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Zeitenwende

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In einem zähen und oft schmutzigen Ringen hat sich die westliche Welt - so wie andere Zivilisationen vor ihr - über die Jahrhunderte an die Spitze gekämpft. Diese Pole-Position, aber vor allem die damit verbundenen Vorrechte werden jetzt von Teilen der westlichen Gesellschaften als bedroht empfunden. Zu Recht! Gefangen im Tagesgeschäft blicken Medien und Politik derzeit noch immer ungläubig auf die Entwicklungen der letzten Monate. Umfragen funktionierten nicht. Politische Gewissheiten verloren ihre Geltung. Die Sprache veränderte sich. Bei nüchterner Betrachtung des Ursprungs des Erfolgswegs der westlichen Welt erscheinen die jetzigen Entwicklungen im Vorfeld einer Zeitenwende jedoch wenig überraschend, sondern geradezu zwangsläufig. Eine Analyse.

Europa schrumpft. Im Jahr 1800 lebten in Europa bereits knapp 200 Millionen Menschen; etwa doppelt so viele wie in ganz Afrika. Die europäische Bevölkerung wuchs bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zwar auf etwa 700 Millionen Menschen an, seither ist die Entwicklung trotz zunehmender Migration allerdings rückläufig.

Betrachtet man die europäische Bevölkerung nach kulturellen und rassischen Gesichtspunkten (was zwar nicht politisch korrekt ist und auch nicht der rechtlichen Lage, aber dennoch - ob man es mag oder nicht - der mehrheitlichen gesellschaftlichen Perzeption entspricht), so ist der Schwund der originären Europäer noch drastischer. Der Grund hierfür ist kein willkürlicher, sondern Folge von wohlstandsbedingten Verbesserungen der Lebensverhältnisse.

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Die restliche Welt wächst. Im Jahr 2011 lebten erstmals mehr als eine Milliarde Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Diese Entwicklung ist geradezu atemberaubend. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also vor ca. 200 Jahren, wurde die afrikanische Bevölkerung noch auf weniger als 100 Millionen Menschen geschätzt; mithin die Hälfte der damaligen europäischen Bevölkerung.

Trotz des auch im 19. Jahrhunderts fortdauernden Sklavenhandels und verstärkter Kolonisierung des gesamten Kontinents verdoppelte sich die afrikanische Bevölkerung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Für das Jahr 2050 erwartet die UNO mehr als zwei Milliarden Menschen in Afrika. Und zum Ende des 21. Jahrhunderts soll jeder dritte Erdenbürger, insgesamt 3,5 Milliarden, auf dem afrikanischen Kontinent leben.

Der Blick nach Asien ist aus europäischer Sicht nicht verheißungsvoller. Die Bevölkerungsrelation Europa-Asien sinkt zwar von 1:8 zur Jahrhundertmitte auf 1:7 zum Ende des Jahrhunderts; allerdings ist dies lediglich Folge eines leichten Anstiegs der Lebensbedingungen im asiatischen Raum.

Auch die Bevölkerung Nordamerikas wächst, jedoch nahezu ausschließlich migrationsbedingt; von rund 330 Millionen im Jahr 2000 auf 450 Millionen zur Jahrhundertmitte und 530 Millionen zum Ende des Jahrhunderts. Auch hier besitzt historisch bedingt - wie in Europa - die rassische Perzeption von Teilen der gegenwärtigen Mehrheitsgesellschaft eine wesentliche Bedeutung.

Vor dem dargestellten Hintergrund wird die aktuelle Aufregung in der westlichen Welt verständlich. Man muss kein unterprivilegierter Weißer aus dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten sein, um zu befürchten, dass die angestammten Vorrechte der vergangenen Jahrhunderte in einer sich derart drastisch verändernden Welt keine Zukunft besitzen werden.

