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5 Gründe, warum Trump nicht Präsident wird

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRUMP
dpa
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In den letzten Tagen ging ein Text von Michael Moore in meinem Facebook und Twitter herum. Darin verkündete der linke Filmemacher seinen Landsleuten, unter dem martialisch anmutenden Titel "5 REASONS WHY TRUMP WILL WIN", schlechte Nachrichten bezüglich der US-Wahl im November und riet dazu, gleich alle Hoffnung fahren zu lassen: "Donald J. Trump is going to win in November. This wretched, ignorant, dangerous part-time clown and full time sociopath is going to be our next president."

Ich gestehe: Anders als der Titel verspricht, habe ich keine Ahnung, wer im November Präsident wird. Aber das geht Michael Moore zum Glück genauso.

Moores Text wurde weitgehend als Prognose missverstanden. Er ist aber eine Mobilisierungsmaßnahme. Moore macht das nicht zum ersten Mal: Schon 2012 sagte er einen Sieg Romneys voraus, um die Leute zu den Wahlurnen zu treiben. Seine Aufforderung ist nicht "Streckt die Waffen!", sondern "Leute, seid euch nicht zu sicher, kämpft!". Und damit ihm jemand zuhört, braucht er einen provokativen Aufhänger. Das kann "Trump wird gewinnen" sein.

2004 war es "John Kerry is a lousy candidate (den wir natürlich trotzdem wählen müssen)".
Es wäre aber falsch, das nur als motivierendes Hirngespinst abzutun. Trumps Chancen auf eine Präsidentschaft sind beängstigend real. Und Moore führt fünf gute Argumente an, warum das so ist.

5 Gründe, warum Trump Präsident wird

In aller Kürze:

1. Trump könnte mit seiner Unterstützung unter den Arbeitern die Staaten im bevölkerungsreichen Rust Belt drehen.

2. Trumps Kandidatur ist ein letztes Aufbegehren des wütenden, weißen Mannes.

3. Die Leute hassen Hillary.

4. Ehemalige Sanders-Wähler switchen vielleicht zu Clinton, aber nicht enthusiastisch genug, um ihre Freunde zu überzeugen.

5. In der Wahlkabine machen die Leute eh, was sie wollen. Im Text selbst sind diese ausführlicher dargelegt, man sollte sie gelesen haben. Und es gibt sicher noch einige mehr.

5 Gründe, warum Trump nicht Präsident wird

Trumps Chancen auf eine Präsidentschaft sind allerdings auch kleiner, als es mancher apokalyptischer Kommentar glauben machen mag. Hier sind fünf Argumente, die klar gegen einen Sieg des Republikaners im November sprechen.

1. Die Electoral Map

Das ist der erste und gleich der wichtige Grund. Über die Electoral Map wird gerne geredet, wenn man darauf hinweist, dass auch Kandidaten mit schlechten nationalen Umfragewerten eine Chance auf den Sieg haben und man in den USA auch mit weniger als 50% der Stimmen Präsident werden kann.

Worüber etwas weniger berichtet wird: Die Demokraten haben mittlerweile einen deutlichen strukturellen Vorteil. Nimmt man die Staaten her, die seit 2000 zuverlässig jeweils an eine Partei gingen, kommen sie auf 242 Stimmen im Electoral College, die Republikaner auf 179.

Ganz einfach ausgedrückt: Wenn Clinton alle Staaten, die in den letzten drei Wahlen immer blau gewählt haben, plus Florida gewinnt, ist sie Präsidentin. Völlig egal wie viele Swing States Trump dann abräumt.

Man kann das anhand dieser Karte selbst ganz gut nachspielen. Sie zeigt relativ klar: Clinton hat einfach sehr viel mehr realistische Wege zu einem Sieg im Electoral College. Wenn sie den Rust Belt erneut gewinnt, würden ihr schon Virginia (wo ihr VP Tim Kaine herkommt) und ein Mini-Staat wie New Hampshire reichen.

Gewinnt sie Florida, ist ihr der Sieg nur noch sehr schwer zu nehmen. Und selbst wenn sie neben Ohio noch einen großen Staat wie Pennsylvania verlieren sollte, hätte Clinton theoretisch noch andere, allerdings deutlich schwierigere Optionen.

