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"Die westliche Welt ist übergewichtig von zu viel Essen und Sex": Ein Künstler über die Schere zwischen Arm und Reich

11/10/2017 14:32 CEST | Aktualisiert 16/10/2017 13:53 CEST
LeoPatrizi via Getty Images

Jonas Mekas gilt als "Vater des amerikanischen Avantgardefilms". Er wurde 1922 in Litauen geboren und ist nach dem zweiten Weltkrieg nach New York gezogen. Dort begann er, Filme zu machen und zu schreiben. Am 3. Dezember 2017 erhält er im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes (29. November bis 3. Dezember) in Frankfurt den Ehrendpreis für sein Lebenswerk. Im Interview spricht er über die westliche Gesellschaft, Kunst und Zukunft.

Zwar wachsen die Vermögen in fast allen westlichen Ländern immer weiter an, allerdings leben auch immer mehr Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. Die Schere zwischen arm und reich wächst immer weiter - wie kann künstlerische Darstellung dagegen wirken?

Ich denke, es gibt eine immense Verwechslung der Begriffe "reich" und "arm" und ihrer Bedeutung. Vielleicht gibt es sogar eine noch viel größere Verwechslung der positiven und negativen Messwerte jeder der beiden.

Ein Beispiel: Ich bin in einem kleinen, abgelegenen Dorf aufgewachsen. Wir hatten nur so viel Land, um das anzupflanzen, was wir und unser Vieh zum Leben brauchten und ein wenig zusätzlichen Weizen und Gemüse oder ein paar zusätzliche Schweine zum Verkaufen, um Geld für Dinge wie Salz zu haben.

Verglichen mit allen westlichen Standards waren wir "arm" aber wir waren auch glücklich. Wenn wir nicht auf dem Hof arbeiteten, gingen wir in den Feldern spazieren, wir redeten mit den Kühen, lagen im Gras zwischen wilden Blumen und schauten in den blauen Himmel.

Wir trafen uns mit den jungen Männern und Frauen der umliegenden Höfe und sangen unsere Lieder während die Großeltern, also die Alten, nahe bei uns saßen, träumten und sich erinnerten.

Aber dann ging ich in die weite Welt hinaus und sah andere Gemeinschaften und Leute mit viel höheren Lebensstandards. Leute, die Urlaub machen, um andere Länder zu "sehen" und die jeden Tag neue Dinge kaufen. Diese Leute sind "reich" oder "ziemlich reich" aber weder singen noch tanzen sie.

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Sie sitzen vor dem Fernseher oder dem Computer und ihre Großväter und Großmütter oder sogar ihre Väter und Mütter sitzen allein irgendwo in einem Altersheim und siechen dahin. Ich muss Ihnen also nicht sagen, welche ich mehr schätze, das "arme" oder das "reiche" Leben ...

Ich habe ein Problem mit dieser Frage. Es scheint, als wäre es einigen Leuten nicht genug, dass Kunst Schönheit schafft und das diese Schönheit die Menschheit fröhlicher und ihre Seelen feinsinniger macht - wir wollen auch noch, dass Kunst Leute reich macht!

Es ist, als müsste meine Kunst auch noch für mich kochen und zum Markt gehen können ... Aber ich denke, Kunst zu erschaffen ist schon sehr viel für den Künstler. Daher sollten wir nicht noch verlangen, dass Künstler sich um unser Bankkonto kümmerten oder Brot für uns backten.

Millionen Menschen sind in der Welt auf der Flucht. Grund ist der gigantische Unterschied zwischen den Lebensverhältnissen in ihrer Heimat und denen in der westlichen Welt - ist es sinnvoll, diese Menschen bei uns aufzunehmen, oder sollten wir uns eher darum kümmern, die Bedingungen in ihrem Land zu verbessern?

Flüchtlinge gibt es aufgrund der miserablen Lebensbedingungen in ihren Ländern, politischer Verfolgung oder Kriegen. Die Vereinigten Nation versuchen - es sei ihnen gedankt - dies zu ändern.

Aber wir wissen alle, dass dies Zeit braucht und alles erst in der Zukunft liegt. Was wirklich ist, ist die Gegenwart. Ich denke, wir sollten auf das zurückschauen, was nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geschehen ist.

Es gab viele Millionen Flüchtlinge mehr als wir heute in Europa haben. Aber die Internationale Flüchtlingsorganisation (IRO) löste das Problem ganz einfach. In ganz Deutschland wurden Camps und Kolonien für die Vertrieben errichtet. Dort wurde für sie gesorgt, ohne dass sie zwischen der Bevölkerung herumlaufen mussten.

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Die Camps waren wie kleine unabhängige Städte (immer zwischen 5000 und 10.000 Flüchtlinge), die von den Flüchtlingen selbst und der IRO verwaltet und geleitet wurden, bis langsam alle Vertriebenen auf viele Länder verteilt waren.

Bei manchen dauerte es bis zu 5 Jahre aber es verlief alles friedlich und in geordneter Weise. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe vier Jahre in einem davon verbracht. Meine große Frage ist: warum können wir solche Camps also nicht auch heute haben?

Viele Künstler versuchen erfolgreiche Populisten durch ihre Arbeit auf humoristische Art und Weise zu diskreditieren und bloßzustellen. Stärkt man damit nicht eher die Positionen die diese Politiker unter ihren Anhängern haben? Wie sollen wir mit Rechtspopulismus umgehen, wie gehen sie persönlich damit um?

