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Sie tätowiert Frauen umsonst. Der Grund ist verstörend

08/09/2015 18:00 CEST | Aktualisiert 08/09/2016 11:12 CEST
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Manche Narben halten ein Leben lang. Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, müssen ihr Leben lang mit den Erinnerungen an den Missbrauch auf ihrer Haut leben. "Gezeichnet fürs Leben" kann jedoch etwas anderes bedeuten. Flavia Carvalho, ist eine Tattoo-Künstlerin aus Curitiba in Brasilien. Sie hat dem Ausdruck eine neue Bedeutung gegeben. Vor zwei Jahren hat sie ein Projekt namens "A Pele da Flor" (Die Haut einer Blume" ins Leben gerufen. Das Ziel ist es, Narben in Kunstwerke zu verwandeln. Und zwar in wunderschöne, schmückende und umgestaltende Tattoos. In diesem Interview erklärt sie ihre Erfahrungen und Ideen.

Einige der folgenden Bilder könnten als anstößig empfunden werden

Wie bist du zur Tätowiererin geworden? Werden weibliche Tattoo-Künstler noch immer belächelt?

Flavia Carvalho (FC): Ich habe immer gerne gezeichnet. Dann habe ich angefangen, Biologie an der Universität von Paraná (UFPR) zu studieren. Ich fing an, mich an wissenschaftlicher Illustration zu versuchen. Meine Freunde und meine Kollegen haben dann darauf bestanden, dass ich mich mal als Tätowiererin versuchen sollte.

Ich fing als Praktikantin bei einem Tätowierer an. Der brachte mir bei, die Tätowiermaschine zusammenzusetzen. Schnell fing ich an, meine "Meerschweinchen" in der Uni zu tätowieren. Es war eine lange und anstrengende Reise. Dann arbeitete ich in zwei Tattoo-Läden bevor ich mir ein eigenes Studio leisten konnte.

Ich kann nicht behaupten, dass weibliche Tattoo-Künstler generell mit Vorurteilen umgehen müssen, aber die Szene ist auf jeden Fall vor allem von männlichen Tätowierern geprägt. Es ist wirklich schwer für eine Frau, sich einen Namen in der Szene zu machen. Auf der Tattoo-Messe hier in Curitiba war ich unter 150 Tattoo-Künstlern in 100 Ständen eine von gerade einmal sechs Frauen.

Von 32 Preisen in verschiedenen Kategorien, gingen bis auf zwei (einen für mich und einen für eine andere Künstlerin) alle Preise an Männer. Es war sehr hart für mich, mir Anerkennung zu erkämpfen und ich sehe, wie sehr andere Tätowiererinnen zu kämpfen haben.

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Kannst du uns ein bisschen mehr von deinem Projekt erzählen? Wie funktioniert es?

FC: Die Idee hinter dem Projekt ist sehr einfach: Es ist ein freiwilliger Service. Ich biete an, Tattoos über Narben, die durch häusliche Gewalt oder eine Mastectomie entstanden sind, mit Tattoos zu überdecken. Ich betreibe dieses Projekt alleine, denn kein andere Tattoo-Künstler hatte Interesse daran, sich zu beteiligen.

Ich habe vor kurzem damit angefangen und ich hatte keine Idee, dass es so viel Aufsehen in den Medien erwecken würde. Es war alles sehr spontan. Wie gesagt, mein Angebot ist zu einhundert Prozent kostenlos und alles, was die Frauen tun müssen, ist, sich ein Design für ihr Tattoo auszusuchen!

Woher kam die Idee?

FC: Es fing alles vor etwa zwei Jahren an, als eine Kundin zu mir kam und eine große Narbe auf ihrem Bauch überdecken wollte. Sie erzählte mir ihre Geschichte. Dass sie in einem Nachtclub gewesen sei, als ein Mann, dessen Avancen sie zurückgewiesen hatte, ihr ein Messer in den Bauch rammte.

Als sie das fertige Tattoo sah, war sie sehr gerührt und das hat mich wiederum sehr bewegt. Mir kam plötzlich die Idee, kostenlose Tätowierungen für Frauen anzubieten, die Narben von häuslicher Gewalt oder einer Mastectomie davongetragen hatten. Jedes Tattoo würde so zu einem Instrument der Bestärkung und ein Booster für das Selbstvertrauen dieser Frauen werden.

