereich: Der baden-württembergische Städtetag rechnet mit mindestens drei Milliarden, um die Schulen im Land zu sanieren und modernisieren. Der Gemeindetag des Landes geht sogar von einem Investitionsstau im Schulbereich von 6,8 Milliarden aus.

Da letzten Endes die Kommunen für die Instandhaltung der Schulen aufkommen, sind am ehesten Zahlen und Einschätzungen auf dieser Ebene zu finden: Der Duisburger Oberbürgermeister fragte den Bedarf an allen Schulen der Stadt ab und kommt nun auf eine Summe von 300 Millionen für alle Duisburger Schulen.

Laut Medienberichten sollen in Essen etwa 134 Millionen Euro für Sanierungen notwendig sein, in Dresden 650 Millionen, in Wiesbaden 400 Millionen, Hannover hat einen Sanierungsbedarf von 740 Millionen an seinen Schulen.

Die KfW-Bank diagnostizierte 2016 - viel zu niedrig - einen Sanierungsstau an den deutschen Schulen von 34 Milliarden Euro bundesweit.

Asbest, Schimmel und kaputte Heizungen

Die Liste der zu sanierenden Bereiche ist lang: Angefangen bei der Fassade, die bei manchen Schulhäusern wegen fallender Putzteile abgesperrt werden musste, geht es weiter über schlecht schließende oder sogar aus der Wand fallende Fensterrahmen und Löcher in den Fußbodenbelägen.

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In den Wintermonaten sorgen störanfällige Heizungsanlagen auch schon mal für Schulausfall. Die Rede ist von Schimmelproblemen, notdürftigen Reparaturen von Deckenplatten und Fensterrahmen mit Klebeband, auch das Thema Asbest taucht leider immer noch auf.

In Gebäuden mit hoher Nutzung durch viele Personen sollten Böden und Wandanstriche regelmäßig erneuert werden. An vielen Schulen sind auch Turnhallen oder Aulen gesperrt, beginnt man dort mit Sanierungen, stößt man oft auf tiefergehende strukturelle Probleme, die eine noch längere Sperrung wegen Sanierung notwendig machen, sofern erst mal der Antragsmarathon für die Mittel bewältigt worden ist.

Genauso wichtig für das Schulleben und den Unterricht wie Aula und Sporthalle sind die Fachräume z.B. für die Naturwissenschaften, in denen manchmal aufgrund der maroden Ausstattung die Schüler selbst keine Experimente mehr durchführen können, sondern auf Youtube-Videos angewiesen sind.

Kinder weigern sich, die Schultoiletten zu benutzen

Zahlreiche Schulgebäude in Deutschland stammen aus der Zeit der Bildungsexpansion in den 1970er-Jahren. Diese meist aus Beton gefertigten Gebäude benötigen jetzt, fast 50 Jahre später, oft eine strukturelle Grundsanierung.

Besonders unangenehm für Schüler, Lehrkräfte und schulisches Personal: der teilweise katastrophale Zustand der Sanitäranlagen. Manche Eltern berichten, dass ihre Kinder vermeiden, vor und in der Schule zu trinken, um nicht die Toiletten benutzen zu müssen.

Manche Schulen sind dazu übergegangen, die Sanierung einiger Toiletten durch eine zusätzliche Toilettengebühr zu finanzieren, so dass die Schüler die Wahl haben, die sanierungsbedürftigen Toiletten kostenlos zu nutzen oder für jeden Toilettengang etwas zu zahlen.

Oft finden sich auch Initiativen von Eltern und Lehrern zusammen, um die allerschlimmsten Mängel zu beseitigen - das ist aber aus Versicherungsgründen gar nicht gern gesehen, da z.B. aus Brandschutzbedingungen bestimmte Vorgaben für Material und Verarbeitung eingehalten werden müssen.

Viele Schulen sollten besser abgerissen und neugebaut werden

Bei manchen Gebäuden stellt sich die Frage, ob ein Neubau nicht besser wäre - denn neben der bloßen Reparatur und Mängelbeseitigung müssen die Gebäude auch in anderer Hinsicht auf den neusten Stand gebracht werden.

Neue Vorschriften zur energetischen Dämmung ermöglichen sparsameres Heizen, akustisches Design von Klassenzimmern macht das Sprechen und Hören im Unterricht für alle Beteiligten leichter und damit weniger anstrengend.

Um einen Online-Zugang in allen Klassenzimmern zu gewährleisten, sind neue Verkabelungen oder entsprechende WLAN-Verstärkern notwendig, von der notwendigen Ausstattung der Schulen mit der entsprechen Hard- und Software sowie Personalmitteln zur Betreuung ganz abgesehen.

Die im Rahmen des "Digitalpaktes" versprochenen fünf Milliarden des Bundesministeriums für Wissenschaft für die Digitalisierung der Schulen reichen da nicht weit.

Die Zuständigkeit der Kommunen für die Instandhaltung der Gebäude macht die Situation nicht einfacher, denn oft fehlt es ihnen sowieso schon an Mitteln. Aufgrund des Kooperationsverbots kann finanzielle Hilfe des Bundes nur via Länder erfolgen, nach und nach gibt es nun in einzelnen Ländern Programme, um Kommunen z.B. zinslose Darlehen für die Schulsanierung zur Verfügung zu stellen.

Leider haben die Versäumnisse der letzten Jahre in vielen Ländern dazu geführt, dass die Beseitigung der Mängel in großem Umfang zu viel größeren Beeinträchtigungen des laufenden Betriebes führen, als wenn die anfallenden Reparaturen immer möglichst zeitnah hätten erledigt werden können.

Kurzum: Für ein vergleichsweise reiches Land wie Deutschland ist der Zustand vieler seiner Schulen kein vorzeigbarer Ausweis.

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