BLOG

Ich habe die ganze Zeit nur Menschen mit blutüberströmten Gesichtern gesehen

01/06/2017 14:10 CEST | Aktualisiert 01/06/2017 16:05 CEST
dpa

Der Fall sorgt deutschlandweit für Aufregung: In Nürnberg haben Polizisten auf Jugendliche eingeprügelt, die ihren afghanischen Mitschüler vor der Abschiebung bewahren wollten. Hier schildert einer der Schüler, was passierte.

Am Morgen stand der Konrektor in unserer Klasse und hat unseren Mitschüler aus Afghanistan aus dem Unterricht gerufen. Er wurde dann in einen Raum gebracht, in dem schon Beamte auf ihn gewartet hatten.

Die haben ihn dann direkt zum Streifenwagen gebracht, haben ihn im Schwitzkasten mitgezerrt und mit verdrehten Armen ins Auto befördert. Vier Beamte saßen mit ihm im Wagen.

Wir Mitschüler waren unglaublich schockiert. Wir haben uns dann direkt vor den Wagen gesetzt, um diesen zu blockieren. Das war um 8.30 Uhr.

Da fing es schon an mit den Rumschubsereien. Die Polizei hat direkt ein Klima der Gewalt heraufbeschworen, die Situation war sehr angespannt, die Schüler waren empört. Ich glaube, die Polizisten waren da am Anfang wirklich überfordert.

Die Schüler waren unfassbar wütend

Es kamen dann immer mehr Schüler, auch aus den Parallelklassen und aus anderen Schulen in Nürnberg. Ein paar Aktivisten waren auch darunter - mit gutem Grund, wenn Menschen in den Tod geschickt werden. Am Ende waren wir etwa 300 Menschen, die das Auto mit Sitzblockaden aufgehalten haben.

Zu diesem Zeitpunkt war die Situation unheimlich emotional. Die versammelten Schüler waren unfassbar wütend. Das hat niemand verstanden, dass ihr Freund, der seit 4 Jahren in Deutschland ist, der 1A Deutsch spricht, der hier eine Perspektive hat, abgeschoben wird. In ein Land, an dem am Morgen noch ein Anschlag passiert ist, mit 90 Toten.

Dann kamen die Spezialeinheiten der Polizei. Da wurde kurz die Lage besprochen - und dann wurde entschieden, die Schüler wegzuprügeln.

Ich habe so eine massive Polizeigewalt selten erlebt. Das war absurd, unmenschlich und schockierend. Die Beamten haben Augen mit dem Finger eingedrückt, Arme verdreht, Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt.

Ich habe die ganze Zeit nur Menschen mit blutüberströmten Gesicht gesehen, die aufgelöst waren, geweint haben. Ich teile die Einschätzung der Polizei überhaupt nicht, dass von linken Aktivisten Gewalt ausgegangen sei. Die waren zwar da, aber friedlich. Die Gewalt ist von der Polizei ausgegangen.

Anmerkung der Redaktion: Die Polizei in Nürnberg spricht davon, dass auch von den Demonstranten Gewalt ausgegangen sei. Es habe bei dem Einsatz neun verletzte Polizisten gegeben, einer habe einen Zahn verloren.

Dann war unser Mitschüler weg

Bis 11 Uhr haben die Schüler immer wieder versucht, das Auto zu blockieren. Das wurde wie in einer Art Wanderkessel durch die Menschen geprügelt - und war dann irgendwann frei, und unser Mitschüler aus Afghanistan war weg.

Spontan sind wir dann weitergezogen, es gab eine Demo in der Innenstadt und am Abend noch eine vor dem Bundesamt für Migration, mit 150 Leuten. Am Freitag ist noch eine Demonstration geplant, von der Schule bis zum Rathaus.

Gegen Abschiebungen - und gegen Polizeigewalt.

Der Text wurde von Josh Groeneveld aufgezeichnet. Der Name des Autors wurde geändert.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

(ll)

Sponsored by Trentino