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Ich will alles hinschmeißen. Jetzt sofort.

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DEPRESSION
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Ich will alles hinschmeißen, weil ich müde bin. Ich fühle mich benebelt, und mein Kaffee - so gut er auch ist - löst den Nebel nicht auf. Ich will alles hinschmeißen, weil ich heute noch vor Morgengrauen aufgewachte und meine Glieder schmerzten.

Ich will alles hinschmeißen, weil ich mich daran erinnere, wie es sich anfühlt, mehr Geld zu haben, als man eigentlich braucht, es zu verlieren, und beim Zurückdenken daran ein Gefühl wie einen Tritt in den Magen zu verspüren. Ich will alles hinschmeißen, weil der Weg zurück lang, hart und gnadenlos ist.

Ich will alles hinschmeißen, weil das Business hart ist, schon immer gewesen ist. Ich starre 12 Stunden am Tag in einen Spiegel und fordere mein Spiegelbild heraus, eine falsche Bewegung zu machen, einen falschen Anruf, während ich genau weiß: Alles, was ich tue, wird auf mich zurückfallen.

Ich will alles hinschmeißen, weil ich in meinem Wohnzimmer sitzen, "Doom" spielen und essen will, während ich Marvin Gaye höre und alles tue, was ich tun kann, um mich von der tickenden Uhr und dem Druck, immer mehr zu tun, immer mehr zu arbeiten, immer mehr zu versuchen, zu befreien.

Die Angst vor der Armut

Ich will alles hinschmeißen, weil ich in Armut aufgewachsen bin und schreckliche Angst davor habe, auch in Armut zu sterben, wenn ich alles riskiere.

Ich will alles hinschmeißen, weil immerzu die Chance besteht, dass ich scheitere, jedes Mal, wenn ich einen neune Kunden annehme, jedes Mal, wenn ich ein neues Produkt aufbaue oder eine Geschäftsidee umsetze oder mir einen neuen Traum erfülle, und ich bin schon so oft gescheitert, dass ich nicht noch einmal den Boden unter den Füßen verlieren will.

Ich will alles hinschmeißen, weil Start-ups anstrengend sind, die Wahrscheinlichkeit, dass sie scheitern, ist enorm hoch, und tief in mir drin weiß ich, dass ich kein visionärer Führer bin und auch kein technisches Genie, nur ein Typ mit großen Ideen und einer guten Portion Mut. Und ich bin mir nicht sicher, ob das genug ist.

Ich will alles hinschmeißen, weil ich eine E-Mail von einem Leser bekommen habe, in der er mich ein egozentrisches Arschloch nannte, weil ich ihm nicht helfen wollte, sein Unternehmen kostenlos mit aufzubauen, und ich habe eine Nachricht von einem weiteren Leser bekommen, der meint, ich sei „eine banale, überflüssige Existenz" - obwohl sie mich oder mein Leben nicht kennen.

"Erfolgreich sein ist schwieriger, als ich immer dachte."

Ich will alles hinschmeißen, weil ich lieber schon um 10 Uhr morgens trinken und eine Schachtel Zigaretten am Tag rauchen will - darin zeigt sich meine selbstzerstörerische Ader.

Ich will alles hinschmeißen, weil erfolgreich zu sein mir schwieriger erscheint, als sich einfach damit abzufinden, durchschnittlich zu sein und es einfach nicht weiter zu versuchen. Wenn ich es nicht weiter versuchen würde, könnte ich diesen einen Teil meines Gehirns, der mich ständig vorantreibt, einfach ausschalten und einen neuen Job finden und müde und fertig werden.

Ich will alles hinschmeißen, weil Schreiben bedeutet, dass ich jeden Tag einen weiteren Teil meiner Seele bloßstelle, ihn der Welt hinhalte und frage: „Hey, was haltet ihr davon?" Und manchmal frage ich mich: Ist es das wert, mich zu öffnen und verletzbar zu machen?

Ich will alles hinschmeißen, weil ich es hasse, mich anzustrengen, ich will faul sein, ich will nicht produktiv sein und ich will nicht sportlich sein und ich will nicht die ganze Nacht aufbleiben, um meine Träume zu verwirklichen.

Ich will alles hinschmeißen, weil ich gerne jede Staffel von „Buffy" noch einmal sehen will, das erscheint mir viel besser, als zu bloggen und zu designen und Verträge zu erstellen.

Die finanziellen Sorgen

Ich will alles hinschmeißen, weil ein Auftrag, an dem ich monatelang gearbeitet habe, gerade flöten gegangen ist und nun muss ich das finanzielle Loch, die dadurch entstanden ist, irgendwie stopfen.

Ich will alles hinschmeißen, weil J.K. Rowling besser schreiben kann als ich, glaubwürdiger und authentischer und mit Charakteren, die die Leute lieben und weil sie eine Serie von Büchern erschaffen hat, die die Kindheit vieler Menschen prägte. Ich will alles hinschmeißen, weil Gary Vaynerchuk besser schreibt als ich, mit inspirierenden Ideen, Botschaften und bahnbrechenden Konzepten, die tausenden von Unternehmern geholfen haben.