Geradezu apokalyptische Vorahnungen hervorrufen kann aus westlicher Perspektive ein Blick nach Südafrika, wo über Jahrzehnte eine zehnprozentige Minderheit den Rest der Gesellschaft brutal beherrschte, nach dem Zusammenbruch dieser Staatsform jedoch jeglicher Privilegien verlustig ging, und nunmehr trotz Wahrheits- und Versöhnungskommissionen größtenteils am Rande einer instabilen Gesellschaft dahinlebt oder bereits ausgewandert ist.

Neben den dargestellten demografischen Entwicklungen der letzten 200 Jahre kommen einschneidenden Veränderungen der Produktionsabläufe in der westlichen Welt hinzu. Stichwort: Globalisierung. Sicher spielen hierbei auch Überlegungen hinsichtlich der Erschließung neuer Märkte eine Rolle; allerdings nur zweitrangig.

Vorrangig geht es um Produktionsbedingungen, die in der westlichen Welt nicht mehr zu finden sind. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die Volksrepublik China und weitere asiatische Staaten, die entweder gar nicht demokratisch verfasst sind oder große demokratische Defizite aufweisen und so bestenfalls als Gesetzesstaaten, wenn nicht sogar als failed states einzustufen sind.

«Gesetzesstaaten haben sich sukzessive zu den Zentren der globalen Massenproduktion entwickelt. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich dieses Verhältnis in den kommenden Jahren noch weiter in diese Richtung verschiebt. (...) Denn teilweise kann in Gesetzesstaaten unter Regelungen des 19. Jahrhunderts bei gleichzeitiger Nutzung der Technologien des 21. Jahrhunderts produziert werden. (...) Mittlerweile existieren ganze Industriezweige, deren Geschäftsmodelle auf der vollständigen Verlagerung der Produktion in Gesetzesstaaten basieren.» (aus Jenseits des Rechtsstaats; John Eichler)

Die Vorteile für global aufgestellte Unternehmen liegen auf der Hand. Deren Partner in den jeweiligen Regionen profitieren durch Einbindung in die volkswirtschaftliche westliche Wertschöpfungskette, was allerdings zu Einbußen in den unteren und mittleren westlichen Gesellschaftsschichten führt, die sich so seit einigen Jahrzehnten unversehens in einem globalen Wettbewerb befinden, ohne ihre Mitbewerber erfassen und ohne selbst globaler Mitspieler zu sein zu können.

Es liegt nahe, dass in den westlichen Gesellschaften jetzt die Stimmen eine schnell wachsende Zuhörerschaft finden, die sich erstens diesen Themen zuwenden und zweitens protektionistische Lösungen zur Absicherung des aktuellen Status' quo offerieren. Insofern muss man sich verdeutlichen, dass es letztlich eigene legislative Maßnahmen der westlichen Welt waren, die die ehemals «Verdammten» (Frantz Fanon), Sklaven, Kolonisierten sukzessive auf eine Stufe mit dem Europäer hievten.

Oft - so erscheint es heute rückblickend - waren diese Entscheidungen zwar humanistisch und philosophisch geboten sowie selbst in den entsprechenden Staatsverfassungen angelegt. Jedoch hatten diese Prinzipien zuvor Völkermord, Versklavung und Kolonisierung auch nicht wirklich unmöglich gemacht. Entscheidend waren stets politischer Zeitgeist und historische Unwägbarkeiten.

Und den Weg an die Spitze beförderte vor Jahrhunderten eben der damalige Zeitgeist in den westlichen Gesellschaften; der Glaube daran, mehr wert also höherwertig zu sein. Man fühlte sich berufen, die Welt zu erobern, zu unterwerfen und zu beherrschen; genauso wie es zuvor andere Zivilisationen in demselben Glauben getan hatten.

Aus diesem Grund muss diese Feststellung wertungsfrei erfolgen, denn sie ist kein Privileg der westlichen Welt. Die Vorstellung von der Zivilisierung des «Wilden» oder dessen Christianisierung dienten der Beruhigung des Gewissens und waren auch ansonsten gut funktionierende Deutungen. Im Kern lag dem Ganzen jedoch stets das feste Wissen um die eigene Höherwertigkeit zugrunde, die den anderen entmenschlichte und erst dadurch dessen Unterwerfung ermöglichte.