Demagogie und Rechtpopulismus beschreiben eine allgemeine Entwicklung. Dahinter steckt Unwissen, ein Mangel an Bildung und Nationalismus. Was hat uns aber dahin geführt? Während in der Gesellschaft Technik und Technologie weiterentwickelt wurde, senkt das Bildungssystem die Ausbildung in Kunst, Literatur und Philosophie weltweit auf fast Null.

Es ist Zeit, dass wir dem Verfall der Bildungssysteme etwas entgegensetzen. Der erste Schritt dafür ist, sich dessen bewusst zu werden und der nächste ist es, die Bildung in Kunst und Philosophie im eigenen Land zu stärken.

Wie sehen sie die Welt in fünf Jahren? Was sind ihre Hoffnungen, ihre Ängste als Künstler und als Freund, Sohn, Vater, Mutter?

Ich sehe das schwarze, unheilvolle Pendel noch weitere Jahre laut hin und her schwingen. Auf der ganzen Welt befinden wir uns in der "zwei Schritte zurück"-Phase bevor wir "drei Schritte nach vorn" gehen können. Solange wir das wissen und nicht in Panik verfallen, wird es uns gut ergehen.

Von was gibt es in der westlichen Welt genug und von was brauchen wir mehr denn je?

In der westliche Welt gibt es mehr als genug Essen und Sex. Die westliche Welt hat genug Essen, um zwei Welten damit zu versorgen. Aber geistesabwesend wird dort alles aufgegessen. Die westliche Welt ist übergewichtig von zu vielem Essen und Sex. Die westliche Welt wälzt sich in Sex und Vergnügen als wäre es Philosophie und Religion.

Und mittendrin haben wir diesen erstaunlichen technischen Fortschritt. Wir haben sogar gelernt, Technologie für unser Übergewicht und den Sex zu nutzen. Nur passt weder Technologie noch Sex oder Übergewicht zu den intellektuellen und geistigen Bedürfnissen des Menschen. Die Seele der westliche Kultur (dabei holt der Osten auf!) schwindet dahin und ihr Geist weint.

Welche Möglichkeiten sehen sie als Künstler, um Menschen die Angst vor der Zukunft zu nehmen?

Ich denke, wir sollten den Menschen nicht die Angst vor der Zukunft nehmen. Tatsächlich sollten wir uns mehr denn je sorgen über die Zukunft machen. Wir sind in einen Schlummer verfallen! Diese Sorge darf nicht weichen, die Menschheit darf sich nicht zur Ruhe legen! Wir brauchen mehr davon, wir brauchen ein Sorgen-Crescendo, damit wir endlich aufwachen!

Was war ihr extremstes Erlebnis im Zusammenhang mit Armut in einer Industrienation? Wie hat es sie beeinflusst?

Ich habe darauf sehr ausführlich unter Frage 1 geantwortet. Aber natürlich basieren sich meine persönlichen Erfahrung darauf, dass ich in einem kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen bin. Jetzt lebe ich in einer später industrialisierten Kultur.

Ich möchte nicht gefühllos sein aber ich denke, das Wort "arm" bedeutet in den Vereinigten Staaten etwas vollkommen anderes als in Afrika oder in einigen Ländern Asiens oder Südamerikas. Die "Armen" in Amerika sind reich verglichen mit einigen wirklich armen Ländern.

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Provokant gefragt: Hat Kunst wirklich die Möglichkeit die Welt zu verändern? Oder entscheiden am Ende wieder nur "die da oben"? Gab es ein Kunstwerk, einen Film, ein Buch, etc. dass sie dazu animiert hat, etwas selbst zu tun und in die Hand zu nehmen?

Ja, das ist möglich! Aber nur im gleichen Maße wie Technologie, Landwirtschaft, Politik und so weiter. Jede dieser Disziplinen kann in bestimmten Bereiche Veränderungen herbeiführen. Es ist richtig, Kunst kann dazu beitragen, dass die Welt sich ändert und das maßgeblich, denn sie wirkt tiefer, auf der intellektuellen und geistigen Ebene, wo viele grundlegende Veränderungen ihren Ursprung nehmen.

Inspiration? Jeden Tag finde ich Anregung in Poesie, Musik, Malerei und in den Schriften der großen Sufi, der Heiligen und Philosophen! Ibn Arabi, Jakob Boehme und dem bedeutenden chinesischen Dichter Du Fu schenke ich zurzeit vorwiegend meine Aufmerksamkeit.

Zur B3: Unter dem Leitthema „ON DESIRE. Über das Begehren“ präsentieren in Frankfurt und der RheinMain-Region 250 geladene nationale und internationale hochkarätige Akteure aus Kunst, Medien und Technologie ihre Projekte und Ideen. Die B3 Biennale des bewegten Bildes war noch nie so politisch. Flucht, Vertreibung, Zukunftsangst, Ausgrenzung, Populismus – scheinen in weiten Teilen die Kunst-Welt zu beherrschen. Ziel der Biennale ist es zum einen, eine breit angelegte interdisziplinäre und genreübergreifende Allianz für das bewegte Bild zu schaffen, zum andern der internationalen Kreativ- und Kulturwirtschaft eine übergreifende Plattform für Austausch und Geschäft zu bieten. Veranstalter der B3 Biennale des bewegten Bildes ist die Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG).

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