Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

John Eichler Headshot

Am Leipziger Wesen soll das Land genesen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LEIPZIG
Roetting / Pollex / LOOK-foto via Getty Images
Drucken

SpĂ€testens beim morgendlichen Verlassen der Wohnung - noch vor dem Betreten des Aufzugs - legt der außerhalb seiner Heimat oder gar in Berlin lebende Sachse einen Schalter um. Denn nur bei vollster Konzentration können «T» und «P» nicht als «D» und «B» ausgesprochen werden, wird aus «wir» nicht «werr» oder im worst case «mirr».

Regionalstolz auf die sÀchsische Mundart - und das nicht erst seit Ulbricht - ist ein schlechter Ratgeber. Warum der sÀchsische Dialekt selbst bei gebildeten Anwendern vorhandene intellektuelle FÀhigkeiten beinahe vollstÀndig verdeckt, wird wohl auf ewig ein Geheimnis in den Tiefen der germanischen Vergangenheit bleiben.

Dennoch, insbesondere Leipzig hat die nun 26 Jahre im wiedervereinten Deutschland nachhaltig genutzt und gibt jetzt richtig Gas.

Die Sachsen sind sich ihres sprachlichen Handicaps durchaus bewusst. Man mag die eigene Mundart; weiß jedoch auch, damit allein auf weiter Flur zu stehen. In vielen Leipziger Familien gehört es deshalb seit jeher zum festen Bestandteil guter Erziehung, die Sprösslinge von frĂŒhster Jugend an zu ermahnen:

«Sprich nicht SÀchsisch!»

RĂŒckblickend betrachtet entzog sich jedoch selbst eine solche Ermahnung selten dem gemĂŒtlichen Charme des SĂ€chsischen. Denn das in Sachsen noch als Hochdeutsch Geltende enthĂŒllt spĂ€testens bei einem Besuch außerhalb des Freistaats seine wahre Natur.

Goethe: «Mein Leipzig lob' ich mir; Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leut'.»

So sah es Goethe und formulierte mit diesem Satz den Anspruch etlicher Leipziger Generationen; und zwar quer durch alle Schichten, sodass es dieser Stadt schon grundsÀtzlich widerstrebt hatte, im kollektiven sozialistischen Einheitsbrei aufzugehen.

Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Verschwinden der DDR, steht fest, dass dieses letztlich kurze sozialistische Kapitel keine wirklichen Spuren im Wesen der Stadt hinterlassen konnte.

Vielleicht auch deshalb, weil sich die regimetreuesten Leipziger nach ihrem Dienst an der Berliner Grenze («Gönn Se ma n Gufforraum offmachn.») in Treptow oder Hohenschönhausen ansiedelten, dort heute der Linkspartei veritable Mehrheiten verschaffen, aber so ihrer sÀchsischen Heimat dauerhaft erspart blieben.

Das Gegenteil eines Brain-Drains, wovon Leipzig, anders als die bundesdeutsche Hauptstadt, der bis auf den touristischen Ansturm und exzessive Parkraumbewirtschaftung im Grunde gar nichts gelingt, bis zum heutigen Tag profitiert. (NatĂŒrlich fehlen der Stadt, wie in ganz Ostdeutschland, dennoch all jene, die dem Arbeiter- und Bauernstaat nach dessen GrĂŒndung den RĂŒcken gekehrt hatten.)

Friedrich der Große beschrieb die Sachsen in dem von ihm selbst verfassten Buch (Die Geschichte meiner Zeit) folgendermaßen:

«Sachsen ist eines der reichsten deutschen LĂ€nder, dank der Fruchtbarkeit seines Bodens, dem Gewerbefleiß seiner Untertanen und der BlĂŒte seiner Fabriken.»

Bemerkenswert wird diese EinschĂ€tzung dann, wenn man die nach heutigen MaßstĂ€ben durchgĂ€ngig politisch inkorrekten AusfĂŒhrungen Friedrichs zu den sonstigen europĂ€ischen Staaten und deutschen LĂ€ndern liest.