Denn der Mensch ist erst und nur Mensch durch die ihm immanente Idee der Goldenen Regel (Regula aurea), die zu allen Zeiten und in jeder Zivilisation bekannt war, und die Immanuel Kant für den modernen Europäer in ihrer vollen philosophischen Tiefe als kategorischen Imperativ zusammenfasste. Völkermord, Versklavung, Kolonisierung sind dem Menschen nur möglich, wenn er den anderen - aus welchen Gründen und mit welcher Begründung auch immer - nicht als (vollwertigen) Menschen anerkennt.

Es wäre verkürzt, den Siegeszug des Europäers in den letzten 500 Jahren auf die Idee der Höherwertigkeit zu reduzieren; ohne diese wäre die Vorherrschaft des Europäers allerdings ebenso undenkbar. Einfach müssen die Zeiten gewesen sein, als diese Idee - oft mit geistlichem Segen - nicht in Zweifel gezogen wurde.

Es könnte beinahe als Ironie der Geschichte verstanden werden, dass die humanistische (europäische) Aufklärung einerseits die westlichen Gesellschaften endgültig an die Spitze katapultierten; andererseits die Rechtsfertigung für Völkermord, Versklavung und Kolonisierung, wodurch die Vormachtstellung der westlichen Welt erst erreicht werden konnte, sukzessive, allmählich, aber nachhaltig pulverisierten.

Heute wissen wir, dass nicht wenige Protagonisten der (europäischen) Aufklärung ihre humanistischen Thesen und Ideen kaum in einem Zusammenhang mit Nicht-Europäern und deren gesellschaftlicher Stellung und Lebensbedingungen sahen, sondern ganz selbstverständlich von unterschiedlichen Wertigkeiten des Menschen ausgingen. Beim Lesen mancher dieser Ausführungen muss einem Angst und Bange werden, denn in der europäischen Aufklärung findet sich auch der pseudo-wissenschaftliche Unterbau der Idee der Höherwertigkeit.

«In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.» (Immanuel Kant, Physische Geographie, S. 316)

Doch die Saat der aufklärerischen Ideen war - rückblickend auch für ihre Verfasser - unberechenbar, führte in historisch kurzer Zeit zu massiven Veränderungen innerhalb der westlichen Gesellschaften und anschließend auch über deren Grenzen hinaus. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Sklaverei nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Einhundert Jahre später konnten koloniale Strukturen nicht mehr gerechtfertigt werden. Wenig später mussten westliche Staaten mit legislativer Ungleichbehandlung von Rassen diese Systeme aufgeben; nach den Vereinigten Staaten zuletzt die Republik Südafrika. Die Entwicklung ging so weit, dass selbst die alte, eine Höherwertigkeit zementierende Sprache einer neuen politisch korrekten Ausdrucksweise weichen musste.

Man könnte von der Menschwerdung des Nicht-Europäers aus der Perspektive der westlichen Welt sprechen und eine geradezu lineare Entwicklung vermuten. Was sicher auch zutrifft. Voraussetzung dieser Entwicklung war allerdings, dass parallel zu dieser Entwicklung auch der Wohlstand in den westlichen Gesellschaften wuchs, wodurch der jeweilige politische Zeitgeist sich den Veränderungen nicht entgegengestemmt hatte.

Denn trotz Sklavenaufständen, Unabhängigkeits- und Bürgerrechtsbewegungen waren demokratische - also mehrheitliche - legislative Maßnahmen in der westlichen Welt Grundlage der Veränderungen. Dass der Weg dennoch ein sehr weiter sein wird, erkannte Alexis de Tocqueville als einer der ersten. In einem wenig beachteten Abschnitt von De la démocratie en Amérique (Über die Demokratie in Amerika) fasste er seine Bedenken Mitte des 19. Jahrhunderts folgendermaßen zusammen:

«Les modernes, après avoir aboli l'esclavage, ont donc encore à détruire trois préjugés bien plus insaisissables et plus tenaces que lui : le préjugé du maître, le préjugé de race, et enfin le préjugé du blanc.» - «Der moderne Mensch muss nach der Abschaffung der Sklaverei noch drei Vorurteile zerstören, die schwerer zu fassen und zäher sind als die Sklaverei selbst: das Vorurteil der Herrschaft, das Vorurteil der Rasse und schließlich das Vorurteil des Weiß-Seins.»

