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«Ich fühle mich behindert. Na und?!»

19/03/2015 14:13 CET | Aktualisiert 19/05/2015 11:12 CEST
Hearzone.net

Jonas StraumannFoto: © Jonas Straumann

Diskussionen darüber sind nicht selten. Diese gibt es häufig. Vermehrt in Facebook-Gruppen erlebe ich Diskussionen dieser Art. Neulich artete sogar eine Diskussion auf meiner Facebook-Chronik dazu aus, dass ich mich behindert fühle und auch als behindert bezeichne. Was ist bloß falsch daran?

Nichts! Wäre ich ein in Trainerhosen gekleideter Hip-Hopper, der sich täglich Bushido, Sido, Eminem oder 50 Cent runterholt, würde behinderte Menschen als «dumm», «unnütz» oder «ungebildet» betrachten, was viele gerade allzu oft tun. Die Slang-Sprache eben. Rapper verunglimpfen das Wort «behindert» ja so gerne.

Wie man doch oft immer wieder sagt: «Sag mal! Bist Du behindert?!» Im Duden wird das übrigens auch als «Klotz am Bein» definiert. Jedoch an letzter Stelle.

Nehmen wir das Wort «Behinderung» mal genauer auseinander. Behinderung bedeutet sinngemäss und sprachlich 'Barriere' oder 'Erschwerung'. Diese Barrieren werden den Behinderten in den Weg gestellt. Behinderte werden von jemandem oder etwas behindert. Um was für eine Barriere es sich handelt, spielt hierbei keine entscheidende Rolle.

Menschen mit Behinderung sind behindert. Na und? Vergessen soll man dabei aber nicht, dass man trotz der Behinderung normal ist. Ob man sich behindert fühlt oder nicht, ist den Betroffenen völlig selbst überlassen.

Wer behindert mich?

Durch wen werden wir aber behindert? Durch unsere Mitmenschen! In meinem Fall ist es ganz einfach. Sprachlich kommuniziere ich in Lautsprache. Bin ein begabter «Schwätzer», wie man in der Schweiz sagt. Schweizerdeutsch, Deutsch und Englisch beherrsche ich. Das Einzige, was mir an einem Gespräch wichtig ist, ist der Blickkontakt. Dann funktioniert das Kommunizieren.

Klar! Es gibt noch andere Facetten - aber die Barrieren, die ich erlebe, sind Barrieren, die hörbehinderte Menschen, Schwerhörige und Gehörlose, gemeinsam haben.

Klugscheißen hoch drei

Auf die Frage, die mich neulich traf, ob ich mich behindert fühle: Ja! Ich streite es keineswegs ab, dass ich mich behindert fühle. Meine Hörbehinderung habe ich seit der Geburt. Wie viele es präzisiert wollen: Ich bin gehörlos. Eigentlich. Aber aufgrund der zu häufigen Assimilierung fand ich den Ansporn, mich als «hörbehindert» zu sehen.

Warum? Weil ich eben keine Gebärdensprache kann. Darum! Überraschenderweise gibt es dann einen Haufen Menschen, die klugscheißen hoch drei und noch so tun, als würden sie mich kennen. Vom Scheitel bis zur Sohle.

Die Gebärdensprache

Ich verliere über die Gebärdensprache nur positive Worte. Ehrlich! Eine schöne, bewegende, eindrückliche und ausdrucksstarke Sprache, die ich zurzeit langsam am Erlernen bin. Als begabter Performer, der schon viele Auftritte auf der Bühne hinter sich hat, weiß ich auch viel über Pantomime und Mimik Bescheid, welches mir einen großen Nutzen bringt. Aber das tut hier ja nicht viel zur Sache.

Das eigentliche Problem

Kommen wir zum eigentlichen Punkt des Problems. Es gibt überall Pro und Contra. Diese Unterschiede finden sich bereits darin, dass jeder Mensch mit einer Hörbehinderung einen ganz anderen Hintergrund hat. Dazu aber auch noch ganz unterschiedliche Hörkurven! Lebenswege und Erfahrungswerte weichen genauso ab. Aber auch der Altersunterschied spielt eine große Rolle!