Trump hingegen müsste zusätzlich zu den Staaten, die Romney 2012 gewonnen hat, die beiden größten Swing States Florida und Ohio gewinnen und zusätzlich einen größeren (es zeichnet sich ab, dass Pennsylvania wohl eine Schlüsselrolle spielen wird) oder zwei mittlere Staaten von den Demokraten holen.

Ist das unmöglich? Natürlich nicht. Aber je mehr „Und dann muss auch noch das passieren"-Unwägbarkeiten eine Option beeinhaltet, desto unrealistischer ist es einfach, dass sie tatsächlich eintritt. Im Electoral College stehen die Karten eindeutig gegen Trump.

2. Die Hispanics

Von seinen "Rapists"-Kommentaren über seine Kritik an einem Richter mit mexikanischen Wurzeln bis zu seinem missglückten Taco-Bowl-Foto - Trump hat es in seiner Kampagne vielfach geschafft, sich bei den Hispanics unbeliebt zu machen.

Sein Problem: Sie machen heute 17,8% der US-Bevölkerung aus. 1980 waren es noch 6,5%. Die Bedeutung dieses Wählergruppe kann gar daher gar nicht überschätzt werden. Das hatte eigentlich auch die GOP erkannt: In ihrem berühmt-berüchtigen "Autopsy Report" nach Romneys Niederlage beschrieben die Autoren klar, dass ein Sieg der Republikaner zukünftig nur über die Hispanics führen kann. Deshalb hatte man auch so viel Hoffnung in Marco Rubio gesetzt.

Natürlich sind die Hispanics kein monolithischer Block. Aber trotzdem zeigt jede der (allerdings eher unzuverlässigen) Umfragen: Trump verliert in dieser Bevölkerungsgruppe klar und dümpelt mit 18-23% etwa auf demselben Niveau herum wie Romney und McCain - was kein gutes Zeichen ist, weil die Hispanics bei jeder Wahl mehr werden.

Das ist langfristig ein riesiges Problem für die Republikaner, die es sich jetzt dauerhaft mit dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe verscherzen könnten. Aber es ist vor allem ein kurzfristiges Problem für Trump. Man gewinnt Staaten wie Florida einfach nur sehr schwer gegen die Hispanics. Letztlich könnte ihn die mangelnde Zustimmung in dieser Bevölkerungsgruppe die Wahl kosten.

Wenn Trump bei den Hispanics und bei den Schwarzen weiter so niedrige Werte einfährt, hat er eigentlich nur zwei Chancen: Entweder gewinnt er die weißen Wähler mit mehr als 70% (was sehr unwahrscheinlich ist, Romney kam 2012 auf 59%). Oder es wird eine komplizierte Frage der Wahlbeteiligung in den einzelnen Bevölkerungsgruppen.

Bringt Trump viele weiße Sonst-Nichtwähler an die Urne, während die Wahlbeteiligung unter Hispanics gleich gering bleibt, hat er eine Chance. Gehen seine Gegner allerdings auch sehr motiviert wählen, dürfte es das gewesen sein.

3. Die Schwarzen im Rust Belt

Illinois, Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin haben zweifellos einen sehr hohen Anteil an angepissten, weißen Blue-Collar-Arbeitern. Und weiße Männer ohne College-Abschluss ist die einzige demografische Gruppe, die Trump mit Sicherheit klar gewinnen wird.

Aber Trump hat ein Problem: Der Anteil an Schwarzen ist im Rust Belt zwar weit von den Südstaaten entfernt, aber immer noch recht hoch. In Michigan und Illinois sind es jeweils knapp 15%, in Ohio immerhin noch 12%.

Und Afroamerikaner sind nicht nur sehr zuverlässige Wähler der Demokraten (normalerweise über 80%), sie hassen auch Trump. In einem Poll vor ein paar Wochen kam er bei Schwarzen in Ohio auf glatte 0%.

Die Midwest States sind unterm Strich sehr zuverlässig blau. Michigan ging in den letzten 20 Jahren immer an die Demokraten, ebenso Wisconsin, Illinois und Pennsylvania. Ohio immerhin in drei von fünf Fällen.

Auch wenn der Trend hin zu knapperen Ergebnissen geht und mittlerweile vier der Staaten von Republikanern regiert werden: Es ist einfach extrem unwahrscheinlich, dass Trump sie alle dreht.