Dieses Jahr habe ich das Projekt noch etwas weiterentwickelt und einigen NGOs vorgestellt. Der braslianische Ausschuss für Frauenrechte hat die Idee sehr gelobt. Wir haben auch Hilfe von der Facebook-Seite der Stadt Curitiba bekommen. Sie haben einen Post über das Projekt geteilt, der sich dann viral verbreitet hat.

Der Name des Projekts bezieht sich auf den portugiesischen Ausdruck "A flor da pele" ("tiefer als Haut"). Damit ist das starke Gefühl gemeint, wenn wir uns einer schwierigen und anstrengenden Herausforderung stellen. "A Pele da Flor" bezieht sich auch darauf, dass wir Frauen alle wie Blumen sind und es verdienen, dass unsere Haut geschützt und verziert ist.

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Die Frauen, die deine Tattoos bekommen, tragen neue Zeichen auf ihrem Körper. Zeichen des Widerstands anstatt der Angst. Wie haben diese Frauen deine Arbeit angenommen?

FC: Das Feedback, das ich von Frauen auf mein Projekt bekommen habe, war extrem überraschend. Das Gefühl der Zuneigung, der Schwesternschaft und des Zusammenhalts ist tiefer als ich je erwartet hätte. Sie kontaktieren mich aus allen Ecken des Landes und sogar aus anderen Ländern. Sie kommen in mein Studio, erzählen mir ihre Geschichten von Schmerz und Ausharren und zeigen mir ihre Narben.

Es ist ihnen oft peinlich, sie weinen und sie umarmen mich. Dann entwerfen wir gemeinsam ihr Tattoo und machen eine Termin zum Stechen aus. Dann werden sie ganz aufgeregt und optimistisch. Es ist wundervoll zu sehen, wie das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper sich durch die Tätowierung verändert. Ich folge vielen von ihnen auf Facebook und ich sehe, wie sie sich nun nicht mehr für ihre vernarbten Körper schämen, sondern Bilder in Kleidern posten, glücklich aussehen und verändert. Es ist eine richtige Transformation.

Wie haben sich deine Tattoos abgesehen von der optischen Veränderung sonst noch auf die Frauen ausgewirkt?

FC: Es hat geholfen, das Thema häusliche Gewalt sowohl durch die Presse als auch in der Szene wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das war auch das Ziel des Projekts.

Welche Geschichte hat dich am meisten bewegt?

FC: Sie bewegen mich alle. Aber eine hat mich besonders schockiert. Ein siebzehn-jähriges Mädchen, das mit einem älteren Mann zusammen war und über Monate hinweg von ihm körperlich misshandelt wurde. Als sie sich von ihm trennen wollte, verabredeten sie sich, stritten sich und er stach ihr mehrere Male mit einem Messer in den Bauch und vergewaltigte sie.

Sie erlitt einen Dammriss, musste mehrfach operiert werden und lag mehrere Tage auf der Intensivstation. Sie ist so jung und hat schon so viele Narben. Ihr Angreifer hatte sich vorher nie etwas zu Schulden kommen lassen, deshalb ist er auch weiterhin auf freiem Fuß.

Du arbeitest mit Frauen, die misshandelt wurden. Wurdest du je bedroht oder musstest die chauvinistische Kommentare anhören?

FC: Kommentare wurden nicht direkt an mich gerichtet. Letztlich fürchten Männer sich vor starken Frauen, stimmt's? [ lacht]. Ich habe einige herablassende und gemeine Kommentare unter einige Artikeln über meine Arbeit gelesen. Aber sie waren alle so hirnlos und dumm (die Art von Kommentaren, die Trolle von sich geben), dass sie mir nichts ausgemacht haben.

Mit deinen eigenen Worten: Warum sind Projekte wie das Deine so wichtig?

FC: Solche Projekte sind wie ein Sankorn. Es gibt so viele Dinge auf der Welt, die angesprochen werden müssten. Wir haben einen langen Weg vor uns, um Frauen endlich vor Gewalt zu schützen.

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Hast du Pläne für die Zukunft? Vielleicht eine Partnerschaft mit einer Frauenschutzorganisation?

FC: Der braslianische Ausschuss für Frauenrechte und ich haben vor, eine Partnerschaft mit dem Polizeirevier für Frauen zu gründen.Ich will meine Tätigkeit aktiver und direkter anbieten können. Mich direkt an Frauen wenden, die dort hingehen, um Missbrauch zu melden. Außerdem werde ich am Nationalen Frauentag im November und diversen Pink Oktober Events teilnehmen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost Brasilien und wurde erst aus dem Portugiesischen und dann aus dem Englischen von Franca Lavinia Meyerhöfer übersetzt.

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