Ich will alles hinschmeißen, weil ich nicht einer von denen bin, ich bin nicht Elon Musk oder Paul McCartney oder Ian McKay oder Henry Rollins oder Douglas Coupland oder Richard Branson.
Und egal wir oft ich lese, welche zehn Dinge sie alle gemeinsam haben, welche fünf Morgen-Routinen sie verfolgen, die sie erfolgreich gemacht haben, welche 25 Zitate sie inspiriert, welche 50 Entscheidungen die besten waren, die sie jemals getroeffen haben oder welche 20 Eigenschaften ihnen dabei geholfen haben, sich ihre Träume zu erfüllen: Ich werde ihr Niveau niemals erreichen.

"Wir alle haben Angst davor, dass wir unseren Vorbildern nicht gerecht werden

Ich will wahrscheinlich aus denselben Gründen wie du alles hinschmeißen. Weil wir alle damit kämpfen, es in einer Welt zu etwas zu bringen, die uns oft nicht zuhört, während wir auf den richtigen Moment warten, in dem wir dann oft die falsche Karte spielen. Wir alle haben Angst davor, dass wir unseren Vorbildern nicht gerecht werden, und es gibt 1.000 andere Dinge, die wir verdammt noch mal lieber tun würden.

Aber ich habe nicht aufgegeben. Jeden einzelnen Tag, wenn ich morgens aufwache und alles hinschmeißen will, tue ich es nicht. Ich habe es in den letzten zehn Jahren nicht getan, während ich Blog-Beiträge geschrieben habe, die niemand las, während ich panisch Texte löschte bevor ich mich beruhigen konnte und noch mal von vorne beginnen musste.

Ich habe nicht aufgegeben, als meine Unternehmen scheiterten, als ich pleite war, als ich aus meinem Jura-Studium flog, als ich meinen Plattenvertrag verlor, als ich gekündigt wurde, als ich betrunken in einem Sessel meine Therapeuten gegenüber saß und versuchte, ihm zu erklären, was mit mir und der Welt schief gegangen war.

"Ich liebe meine Arbeit, egal wie schwer sie ist."

Ich habe nicht aufgegeben und ich werde nicht aufgeben, weil ich mein Leben liebe. Ich liebe es, einzuatmen, auszuatmen, abends Hamburger zu essen, nachdem ich die ganze Woche lang gearbeitet habe und die Welt zu riechen, nachdem es geregnet hat. Ich liebe meine Arbeit, egal wie schwer sie ist und wie gut es sich manchmal anfühlt, alles für einen kurzen Augenblick stehen und liegen zu lassen. Ich liebe es, Leuten zu helfen.

Ich liebe es, Unternehmen mit aufbauen, ich liebe meine Produkte, obwohl meine Liebe an Tagen wie diesem ganz schön von meiner Laune abhängt. Ich liebe meine Leser, wenn sie mir aus heiterem Himmel schreiben, dass sie sich angesprochen fühlen. Ich liebe meine Kunden, die mich auf meinem Weg begleiten und die an mich glauben.

Es ist okay, alles hinschmeißen zu wollen. Es ist okay, dein Unternehmen im Stich lassen zu wollen. Das passiert jedem mal. Hier in Australien haben sich viele Gründer Scott und Mike von Atlassian zum Vorbild genommen - aber glaubst du, dass die beiden nicht an manchen Tagen früh aufgewacht sind mit dem Gefühl, alles hinschmeißen, alles stehen und liegen lassen zu wollen und ihre Namen zu ändern und einfach zu verschwinden?

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Das wollen wir alle mal. Egal wie gefestigt unsere Wege und Leben sind, von Zeit zu Zeit wollen wir alle mal aufgeben. Weil wir Menschen sind, und wie ich immer sage: Menschen sind wunderbar, aber sie vergessen es gerne mal.

Mir schreiben täglich werdende Autoren und Unternehmer, die sich Sorgen machen, dass die Tatsache, dass sie nicht 100-prozentig an sich glauben und nicht überzeugt von ihrem Lebensweg und ihrer Arbeit sind, dass sie Angst haben und aufgeben wollen, bedeutet, dass sie auf dem falschen Weg sind.

Das stimmt aber nicht. Der richtige Weg ist der, den du gehen willst. Und ja, du wirst zwischendurch alles hinschmeißen wollen - genauso, wie jeder andere von uns. Künstler zu sein, kreativ zu sein, Unternehmer zu sein bedeutet, mit dir selbst zu kämpfen und das Spiel selbst dann zu spielen, wenn alles hoffnungslos scheint. Es bedeutet, noch einmal zu setzen, einen möglichen Gewinn in Aussicht zu behalten, anstatt den Tisch zu verlassen.

Und du sagst: "Bleibe hier, Vergiss die Vergangenheit, Deine Maske schwindet." Lass mich noch einmal würfeln, Ich weiß, dass ich gewinnen kann, Ich warte darauf, dass mein echtes Leben beginnt. - Colin Hay

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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