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Ich spende 60 Prozent meines Gehalts - weil es mich zu einem glücklicheren Menschen macht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JONAS MLLER
Marmy
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Bei einem gemütlichen Spaziergang im Park höre ich plötzlich ein Kind schreien. Ich renne dahin, wo die Schreie herkommen - und sehe ein Kleinkind in der Mitte eines Teiches.

Der Teich ist so tief, dass das Kind vor meinen Augen zu ertrinken droht. Ich schaue mich um, doch es ist weit und breit niemand in Sicht. Soll ich das Kind aus dem Wasser ziehen, bevor es zu spät ist?

Was, wenn dabei meine teuren Schuhe kaputtgehen, die ich mir gerade erst gekauft habe? Sollte ich die Schuhe für das Kind opfern?

Diese Frage hat mein Leben verändert - so banal sie auf den ersten Blick erscheint.

Ein Buch hat mein Leben verändert

Heute spende ich mehr als die Hälfte meines Gehalts - mehrere zehntausend Euro pro Jahr - an gemeinnützige Organisationen, um Menschen zu helfen und Leben zu retten.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat?

Ich habe die Szene mit dem Kind glücklicherweise nie erlebt. Aber sie kommt in einem Buch vor, das mein Leben verändert hat und das der Grund ist, warum ich heute so viel spende.

Mehr zum Thema: Früher war ich eine erfolgreiche Managerin - dann warf ich hin, um Menschen zu helfen

Es geht um das Buch "Leben retten" des australischen Philosophen Peter Singer. In dem Werk stellt Singer dem Leser genau diese Frage: Würden Sie das Kind retten, obwohl Ihre teuren Schuhe dabei kaputtgehen?

Kommt das gespendete Geld auch an?

Beim Lesen des Buches dachte ich mir: Natürlich würde ich das Kind retten, auch wenn es mich einiges an Geld kostet.

Doch in einem nächsten Schritt - und an dieser Stelle wird es entscheidend - fragt Singer, ob man dann nicht die gleiche Entscheidung treffen müsste, wenn man das Leben eines Kindes in einem Entwicklungsland mit einer Spende retten könnte?

Er erklärt anschließend, dass man bei beiden Situationen vor genau der gleichen Wahl steht: Wenn man seine mehrere hundert Euro teuren Schuhe ruinieren würde, um ein Leben zu retten, warum würde man dann nicht mehrere hundert Euro spenden, um ein Leben zum Beispiel in Afrika zu retten?

Die zwei Fälle unterscheiden sich nicht, argumentiert Singer. Das klingt zwar logisch, doch als erste Reaktion suchte ich direkt nach intuitiven Gegenargumenten.

Organisationen bewerten, wie viel eine Spende bringt

Mein erster Gedanke war, dass man nicht wissen könne, ob das gespendete Geld auch ankommt.

Genau diese Frage haben sich zwei Fondsmanager schon vor über zehn Jahren gestellt. Als sie ihr Geld spenden wollten, konnten sie keine Nichtregierungsorganisation (NGO) finden, bei der ihre Spenden nachweislich viel bewirkt hätten.

Mehr zum Thema: Wir Politiker erhalten so viel Geld, dass wir dadurch den Anschluss an die Bürger verlieren

Um etwas dagegen zu unternehmen, kündigten die beiden ihre Jobs und starteten die Organisation GiveWell. Seitdem nutzen sie ihr ökonomisches Wissen dazu, die wirksamsten Hilfsorganisationen ausfindig zu machen und zu empfehlen.

Zum Beispiel kann das eine Spende für eine Organisation sein, die Moskitonetze in Afrika bereitstellt und damit Menschen vor Malaria schützt. Oder es kann eine Organisation sein, die Kranke mit einfachsten Medikamenten versorgt.

Bei den richtigen Organisationen können Gelder sehr viel bewirken

GiveWell konzentriert sich darauf, wie man möglichst viele Menschenleben retten kann. Eine ganz ähnliche Organisation, Animal Charity Evaluators, tut genau das im Bereich des Tierschutzes.

