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Gesundheitsdienste für Mütter: Europas vergessene Ungleichheit

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woraput via Getty Images
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Wer die Worte "Schwangerschaft" und "Ungleichheit" googelt, stößt schnell auf eine Vielzahl an Studien und Diskussionen zur Diskriminierung von schwangeren Frauen oder Müttern am Arbeitsplatz. Obwohl der Kampf gegen diese ungleiche Behandlung von arbeitenden Müttern weiter geht, gibt es ein weiteres Problem das viel mehr Aufmerksamkeit verdient als es momentan der Fall ist: Die Ungleichheit, die Frauen jeden Tag beim Zugang zu medizinischer Betreuung erleben.

Es ist ein großer Fehler, davon auszugehen, dass Gleichheit bei der medizinischen Behandlung von Müttern bereits besteht. Stellen wir uns nur mal eine schwangere Roma Mutter in Großbritannien vor, der eine Operation verweigert wird, da sie nicht weiß, wie man sich als Patient registriert. Oder eine polnische Mutter in Frankreich, die auf Französisch nicht sagen kann, welche Medikamente sie unbedingt benötigt. Oder eine chinesische Mutter in den Niederlanden, die ihr Leben lassen muss, weil niemand sie an das richtige Krankenhaus verwiesen hat.

Für solche Frauen müssen wir aktiv werden. Es sind solche Frauen, die zusätzliche Hilfe brauchen, damit sie und ihre Neugeborenen nicht unter die Räder kommen in einem Europa, das stolz auf seine Gleichheit für alle ist.

Fünf Frauen sterben jeden Tag in Europa aufgrund von Komplikationen bei der Geburt

Laut einer neuen Studie der Safe Motherhood Week, veröffentlicht am 17. Mai bei der Women Deliver Conference, denkt ein Viertel der befragten Frauen aus sieben europäischen Ländern, dass sie vor, während und nach der Geburt wichtige Informationen und Unterstützung vermissen.

Aber die befragten Frauen konnten wenigstens in ihren jeweiligen Heimatländern ihre Kinder zur Welt bringen. Das erleichtert den Umgang mit dem bestehenden medizinischen Versorgungssystem. Sie können sich in der Landessprache verständlich machen und haben normalerweise ein funktionierendes Netzwerk, das sie unterstützt.

Frauen, die ihre Kinder in einem anderen Land zur Welt bringen, haben meistens kein solches Netzwerk, auf das sie sich verlassen können.

Woher bekommen diese Frauen die genauen Informationen über besorgniserregend frühe Kontraktionen, wenn Ärzte sie nicht auf die richtigen Webseiten verweisen?

Wie sollen solche Frauen nicht in Panik geraten bei der Vorstellung während langwieriger Wehen das Leben ihres Kindes in die Hände einer Vielzahl von Geburtshelfer, Pfleger und Ärzte legen zu müssen, die Regeln befolgen, die sie nicht kennen? Wie sollen diese Frauen nach den Risiken eines Medikamentes für Neugeborene fragen, wenn sie das deutsche Wort für „Risiko" nicht kennen?

Die Verwirrungen, der Frust und die Entfremdung, die damit einhergehen werden noch größer für Mütter, die nicht das Glück haben im Besitz eines europäischen Reisepasses zu sein.

Die Verletzlichkeit von schwangeren Flüchtlingen und Migranten ohne Ausweispapiere können wir uns nur schwer vorstellen. Sie fliehen vor Krieg, Vergewaltigung und Zerstörung, und oftmals sind die engsten Verwandten und Familienmitgliedern bereits verstorben.

Solche Mütter sind neben der Geburt der zusätzlichen Angst ausgesetzt, dass sie deportiert werden oder eine unbekannte Behörde ihnen ihr Neugeborenes wegnimmt. Oder sie haben vielleicht einfach nicht den Mut die Ärzte zu fragen, wie sie ihr Kind am besten mit den Resten einer öffentlichen Essensausgabe ernähren können.

Wir brauchen eine nachhaltige und gut funktionierende medizinische Versorgung

Die Flüchtlingskrise erinnert uns an die Notwendigkeit, diesen Müttern die Sicherheit zu bieten, die sie benötigen. Gleichzeitig erinnert uns ihre Situation daran, dass unsere Gesellschaft transparenter und vielseitiger wird. Das ist eine Gelegenheit, die wir begrüßen sollten, aber es ist auch etwas auf das wir uns vorbereiten müssen. Wir brauchen eine nachhaltige und gut funktionierende medizinische Versorgung, die in der Lage ist allen werdenden Müttern und deren Nachwuchs zu helfen, woher sie auch kommen mögen.

Daher ist es wichtig, die Schriftliche Erklärung zum universellen Zugang zu Gesundheitsdiensten für Mütter zu unterstützen. Dies gilt insbesondere für die Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Es handelt sich bei dieser Erklärung um einen Aufruf für eine neue Herangehensweise an das Thema, bei der alle Mütter Zugang zu den Behandlungen haben, die sie und ihre Neugeborenen benötigen.

Es gibt noch keine genauen Daten über das Ausmaß und die Art der Diskriminierung von Schwangeren und Müttern. Aber wir können uns sicher sein, dass dies ein Problem ist, das wir zu lange ignoriert haben.

Gleichheit in allen Bereichen ist ein fundamentales Recht und die medizinische Versorgung von Schwangeren und Müttern ist da keine Ausnahme.

Wir ermutigen alle Europa-Abgeordneten dazu diese Deklaration zu unterschreiben - für uns, unsere Freundinnen, unsere Partnerinnen, unsere Ehefrauen, unsere Schwestern, und für die ängstliche Mutter, die in einem Warteraum sitzt und nicht weiß, an wen sie sich wenden soll.

Die Studie von Safe Motherhood Week findet man hier: http://safemotherhoodweeksurvey.org/index.php

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