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Donald Trump und das Comeback der Mittelklasse

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DONALD TRUMP
Andrew Kelly / Reuters
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Lebte er heute, wäre er sicherlich einer aus der Mittelklasse. Die Summe aristotelischer Weisheit heisst Mitte. Die Mitte, der Posten zwischen zu wenig und zu viel. Nach Aristoteles sind das Zuwenig und das Zuviel Störenfriede des Glücks. Gutes Leben gibt es nur in der goldenen Mitte, auf dem Mittelstreifen.

Ich denke an Mittelklasse und mir kommt mein deutscher Schwiegersohn in den Sinn. Eltern beide Lehrer und Nachkriegskinder. Der Sohn wurde irgendwo in Deutschlands Mitte geboren. Solide Ausbildung. Solide Erziehung. Subversiv wirkt allein, dass Eltern und Sohn auf Vornamen sind. Mir, der seine indischen Eltern niemals duzen durfte, gefällt das sehr. Ansonsten ist diese deutsche Familie der Inbegriff der Mittelklasse. Einkommens- und wertemäßig.

Ich denke an Mittelklasse und ich muss an meinen Schweizer-Schwiegervater denken. Er, eines von zehn Kindern. Eine bettelarme Familie und dann kam der Krieg. Für eine Lehre oder eine Ausbildung hat es nicht gereicht. Mit Fleiss und etwas Glück hat er es zum Haus und Auto und Urlaub und eine beachtliche Altersrente geschafft.

Ich denke an Mittelklasse und an meinen Vater, in den späten fünfziger Jahren in die USA gereist auf der Suche nach der Verwirklichung des Mittelklasse-Traumes. Er schaffte es aber fand auch den Rassismus. Er liess den Traum zerbrechen und kehrte nach 4 Jahren zurück nach Indien. Ich wäre wohl heute Amerikaner und nicht Schweizer, wenn er es nicht getan hätte.

Nach dem Krieg machten sich Millionen ans Projekt Raus-aus-dem-Elend und landeten innerhalb von wenigen Jahrzehnten in der Mittelklasse und schufen dabei ein Wirtschaftswunder und die simple Gewissheit: Mische eine Prise Rechtschaffenheit mit einer geballten Ladung an Fleiß, denke positiv und du bringst es zu etwas.

Dann kamen Deregulierungen und Liberalisierungen, Auslagerungen und Verlagerungen, Spezialisierungen und Automatisierungen. Verlierer sind jene, die das Wirtschaftswunder erst geschaffen hatten: Die Mittelklasse. Ein Blick auf die „Elefanten-Grafik" (sieht aus wie einen Elefanten) von Branko Milanovic (Global Inequality: A New Approach for the Age of Globalization) zeigt es: Die Mittelklasse West Europas und der USA sind die eindeutigen Verlierer der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der letzten Jahre. Die Gewinner: Die Eliten, also die Oberklasse in West Europa und USA und die Mittelklasse in China und Indien

Zu dieser Elite gehört Hillary Clinton und sie baute ihre Agenda auf der feministischen Plattform: Die Zeit ist gekommen für eine Präsidentin der USA. Trotz politischer Erfahrung, trotz politischer Korrektheit, trotz der Unterstützung von Wall Street und der afroamerikanischen Elite, von Silicon Valley und Hollywood, trotz der geballtesten Ladung an Macht, Geld und Intellekt - musste sie wohl verlieren!

Denn dies ist der große Widerspruch: Obwohl Donald Trump auch zur Oberklasse und zur Elite gehört, wählte er auf staubigen Straßen mit dem Mittelklasse-Mann, mit der Mittelklasse-Frau zu marschieren. Er propagiert: Zuwanderung? Muss nicht sein. Billige Arbeitskräfte? Nicht nötig. Multikulti? Keine Schicksalsfrage. Freie Märkte? Lösen die Wirtschaftsprobleme nicht. Rechts? Zu süffisant, zu eingebildet, zu geschniegelt. Links? Dasselbe. Politisch Korrektheit? Leck mich doch!

Donald Trump war die heimliche Liebe der Mittelklasse und die politischen Gurus und Strategen und Meinungsmacher haben es schlichtweg übersehen. Er ist die Revolte der Mittelklasse, die Stimme der Bankrotterklärung der politischen Wahrheiten von links und rechts, das Niemals-Sich-Entschuldigende-Nein einer Mittelklasse, die sich verraten, abgehängt und abgeschnitten fühlt.

Der Mittelklasse waren seine Frauengeschichten egal. Auch seine Frauensprüche. Auch seine abschätzigen Worte über Behinderten. Auch dass er versuchte eine Witwe aus ihrem Haus zu werfen. Ihr war allein dies wichtig: Die Rückkehr zum Traum der Mittelklasse - Mische eine Prise Rechtschaffenheit mit einer geballten Ladung an Fleiß, denke positiv und du bringst es zu etwas. In den Worten des Donald Trump: Let's make America great again.

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