Früher, noch vor zwanzig Jahren, gab es kaum ein ausgeprägtes Internet wie heute. Da gab es auch nicht so viele Informationen, die man heute dank Freund Google schnell sammeln kann. Vereine, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen - die waren alle klein oder existierten noch nicht. Aber auch versteckt.

Erst viel später, im neuen Jahrhundert, gab es eine große Kehrtwende. Hörscreening, präzisierte Abklärungen, Cochlea Implantate, fortschrittliche Hörtechnologien, Förderungen, Bilingualität - ich könnte noch viel mehr aufzählen. Dies würde den Lesestoff hier aber deutlich sprengen.

Politisch kamen wir Menschen mit Behinderung auch schon weiter. Gemeinschaften bildeten sich, Gruppen, Interessensvereine - Menschen, die sich für eine gezielte Sache einsetzen. Etwas bewegen wollen. Dieses Engagement finde ich super.

Eine Sache verstehe ich aber nicht. Nicht dass ich es nicht verstehen möchte - ich denke tagtäglich über Argumente anderer Mitmenschen nach, versuche die Codes zu entschlüsseln, zu verstehen. Aber es gibt immer wieder Argumente, die total gegensätzlich sind, unüberlegt oder eine fehlerhafte Logik haben.

Nicht dass ich all denjenigen, die gegen mich sind, Unrecht geben möchte. Ich will vielmehr sagen, dass auch endlich anfangen muss, gemeinsam zu agieren, anstatt uns ständig in eine Schublade zu stecken. Kategorisierung, Differenzierung oder Separation könnte man es nennen. Nicht im Sinne der Inklusion.

Haben Sie gewusst: Es gibt Schwerhörige, Gehörlose, CI-Trägerinnen und Träger, Hörgeminderte, Menschen mit Hörverlust, Taube, Hörbeeinträchtige, Hörgeschädigte, Gebärdensprachler, Augenmenschen und und und.

Chaos! Ich müsste mich mal ehrlich fragen, wo ich als nicht gebärdensprachkompetenter Gehörloser «kategorisiert» werden muss. Nirgendwo gibt es Platz für mich. Ich bin nirgendwo Zuhause. Sie wissen, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so ergeht, zwischen Hörbehinderten und Hörenden zu sein. Oder noch präzisierter: Zwischen Gehörlosen und Schwerhörigen.

Also komme ich zu dem Entschluss, mich als «hörbehindert» zu bezeichnen. Denn die Hörbehindertengemeinschaft umfasst Gehörlose, Schwerhörige, CI-Trägerinnen und Träger aber auch Menschen mit Tinnitus mit und ohne Gebärdensprachkenntnisse. Die Hörbehindertengemeinschaft darf jedoch nicht als Kultur gesehen werden. Das wäre falsch.

Die Lösung in meinen Augen

Hier sehe ich eine profitable Lösung, um mit der Öffentlichkeitsarbeit fortschrittlicher umzugehen. Gemeinsam agieren. Mit Maßen im Rampenlicht stehen. Stärke. Mit meinem Engagement, welches in das interaktive Magazin für Hörbehinderte «hearZONE» fließt, verfolge ich genau diesen Zweck.

Die Gesellschaft aufklären, informieren und zeigen, dass wir trotz der Behinderung auch normal sind. Doch irgendwo muss es ja scheitern. An mir kann es nicht liegen. Denn seit ich mich mit «hörbehindert» identifiziere und das auch in meiner Arbeit so nenne, erziele ich in der Öffentlichkeitsarbeit deutlich mehr Erfolge. Ich hätte eigentlich mehr erwartet, von den politischen Fortschritten in den letzten Jahren. Zeit das zu ändern.

Ich fühle mich behindert. Ganz klar. Bin ich auch. Na und?! Das Einzig Wahre, was mir wichtig ist, nachdem Sie diesen Text gelesen haben, ist, dass Sie wissen, was Behinderung wirklich bedeutet. Aber auch, dass Sie mal darüber schlafen, nachdenken und meinen Code entschlüsseln.


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