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Was ihr tun könnt, damit eure Kinder nicht so werden wie ihr

01/08/2017 15:49 CEST | Aktualisiert 01/08/2017 15:52 CEST

Und zwar auf eine gute Art.

"Ist hier irgendjemand nur zu zweit?"

Ich tue so, als würde ich ihn nicht hören, indem ich konzentriert auf mein Handy starre.

"Fährt jemand nur zu zweit?"

Starre weiter auf dein Handy, John.

"Wenn irgendjemand hier nur zu zweit ansteht, könnt ihr nach vorne kommen und gleich in diesem Wagen mitfahren."

"Wir sind nur zu zweit!", brüllt sie.

Mist.

Ich will mich nicht durch die 100 Leute drängeln müssen, die hier anstehen. Da sind Kinder, die auf den Zäunen herumklettern. Da sind Teenager, die sich gegenseitig schlagen. Und der Typ mit dem Tattoo im Gesicht schaut echt beängstigend aus.

Ich will keine Gespräche unterbrechen müssen, um mich an diesen verschwitzten Menschen vorbeizudrängeln. Bei mir löst allein die Breite dieser Schlange ja schon Platzangst aus.

Für mich wäre es vollkommen in Ordnung gewesen, wenn wir uns ganz gemächlich auf den Anfang dieser Schlange vor der Achterbahn zu bewegen.

Für sie jedoch nicht.

Solche Gedanken existieren bei ihr überhaupt nicht.

Wer ist dieses Mädchen eigentlich, das ich als meine Tochter bezeichne?

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. . .

Wenn es ein Dokument gäbe, das mir garantiert, dass ich für meine verbleibende Zeit auf diesem Planeten nie wieder irgendeine Art von Aufmerksamkeit auf mich ziehen werde, würde ich es auf der Stelle unterschreiben. Und ich glaube, dass auch meine Frau und mein Sohn dasselbe tun würden.

Wir sind jetzt nicht komplett menschenscheu oder extrem introvertiert, doch wir ziehen es definitiv vor, nicht im Rampenlicht stehen zu müssen.

Meine Tochter hingegen ist völlig anders.

Ihr geht es nicht darum, permanent im Rampenlicht zu stehen, denn eigentlich ist es ihr völlig egal, ob sie gerade im Mittelpunkt steht. Sie weiß jedoch ganz genau, was sie will, und wenn sie etwas erreichen will, bekommt sie einen Tunnelblick.

Letztes Wochenende wollte sie ganz einfach das Beste aus unserem "Vater-Tochter-Tag" herausholen, und wenn das bedeutet, dass wir uns dafür auf eine unangenehme Weise nach vorne drängeln müssen, dann ist das eben so.

Und Herrgott, ich liebe ihre Art.

Ich will gar nicht, dass sie so ist wie ich. Ich will, dass sie das Leben am Hals packt und auch noch das letzte Fünkchen Nervenkitzel aus ihm herauspresst. Ich will nicht, dass andere über ihr Glück entscheiden. Ich will, dass sie sich immer weiterentwickelt.

Ich muss sie so sein lassen, wie sie ist.

. . .

Die momentane Lieblingsserie meiner Tochter ist "Phineas und Ferb". Die Zeichentrickserie läuft auf dem Disney Channel und es geht bei ihr darum, dass zwei Brüder in den Sommerferien hochtrabende und unrealistische Pläne schmieden, die sie dann jedoch tatsächlich immer in die Tat umsetzen.

Sie reisen zum Beispiel mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit und besuchen die Dinosaurier. Oder sie errichten sich ihren eigenen Strand. Oder sie bauen ihn ihrem Garten eine Achterbahn auf.

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Total alberner Kinderkram. Meine Tochter sieht das Ganze jedoch mit anderen Augen.

Manchmal beobachte ich sie dabei, wie sie sich die Serie anschaut. Sie fiebert mit den großen Träumen der beiden Serienhelden mit, doch sie nimmt die Geschichten total ernst.

Sie hat mich nicht erst einmal gefragt, ob wir denn nicht auch eine eigene Achterbahn bauen könnten. Und zwar nicht auf eine süße "Oh-das-wäre-so-toll-Art", sondern eher im Sinne von: "Das ist mein voller Ernst, Papa. Warum sollte das nicht gehen?"