Dadurch wurde mir bewusst: Wenn man an die richtigen Organisationen spendet, können die Mittel sehr viel bewirken. Mit einem bestimmten Betrag lässt sich tatsächlich nachweislich ein Leben retten.

Ähnlich erging es mir mit einem Gegenargument nach dem anderen zu Singers These und zum Schluss musste ich mir eingestehen: Da ich das Kind aus dem Teich ziehen würde, sollte ich auch bereit sein, Geld an Organisationen zu spenden, die Leben retten.

Denn unabhängig davon, ob sich ein Kind vor mir im Park oder auf der anderen Seite der Welt befindet, rette ich damit genauso ein Leben.

Diese Erkenntnis veränderte mein Leben völlig.

Ich zog in die Schweiz, um mehr spenden zu können

Vor sechs Jahren glaubte ich meinen Traumjob gefunden zu haben. Ich entwickelte Software für eine NGO, die sich für Pressefreiheit einsetzt und war überzeugt, durch meine Arbeit so viel zu bewirken, wie es für mich möglich ist.

Doch dann fiel mir "Leben retten" in die Hände und ich entschied, nicht nur meinem Herzen zu folgen, sondern auch meinen Verstand zu benutzen.

(Text geht unter dem Video weiter)

Er schneidet Menschen auf offener Straße die Haare - und verändert das Schicksal Tausender

Zur gleichen Zeit bekam ich mehrere Jobangebote aus verschiedenen Ländern. Beim Vergleichen der Angebote fiel mir auf, dass ich mit einem Job in der Schweiz um ein Vielfaches mehr spenden kann - selbst wenn man berücksichtigt, dass das Leben dort teurer ist.

Ich hatte meine Bedenken, ob ich wirklich von meiner Familie und meinen Bekannten wegziehen wollte. Doch nach reichlichem Überlegen entschied ich mich, in die Schweiz zu ziehen, um durch meine Arbeit mehr spenden und mehr Leben retten zu können.

Karriere ist für mich kein Selbstzweck

Mein Erstaunen war groß, als ich in der Schweiz andere Menschen kennenlernte, die sich ähnliche Gedanken gemacht hatten. Während manche sich wie ich dafür entschieden möglichst viel zu spenden, gründeten andere die Stiftung für Effektiven Altruismus, die über ethische Berufs- und Spendenwahl informiert.

Nach ein paar Jahren in der Schweiz wurde mir klar, dass ich noch mehr verdienen könnte, wenn ich in die Finanzindustrie wechsle. Das gelang mir kurze Zeit später auch. Seitdem arbeite ich in einer kleinen Firma für Finanzsoftware.

Letztes Jahr habe ich rund 60 Prozent meines Gehalts gespendet, doch ich orientiere mich dabei nicht strikt an dieser Zahl: Ich gebe einfach aus, was ich zum Leben brauche. Den Rest nehme ich, um anderen ihr Überleben zu sichern.

Ich brauche nicht viel Geld zum Leben

Die Glücksforschung zeigt, dass es glücklicher macht, Geld für andere auszugeben als für sich selbst.

Trotzdem war ich überrascht, wie gut es sich anfühlt, Geld zu spenden und damit anderen zu helfen.

Die Forschung zeigt auch, dass man glücklicher ist, wenn man sich häufiger kleine, statt zwischendurch große Sachen kauft, wie ein neues Sofa.

Heute lebe ich bescheiden und glücklich mit meiner Freundin in Zürich, engagiere mich in meiner Freizeit als Vorstandsvorsitzender bei Animal Charity Evaluators und spende sowohl mit Herz als auch mit Verstand.

Am meisten erstaunt hat mich: Mit dem durchschnittlichen Gehalt nach einem Studium gehört man in Deutschland schon zu den reichsten zwei Prozent der Weltbevölkerung - sogar unter Berücksichtigung der hohen Lebenshaltungskosten in Deutschland.

Dieses Privileg zu nutzen, und einen Teil seines Gehalts zu spenden, schränkt die Lebensqualität nicht ein - und für andere kann es den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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