Wohl niemand wird bestreiten, dass der derzeitige politische Zeitgeist ein ziemlich wirrer ist, der teilweise an dem Nutzen der dargestellten Entwicklung zu zweifeln beginnt und dessen zukünftige Verortung nicht wirklich abgeschätzt werden kann. Noch bildet der liberal-humanistische Einfluss der 68er ein veritables Bollwerk gegen altes rassisches Gedankengut. Noch widersprechen rassische Wortmeldungen dem Common Sense der westlichen Gesellschaften und werden von Medien und Politik öffentlich verurteilt.

Doch wie lange noch? Muss Demokratie tatsächlich humanistisch sein? Muss Demokratie jedem einzelnen Menschen den gleichen Wert zugestehen? Können temporäre, gegenläufige Entwicklungen vollkommen ausgeschlossen werden? Sind rassisch «gesäuberte» Demokratien denkbar?

Wie lange noch wird diese letztlich willkürliche Barriere vor den menschenfeindlichen Tendenzen standhalten, wenn die Wohlstandsentwicklung der unteren und mittleren Gesellschaftsschichten in der westlichen Welt stagniert und zukünftig höchstwahrscheinlich sogar rückläufig sein wird?

Das sind unliebsame Fragen der kommenden Monate und Jahre, die jetzt offen gestellt werden; allerdings noch von Personen und Gruppierungen, die auf Sicht keine Mehrheiten hinter sich vereinen können. Doch die bloße Existenz dieser Wortmeldungen, die vor kurzem bestenfalls hinter vorgehaltener Hand geäußert worden wären, hat bereits und wird zukünftig einen jedenfalls mittelbaren Einfluss auf den politischen Willensbildungsprozess in der westlichen Welt haben.

Denn politische Vertreter sind keine gesellschaftlichen Erzieher, sondern sie sind in der Regel dort, wo sich der politische Zeitgeist verortet. Und insofern kann es kurzfristig von geringerer Bedeutung sein, dass ausschließende, protektionistische und teilweise revisionistische Ideen alte Ideen sind, die oft auch noch von älteren Herren vertreten werden. Es mag in der menschlichen Natur liegen, dass man im Alter eher dazu neigt, nichts (mehr) zu entscheiden oder zu dem zurückkehren möchte, was früher einmal funktionierte.

Vermeintlich funktionierte; denn die westliche Welt wurde nicht durch Abschottung groß, sondern indem man sich in kleine Holzschiffe begab und in die Welt hinausfuhr. Die heutigen Verfechter der «guten alten Zeit» hätten den Seeweg nach Indien wahrscheinlich als Verschwörung abgetan und später den Türken aus reiner «berechtigter Sorge» die Wiener Tore geöffnet. Mit ihren - man muss es so mit der gebotenen Vorsicht in einem positiven Sinne sagen - verwegenen Vorfahren haben diese ängstlichen Zeitgenossen rein gar nichts gemeinsam.

Demokratie existierte seit dem antiken Griechenland in jeglicher Form und wahrte oft nicht die simpelsten, heute allgemein anerkannten Menschenrechte. Vieles ist daher möglich und es bleibt abzuwarten, was das 21. Jahrhundert an Überraschungen bereithält. Alt-Right, Brexit, Front National und Pegida waren keine Überraschungen, sondern lediglich Vorzeichen der beginnenden Zeitenwende und nicht von wirklicher Bedeutung.

Mich persönlich interessiert nahezu ausschließlich, wie sich die junge Generation der westlichen Welt, deren Stimme im aktuellen politischen Diskurs (noch) nicht wirklich zu vernehmen ist, in der beginnenden Zeitenwende positioniert, die ihr Leben maßgeblich bestimmen wird.

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