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Vergangene Woche habe ich zufällig eine ihrer letzten Google-Suchanfrage gesehen, und sie fasst das ganze wunderbar zusammen:

"Die realistischsten Dinge, die Phineas & Ferb gebaut haben"

Das hat mich zu Tränen gerührt.

Sie akzeptiert kein "Nein" als erste Antwort. Sie gibt sich nicht so einfach geschlagen. Sie muss alles erst selbst herausfinden. Sie kann gar nicht anders.

Ich muss sie so sein lassen, wie sie ist.

. . .

Das ist die Ferien-Wunschliste meiner Tochter, die sie am Nachmittag des letzten Schultages erstellt hat:

  • In den einen Freizeitpark fahren
  • Mit der ganzen Familie zum Essen gehen
  • Ein Stofftier komplett selbst machen
  • 2 Bücher lesen (in der Hängematte)
  • Zwei Nächte hintereinander bei einer Freundin schlafen
  • SLIME herstellen (regenbogenfarbenen)
  • An den Strand gehen (vielleicht mit Rebekah?)
  • Sammelalbum
  • Geld verdienen, indem ich Selbstgebasteltes verkaufe
  • Backen
  • Echte Elefanten anschauen
  • Ein Einhorn finden (das wünsche ich mir)
  • Massenhaft Eis essen
  • Mir ein Spiel der New York Mets anschauen
  • Neue Freunde finden (vielleicht im Ferienlager?)
  • Mit Freunden und meiner Familie ins Kino gehen

Sie ist zwar nicht so naiv, dass sie an Einhörner glauben würde. Ich wette jedoch, dass es einen Anteil von 15 Prozent in ihr gibt, der sagt: Beweise mir erst einmal, dass es sie nicht gibt. Stell mir eine Aufgabe und ich werde es dir auf irgendeine Art beweisen.

Sie glaubt nach wie vor an den Weihnachtsmann, weil sie die Welt mit sehr viel Phantasie betrachtet. Ich beneide sie um diese Gabe und ich wünsche mir, dass sie sich diese Sicht auf die Welt auch später einmal erhalten kann.

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Sie sagt nicht: "Zeig mir doch mal, wie das bitte gehen soll, dass er es schafft, am Weihnachtsabend alle Menschen zu besuchen". Stattdessen sagt sie: "Beweise mir, dass er es nicht schafft."

Ich bin das komplette Gegenteil von ihr. Ich bin und war schon immer ein totaler Realist. Und noch dazu ein zynischer Scheißkerl. Diese Tatsache mag mich zwar zu einem besseren Schriftsteller machen, jedoch bestimmt nicht zu einem besseren Menschen.

Ich muss sie so sein lassen, wie sie ist.

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Mal angenommen, du hättest einen dicken Pickel im Gesicht und würdest mich darauf ansprechen. Dann würde ich dir vermutlich sagen, dass ich den Pickel überhaupt nicht schlimm finde, obwohl ich in Wirklichkeit während unseres Gesprächs komplett abgelenkt wäre und dauernd auf das riesige Ding starren müsste.

Ich weiß, dass die meisten Menschen genau das Gleiche sagen würden, weil sie ihr Gegenüber nicht verletzten möchten. Bewundernswert, wie ich finde.

Von meiner Tochter würdest du jedoch wahrscheinlich zu hören bekommen: "Ja, dein Pickel schaut echt schlimm aus." Und damit will ich sie nicht kritisieren, sondern ihr ein Kompliment machen.

Sie sieht keinen Grund dafür, warum sie dich anlügen sollte. Lügen ist überhaupt nicht ihr Ding. Sie sieht nicht ein, warum sie so tun sollte, als würde der Pickel nicht existieren. Was soll's, es schaut nun einmal echt schlimm aus. Und jetzt lass uns ins Schwimmbad gehen.

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Sie hatte auch keinerlei Problem damit, mich auf den netten kleinen Pickel hinzuweisen, der letztes Wochenende mitten auf meiner breiten Stirn prangte. Sie tat das jedoch ohne jeglichen Spott. Es ist jetzt nun einmal so, lass uns darüber lachen und weitergehen.