Die Sachsen sind in Friedrichs Gesamtschau die Einzigen mit positiven Attributen Bedachten. Seherische FĂ€higkeiten möchte man ihm bei Betrachtung der jĂŒngsten statistischen Erhebungen unterstellen. In ganz Deutschland existieren derzeitig zwei StĂ€dte, die - ohne Zuzug - aus sich selbst heraus wachsen, wo mehr Menschen geboren werden als sterben.

Leipzig ist eine dieser beiden StÀdte; ein Leuchtturm in der sonstigen ost- und mittlerweile auch bundesdeutschen Zögerlichkeit und von Diskussionen um Mindestlöhne und ZukunftsÀngste geprÀgten Tristesse. Auch ohne NÀhe zu den alten BundeslÀndern oder zur Hauptstadt schÀtzen mehr und mehr Westdeutsche die andere AtmosphÀre der Stadt.

FĂŒr Studenten und Auszubildende ist Leipzig seit langem ĂŒber die Landesgrenzen hinaus zu einem Magnet geworden. Auch wissen Eltern, dass ihre Kinder - so wie es Goethe formulierte («... und bildet seine Leut'») - in Leipzig eine deutlich ĂŒber dem bundesdeutschen Durchschnitt liegende Schulbildung erhalten. Seit Jahren ist Sachsen fĂŒhrend im Bildungsranking.

Und die Wirtschaft? Nun die Leipziger Wirtschaft schert gerade nach ganz weit auf die Ă€ußerste Überholspur der bundesdeutschen Autobahn aus. Leipzig strebt zurĂŒck zu der alten StĂ€rke, die schon Friedrich der Große beschrieb.

Aktuell leben 560.472 Menschen in Leipzig. Nur 30 Kilometer entfernt befindet sich Halle mit 236.991 Einwohnern. Insgesamt leben im Ballungsraum Leipzig/Halle 1,1 Mio. Menschen. Im Norden und Nord-Westen Leipzigs entstand eine der wenigen Boom-Regionen in Deutschland.

Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Fertigstellung des Flughafens Leipzig/Halle Mitte der 90er Jahre; ohne ICE-Anbindung, wohl wegen des bereits damals in Planung befindlichen Berliner Großflughafens BER. Ein Schelm, der Böses denkt.

Die Anfang der 2000er Jahre eröffneten - damals noch kleinen - Produktionsstandorte von BMW und Porsche entwickelten sich zu den ersten Jobmaschinen der Region.

BMW beschĂ€ftigt mittlerweile 5.200 Mitarbeiter; Porsche 2.500, die zusammen tĂ€glich ca. 1.500 Fahrzeuge produzieren. Die dortigen Leipziger Autobauer arbeiten wöchentlich vier Stunden mehr als ihre sĂŒddeutschen Kollegen. Was soll's! DHL beschĂ€ftigt auf seinem Hub am Flughafen Leipzig/Halle mehr als 4.000 Mitarbeiter.

Die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung zog ein Erstarken sowie die Neuansiedlung etlicher mittelstÀndischer Unternehmen nach sich, die beginnend vom Ballungsraum Leipzig/Halle bis in die alte Chemnitzer Industrieregion viele ArbeitsplÀtze schufen. Meldungen, dass beispielsweise bei einem Telekommunikationsunternehmen 600 neue ArbeitsplÀtze in Leipzig entstehen, sind mittlerweile Randnotizen in der Leipziger Presselandschaft.

Der WirtschaftsbĂŒrgermeister der Stadt Leipzig rĂ€umte in seiner Rede auf dem diesjĂ€hrigen 275. Stiftungsfest einer altehrwĂŒrdigen wiederbelebten Vereinigung der Stadt freimĂŒtig und sehr entspannt wirkend ein, dass man kaum noch wisse, wohin mit all den Steuereinnahmen.

Leipzig hat deutlich mehr geschafft, als dem Inbild des Ossis jemals zugetraut worden war. Doch die Stadt gibt jetzt im zaudernden gesamtdeutschen Umfeld erst richtig Gas. Es gehört mittlerweile zum guten Ton, einen Standort in Leipzig - oder zumindest mit NĂ€he zu Leipzig - zu unterhalten. FĂ€hige Mitarbeiter fĂŒr alle Ebenen finden sich hier - siehe Bildungsranking - zuhauf.

