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Kein Frieden ohne guten Journalismus

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Stellen Sie sich vor, Sie wären Diktator oder wollten es werden: Es gibt da ein paar Journalisten, die sich notorisch für die Wahrheit interessieren und immer mal wieder ein paar Skandale aufdecken, in die ab und zu auch Freunde von Ihnen und Mitarbeiter Ihrer Regierung verwickelt sind.

Als Diktator scheren Sie sich nicht um die Menschen- und Bürgerrechte, aber weil wir uns im 21. Jahrhundert befinden, sind diese Rechte schon der Verfassung Ihres Landes festgeschrieben. Die Rechte einfach abschaffen und den Journalisten Berufsverbot erteilen, wollen sie nicht. Das gäbe zu viel Ärger mit dem Volk (noch darf es manchmal auf die Straße) und außerdem pflegen Sie wichtige wirtschaftliche Kontakte zu den Staaten Nordamerikas und der Europäischen Union.

Diese Länder sind zwar bereit, schwerwiegende Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte in Ihrem Land zu dulden, weil durch den Handel Geld in ihr Land fließt und ihren Wählern Arbeitsplätze beschert. Aber ein bisschen Schein muss schon gewahrt werden. Und wenn Sie nun als Diktator die Bürgerrechte gleich in der Verfassung abschaffen, dann gibt es zumindest ein großes diplomatisches Gezeter und die internationale Presse empört sich. All das geht irgendwann wieder vorbei, aber es bedeutet ziemlich viel Stress, den Sie sich auch als Diktator natürlich sparen möchten.

Was tun? Sie könnten sich ein Beispiel an Viktor Janukowytsch nehmen. Als Janukowytsch noch Präsident der Ukraine war, schränkte er die Freiheiten der Menschen von Jahr zu Jahr weiter ein, und die Einschüchterung von Journalisten gehörte dabei zu seinen wichtigsten Aufgaben. Weil er aber aus genannten Gründen und für seine Verhältnisse möglichst diskret vorgehen wollte, verbot er nicht einfach ganze Sender, er hatte ein besseres Mittel: Janukowytsch schickte die Steuerpolizei.

Sie machte den unbequemen Redaktionen keine inhaltlichen Vorwürfe, erhob dafür aber so hohe finanzielle Forderungen, dass die Zeitungen, Magazine oder Fernsehsender oft keine andere Möglichkeit hatten, als inhaltlich eben doch folgsamer und regierungstreuer zu berichten, wenn sie wirtschaftlich überleben wollten. Dann wurden die (größtenteils unbegründeten) Forderungen plötzlich nicht mehr mit der gleichen Härte verfolgt. Und der Diktator hatte ein sauberes Image gewahrt, hatte er doch nebenbei sogar noch ein paar Steuersünden aufgedeckt.

Redaktionen, die solchen Angriffen trotzen wollen, müssen entweder selbst sehr finanzstarke Eigentümer haben, so wie der ukrainische Fünfte Kanal, dessen Besitzer Petro Poroschenko im Schokoladengeschäft Millionen gemacht hat (für die kommenden Präsidentschaftswahlen gilt er übrigens als aussichtsreicher Bewerber). Oder sie müssen Partnerschaften eingehen mit anderen finanzstarken Oligarchen, Unternehmen oder Parteien. Ersteres ist nicht wahrscheinlich, letzteres nicht gut für ihre Unabhängigkeit.

Einen vielversprechenden Lösungsansatz für dieses Problem hat das Unternehmen Plural Media Services gefunden. Das Rezept des Geschäftsführers Klaas Glenewinkel lautet: Werbung. Ausgerechnet. In Deutschland ist man von der sich immer weiter ausbreitenden Werbung vor allem genervt. Offenbar kann sie der Wahrheit aber auch entscheidende Vorteile verschaffen.

So bringt Plural Media Services Redaktionen, die unabhängig werden wollen mit Unternehmen zusammen, die Werbung schalten wollen. In Ländern wie dem Irak, Afghanistan, Sudan, Somalia, Tunesien, Libyen und Ägypten, wo Plural zurzeit aktiv ist oder es gerade plant, haben viele Zeitungen und Magazine kaum Erfahrung mit dem professionellen Einsatz von Werbung. Für sie ist die Dienstleistung ein Segen. Für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion dürfte es in vielen Fällen sehr ähnlich aussehen.

In Krisen und Konflikten stirbt die Wahrheit bekanntlich zuerst. Das ist sowohl in aktuellen Konflikten auch jetzt gerade wieder zu beobachten, egal ob man nach Russland schaut oder nach Ägypten. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Werbung ihr in diesen Fällen neuen Grund zur Hoffnung geben würde?

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