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Ich muss sie so sein lassen, wie sie ist.

. . .

Bei unserem Besuch im Freizeitpark sind wir innerhalb von 24 Stunden insgesamt sechs Mal mit der Wildwasserbahn gefahren. Ich war jedes Mal unglaublich erleichtert, sobald wir den letzten steilen Fall hinter uns gebracht hatten.

Ich konnte meine Angst davor, dass die Wildwasserbahn defekt sein könnte, endlich wieder loslassen. Die verstörenden Bilder eines freien Falls verschwanden, als wir langsam zum Ausgangspunkt der Wildwasserfahrt zurück glitten. Auch ich hatte meinen Spaß, doch eigentlich eher, weil ich überlebt hatte, und nicht weil ich den Adrenalin-Kick so unbedingt gebraucht hätte.

Als wir uns langsam auf den Ausgangspunkt der Wildwasserfahrt hinbewegten, drehte meine Tochter sich zu mir um und sagte: "Genieß die letzten Momente, denn eigentlich fahren wir ja noch immer mit der Wildwasserbahn."

Ich war mit meinen Gedanken schon längst bei der langen Heimfahrt und ich dachte darüber nach, ob ich vorher noch tanken sollte und wie viel Arbeit ich am Freitag liegengelassen hatte.

Mit diesem einen Satz brachte sie mich jedoch dazu, all dies beiseite zu schieben.

Ich muss sie so lassen, wie sie ist.

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Solange ich zurückdenken kann, habe ich mich um seelische Ausgeglichenheit bemüht. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich weiß nicht, woher diese Haltung kommt, doch mir ist erst mit zunehmendem Alter bewusst geworden, dass ich so ticke.

Meine Einstellung mag zwar nach einer guten Lebensstrategie klingen, ich musste jedoch feststellen, dass dem nicht so ist.

Es stimmt, dass ich es immer geschafft habe, mich von negativen Ereignissen nicht zu sehr herunterziehen zu lassen. Mein Mantra "es könnte ja immer noch ein bisschen schlimmer sein", hat mich bisher davor bewahrt, komplett durchzudrehen.

Außerdem konnte ich dieses Gefühl auch auf meine Angehörigen übertragen, und ich glaube, dass es ihnen auf ihrem Weg geholfen hat.

Wenn du glaubst, dass das schlimm ist, dann denke an [Namen einfügen], der gerade herausgefunden hat, dass [Ereignis einfügen].

Durch diese Einstellung verpasst man es jedoch auch, die tollen Momente richtig zu genießen. Ich lasse nie zu, dass ich zu weit nach oben fliege oder zu glücklich bin, weil ich Angst davor habe, auf den Boden zu knallen, wenn dieser wundervolle Moment vorbeigeht.

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Mein ganzes Leben lang veranstalte ich schon diesen komischen Tanz mit dem Karma. Verrückterweise habe ich Angst, dass es Unglück bringen könnte, wenn ich mich zu sehr über einen dieser wundervollen Momente freue.

Ja ich weiß, dass ich zu viel nachdenke, und ich hasse mich dafür.

Sie ist schließlich gerade mal 11 Jahre alt und vielleicht projiziere ich für ihr junges Alter viel zu viel in sie hinein. Doch meine Tochter springt kopfüber ins Glück und sie saugt die Lebensfreude in sich auf.

Sie denkt nicht einmal darüber nach, dass all dies sich auch schlagartig ändern könnte. Wenn sie enttäuscht wird, lässt sie ihr Gefühl der extremen Enttäuschung auch zu, und sie muss sich dabei nicht einreden, dass schon alles wieder gut wird.

Ich weiß, es klingt komisch, doch ich bin froh, dass sie so ist, wie sie ist. Es mag bei ihr vielleicht länger dauern, bis sie sich von Rückschlägen erholt. Mir ist es jedoch lieber, dass sie echte Gefühle empfinden kann - ganz egal, ob positive oder negative - anstatt permanent im Fegefeuer der Mittelmäßigkeit festzusitzen.

Denn ich selbst kann bestätigen, dass das wirklich nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist.

Ich muss sie so sein lassen, wie sie ist.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei https://bullshit.ist/ und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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