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Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt

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GERMAN CLASS ROOM
Ute Grabowsky via Getty Images
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Deutschlands Bildungsdebatten und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen haben sich schlicht und einfach zwischen "Pisa" und "Bologna" festgefahren. Das gilt zum einen für viele der "Pisa"-Kapitäne.

Diese verkünden unbeeindruckt Einheits- und Gesamtschule. Ihre Destinationen lauten: Mit dem deutschen "Pisa"-Ergebnis sei zugunsten eines "gerechten" Schulsystems endlich der Jüngste Tag für das gegliederte, begabungs- und leistungsorientierte Schulwesen angebrochen.

Die andere Cockpit-Vereinigung ist die der "Bologna"-Crew. An wunderbaren Destinationen fehlt es auch hier nicht: "Bologna" samt Bachelor, Master, Workloads und Credit Points schaffe endlich Ef­fizienz, Mobilität, Modularisierung, Kompatibilität, Praxistauglichkeit, "Employability" und eine gewaltige Steigerung der Akademikerquote.

Gescheiterte Experimente gegen jede Vernunft

Die Folge ist eine Politik wider besseres Wissen und wider jede Vernunft. Da können Bildungsexperimente, die immer zugleich Experimente an Schutzbefohlenen sind, noch so völlig scheitern, sie werden dennoch durchgezogen oder - wie etwa im Fall der Gesamtschule mit ihrer durchschlagenden Erfolglosigkeit - in neuem Gewand unter dem Etikett "Gemeinschaftsschule" präsentiert.

Damit und mit kuriosen Lehrplanreformen kann man ein Schulwesen innerhalb einer einzigen Legislaturperiode, in diesem Fall innerhalb von fünf Jahren, an die Wand fahren. Baden-Württembergs grün-rote Regierung hat dies von 2011 bis 2016 vorexerziert.

Das "Ländle", das seit Jahren und Jahrzehnten bei allen Leistungsstudien immer zu den vier besten unter Deutschlands sechzehn Ländern gehörte, ist in kürzester Zeit "Vom Musterschüler zum Problemfall"1 geworden.

Mehr zum Thema: Diese Entscheidung im Bundestag wird die deutsche Bildungspolitik radikal verändern

Zum Beispiel ist Baden-Württemberg beim Ländervergleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bei den neunten Klassen von 2010 bis 2015, dem Zeitpunkt der Tests, von einem Spitzenplatz auf Platz 12 im Lesen und Platz 14 beim Zuhören gefallen.

Hier scheint zu gelten, was Peter Sloterdijk feststellte: "Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen." Zwei seiner großen Vorgänger hätten es kaum anders gesagt: "Denn so ist der Mensch!

Ein Glaubenssatz könnte ihm tausendfach widerlegt sein - gesetzt, er hätte ihn nötig, so würde er ihn immer wieder für wahr halten." (Nietzsche) Oder: "Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein." (Schopenhauer) Mit einem solchen "Bildungs"-Verständnis aber stolpern unsere ewig-morgigen bildungspolitischen Schlaumeier in die stets gleichen Fallgruben.

Die fünf Fallgruben

Eine Falle ist die Egalitäts-Falle. Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte und Inhalte gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte geben dürfe.

Eine zweite Falle ist die Hybris-Falle. Das ist der aus dem Marxismus ("Der neue Mensch wird gemacht") und dem Behaviorismus ("Der neue Mensch ist konditionierbar!") abgeleitete Wahn, jeder könne total gesteuert und zu allem "begabt" werden.

Eine dritte Falle ist die Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut - angestrengt und sehr bemüht - so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen.

Eine vierte Falle ist die Quoten-Falle. Das ist die planwirtschaft­­liche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abiturzeugnis bekommen und es dürfen möglichst wenige oder gar keine Schüler sitzenbleiben.

Dabei müsste doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur! Und schließlich fünftens die Beschleunigungs-Falle. Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen.

Fünf Fallgruben sind das - je nach Land in Deutschland unterschiedlich intensiv ausgeprägt. In diesen fünf Fallgruben drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken. Und so wird seit Jahrzehnten, verschärft seit dem groß inszenierten Pisa-Schock, drauflos re- und deformiert.

Eine Reform jagt die Nächste

Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt.

Die Kinder aus "gutem" Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus "bildungsfernen" Elternhäusern aber bleiben in ihren "restringierten Codes", in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert.

Das gilt für die Einheitsschule gleichermaßen wie für "neue" Formen eines (sogenannten) Unterrichts, in dem der Lehrer nur noch den Moderator spielt. Fast ist man versucht, von einer bildungspolitischen Variante eines Morgenthau-Plans zu sprechen.

Man erinnere sich: Harry Morgenthau, damals US-Finanzminister, trat im August 1944 mit dem Plan an die Weltöffentlichkeit, Deutschland solle entindustrialisiert und zum Agrarstaat zurückgeworfen werden. "Die Wüste wächst" ist der Titel eines Liedes von Nietzsches Zarathustra.

Mehr zum Thema: "Bei uns fallen Schüler den Lehrern ins Wort": Dieser Schulleiter führt die beste Gesamtschule Deutschlands

Dieses Bild hat Helmut Schelsky 1976 als Überschrift über ein Buchkapitel gewählt, um die Entkulturierung zentraler Institutionen der modernen Gesellschaft, darunter der Universität, zu charakterisieren.

Peter J. Brenner hat dieses Bild bei einem Vortrag am 23. Januar 2008 in Bonn aufgegriffen und getitelt: "Die Wüste wächst - Über die Selbstzerstörung der deutschen Universität." Um in diesem Bild zu bleiben: Die Bildungsnation wird unfruchtbar, sie verödet, weil ihre Grundlage erodiert.

Die misslungenen, aber offiziell dennoch für erfolgreich erklärten Reformen sind wie ein Eingriff in die Ökologie von Bildung mit all ihren Folgen bis hin zum Verlust an Artenvielfalt, zum Beispiel Schularten-Vielfalt.

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Man könnte auch sagen: Diese Bildungsnation wird von den einen willentlich, von anderen naiverweise an die Wand gefahren - brav assistiert von den meisten Parteien, von den meisten Bildungsforschern, von moralisierenden Schwätzern, von diversen Stifungen sowie von manch karriereorientiertem Lehrer und Schulleiter.

Dass von höchster Regierungsseite eine "Bildungsrepublik" ausgerufen wird, so Kanzlerin Merkel im Juni 2008, und auf diversen Bildungsgipfeln eitle Heerschauen inszeniert werden, ändert nichts daran. Sedativa sind das.

Den Mut aufzubegehren wünsche ich all denen, die sich um diese Bildungsnation sorgen. Denn die Bildungspolitik benimmt sich teilweise wie ein trotziges Kind, das keine Verfehlungen einräumen oder wenigstens abstellen will.

Diesen Trotz zu brechen, das ist das Recht, ja die Aufgabe des Souveräns, des Volkes. Dazu bedarf es des Mutes, der Courage, wie dies schon vor zweieinhalb Jahrtausenden Perikles (ca. 490-429 vor Christus) gesagt hat: "Zum Glück brauchst du Freiheit, zur Freiheit brauchst du Mut."

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt" von Josef Kraus. Es erschien 2017 im Herbig Verlag.

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