Wenn Clinton (und sei es durch einen enormen Einsatz von Mitteln) die bevölkerungsreichen Pennsylvania und Illinois halten kann, versetzt das Trumps Chancen im Electoral College einen schweren Dämpfer.

4. Das Geld

Hillary war deutlich erfolgreicher im Einsammeln von Geld. Und sie setzt es auch ein: Nach den letzten Zahlen haben Clinton und die sie umgegebenen Super-PACs etwa das 15-fache ihres Gegners in Werbung gesteckt, knapp $57 Mio vs. $4 Mio.

Hillarys Gegner interpretieren das gerne in die Richtung "Haha, sie braucht so viel Geld und liegt in den Umfragen trotzdem gleich auf!" Dazu muss man allerdings sagen, dass diese Ausgaben sehr wahrscheinlich langfristig sind, also auch für zukünftige Schaltungen zu einem guten Preis. Und dass es sich durchaus lohnt, mit langfristig laufenden Attack Ads die Glaubwürdigkeit des Gegners zu unterminieren - sofern man halt das Geld dafür hat.

Es ist davon auszugehen, dass auch Trump jetzt mehr Geld einsammeln wird. Seine Partei scheint nach der Convention geeint, seine Kampagne professionalisiert sich. Und je besser seine Umfragewerte werden, desto weniger Angst werden Spender haben, mit einem Himmelsfahrtskommando in Verbindung gebracht zu werden. Trotzdem hat Hillary Clinton bis jetzt knapp vier Mal so viel Geld eingesammelt wie Trump. Das ist kaum aufzuholen. Und sie wird es nutzen.

5. Pest vs Cholera

Trevor Noah hat den schönen Satz gesagt, dass Clinton und Trump das Glück haben, jeweils gegen die einzige Person anzutreten, gegen die sie gewinnen könnten. Da ist viel Wahres dran. Hillary ist ohne Zweifel extrem unbeliebt. Ihr weht der Ruf nach, nicht vertrauenswürdig zu sein, zu lügen und ihr Fähnchen mit dem Wind zu drehen.

Allerdings vergessen viele Kommentatoren, dass vieles davon genauso auf Trump zutrifft. Seine favorability-Werte sind mindestens genauso schlecht wie Clintons, in den meisten Polls sogar schlechter. Er redet heute A, morgen B. Manchmal auch im selben Statement.

Warum man ihr das eher anlastet als ihm, sei an dieser Stelle mal beiseite gelassen. Es hat sicher einen Gender-Aspekt, liegt aber auch an den Persönlichkeiten der beiden Kandidaten. Ezra Klein hat dazu einen fantastischen Text geschrieben.

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Trotzdem darf man nicht vergessen: Clinton hatte einen furchtbaren Monat (der E-Mail-Skandal; das Sanders-Endorsement, das unter den Erwartungen blieb; der andere E-Mail-Skandal) und liegt mit Trump vermutlich etwa gleichauf. Trump hat allerdings auch noch ein paar Leichen im Keller. Die Klagen wegen der Trump University und die Klage wegen Kindesmissbrauchs seien hier nur beispielhaft erwähnt.

Was ich damit sagen will: Clinton hat strukturelle Probleme, aber Trump ist Trump. Man kann sich sicher sein, dass er und sein VP Mike Pence bis November noch viel Scheiße bauen werden. Und daneben schauen dann „crooked hillary" und ihr unauffälliger Begleiter Kaine schnell mal wieder wie das geringere Übel aus.

Fazit

Ich weiß was regelmäßige Nachrichtenkonsumenten jetzt denken: Aber die Umfragen! Ja, Trump hat aufgeholt. Eventuell liegt er gerade sogar vorne. Aber es ist ziemlich sinnvoll, den Umfragenzirkus rund um die Conventions und die VP-Pickings möglichst zu ignorieren. Umfragen sind historisch gesehen 30 Tage nach den Conventions sehr viel zuverlässiger als jetzt.

Also ja: Trump hat gar keine schlechten Chancen, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Spätestens seit dem Brexit-Referendum würde ich einen Teufel tun und diese Möglichkeit ausschließen. Aber wie man sieht, gibt es auch durchaus beruhigende Argumente. Bitte schmeißt die Nerven jetzt noch nicht weg. Dafür bleibt bis November noch genug Zeit.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Medium.
Den Autor Jonas Vogt findet ihr auch auf Twitter.

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