Und ist ein Unternehmen erst einmal in Reichweite, greift das Leipziger Wesen zu; nicht aggressiv, sondern nachhaltig und wohltemperiert.

«Wohltemperiert», was heißt das? Komplex und alt sind die sittlichen Regeln und ebenso ist das soziale GefĂŒge der Handels-, Musik-, UniversitĂ€ts-, Verlags- und Messestadt, wodurch - so die kĂŒhne These des Textes - das besondere Wesen des Leipzigers hervorgebracht wurde. Zusammenfassen lĂ€sst sich dieses GefĂŒge am besten als «wohltemperiert».

Denn der Leipziger ist in diesem bach'schen Sinne von jeher ein balancierter BĂŒrger seiner mehr und mehr in altem Glanz erstrahlenden Stadt, die vor dem zweiten Weltkrieg Heimat fĂŒr mehr als 700.000 Einwohnern war und an die 40 Konsulate beherbergte.

Wirtschaftlicher Erfolg, Wissen, Anstand, Leistung und Engagement fĂŒhren in Leipzig nur im Zusammenspiel zu stĂ€dtischem Ansehen.

Verkörpert wird dieses Zusammenspiel schon in der Idee des geheimen Ganges, der die schon im Jahre 1409 gegrĂŒndete und dadurch zweitĂ€lteste deutsche durchgehend bestehende UniversitĂ€t (Alma Mater Lipsiensis) mit dem Auerbachs Keller verband, damit die Professoren nach nĂ€chtlichen Trinkgelagen nicht torkelnd in den stĂ€dtischen Gassen auffielen, sondern unbemerkt durch die mehrstöckig tiefen Lagerkeller der Leipziger Kaufleute heimkehren konnten.

Denn in Leipzig mochte man es seit jeher leise, und man ist nach wie vor leise.

ZurĂŒckhaltung ist fĂŒr den Leipziger eine SelbstverstĂ€ndlichkeit; man könnte sich schließlich auch irren.

Schon sein Dialekt verbietet dem Leipziger lautstarke Wortmeldungen - insbesondere in Runden mit AuswĂ€rtigen aus dem Rheinland, Hamburg oder gar Berlin. Hinterfragen die anderen regelmĂ€ĂŸig jeden Buchstaben einer Wortmeldung mit sĂ€chsischem Zungenschlag allein schon wegen des eigentĂŒmlichen Singsangs, so zwingt dieser Umstand den Leipziger, jedes Komma und jeden Punkt zu prĂŒfen, bevor er das Wort ergreift.

Um das Leipziger Wesen zu verstehen, muss man sich ferner verdeutlichen, in welcher rĂ€umlichen Enge sich geistiges Leben, Kultur und Handel ĂŒber Jahrhunderte entwickelten; Ă€ußerst erfolgreich entwickelten - nur kurz unterbrochen vom sozialistischen Intermezzo.

Das historische Leipzig mit UniversitĂ€t, Oper, Gewandhaus, Messe, HandelshĂ€usern, Thomas- und Nikolaikirche ist sowohl von Nord nach SĂŒd als auch von West nach Ost in wenigen Minuten durchschritten; selbst das Umlaufen ist in weniger als einer Stunde möglich.

Bis zum heutigen Tag spielt sich auf dieser winzigen FlĂ€che, die der Leipziger «die Stadt» nennt und die ein Aus-dem-Weg-Gehen unmöglich macht, alles ab. Dörflich mĂŒsste man es nennen, wĂ€re Leipzig nicht die zehntgrĂ¶ĂŸte und demnĂ€chst - wegen eines Bevölkerungszuwachses von knapp 20.000 pro Jahr - bald die achtgrĂ¶ĂŸte deutsche Stadt.

Der gemeinschaftliche Druck zur Einhaltung der etlichen ungeschriebenen Regeln und Sitten ist in Leipzig hoch; zwar leise, aber dennoch unnachgiebig. Aufstehen in der Straßenbahn, Vortritt lassen, TĂŒren aufhalten, behilflich den Weg zeigen, PĂŒnktlichkeit, Genauigkeit, ZuverlĂ€ssigkeit, LĂ€rmvermeidung - alles Verhaltensweisen, die in Leipzig geschĂ€tzt; deren Nichtbeachtung aber besonders verĂŒbelt werden. Hinzu kommen viele regionale Besonderheiten, die dem gemĂŒtlichen Naturell des Leipzigers entsprechen. Nur ein Beispiel:

Am Morgen Brötchen beim BÀcker zu kaufen, ohne eine kurzes Wort mit der VerkÀuferin zu wechseln, ist möglich, aber nicht ratsam, wenn man in Leipzig heimisch werden möchte.

Ein wesentlicher Grund fĂŒr die Ablehnung von Wessis, Fremden und - seit jeher - Berlinern, die mit einem solchen Umgang eher fremdeln, ist hier zu finden. Vor allem dann, wenn diese lĂ€ngere Zeit oder gar dauerhaft in Leipzig bleiben wollen. Kurzzeitige Besucher hingegen werden, selbst wenn sie mit Turban kĂ€men, gastfreundlich, zuvorkommend und höflich empfangen.

Das gebietet schon die Leipziger Pflicht zur Beachtung der Sitten und wohl auch der HĂ€ndlergeist. Allerdings projiziert der Leipziger auf die Gegenseite dieselben Erwartungen. Werden diese dann nicht erfĂŒllt, empfindet der Leipziger starke Abneigung, die allerdings - dem Leipziger Wesen entsprechend - nicht unbedingt, schon gar nicht unmittelbar und wenn dann leise zum Ausdruck gebracht wird.

2016-09-21-1474441583-4087047-2016_OldTownHall_Leipzig.jpg
Altes Leipziger Rathaus, © 2016 John Eichler
 

Diese ZurĂŒckhaltung, das «Leise», die Scheu vor offenen Konflikten könnte einem stark ausgeprĂ€gten HarmoniebedĂŒrfnis entspringen. Ca. 4.000 Jahre nach der Cheops-Pyramide war das im Jahre 1557 fertiggestellte (alte) Leipziger Rathaus das erste GebĂ€ude, dessen LĂ€ngsfassade mit dem Rathausturm durchgĂ€ngig im Golden Schnitt errichtet worden war.

Dieses mathematische VerhĂ€ltnis, bei dem die grĂ¶ĂŸere von zwei Strecken sich zur kleineren verhĂ€lt wie die Summe aus beiden zur grĂ¶ĂŸeren, wird in Kunst und Architektur als Inbegriff von Harmonie bezeichnet. Ob der Anblick des alten Rathauses das harmonische Wesen der Leipziger gefördert haben könnte, wĂ€re reine Spekulation.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Doch liegt eine solche Intention des Kaufmannes und damaligen BĂŒrgermeisters Hieronymus Lotter nahe, um die Leipziger beim Anblick des RatsgebĂ€udes wohlwollend zu stimmen. Irgendetwas wird er sich mit seinen Baumeistern Speck und Widemann schon gedacht haben.

Und der anschließende Erfolg der Leipziger Stadtverwaltung, die ziemlich genau 350 Jahre aus dem alten Rathaus heraus wirkte, spricht fĂŒr sich sowie dafĂŒr, dass die Harmonie der Fassade auch nach innen ausgestrahlt haben musste.

Leise, selbstkritisch und reflektierend durch den Dialekt. Genau, zuverlÀssig und nachhaltig arbeitend in der Tradition der erfolgreichen Handelsstadt. Durch Bach, Mendelssohn Bartholdy und das Gewandhaus schöner Musik zugetan.

Stolz auf die Szene aus Goethes Faust im Auerbachs Keller, die Nikolaikirche mit den Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 und den grĂ¶ĂŸten sowie - mit weitem Abstand - schönsten Kopfbahnhof Europas.

So möchte ich den Leipziger im Jahr 2016 beschreiben. Wer sich als Zugereister, Unternehmer oder Tourist darauf einlĂ€sst und ZurĂŒckhaltung nicht als SchwĂ€che interpretiert, wird mit Sicherheit nicht enttĂ€uscht werden.

2016-09-21-1474442509-8551370-2016_CentralStation_Leipzig.jpg
Leipziger Hauptbahnhof, © 2016 John Eichler
 

Man wird sehen und kann es im Grunde bereits erahnen, wo Leipzig und der Freistaat im gesamtdeutschen Ranking zur Mitte des Jahrhunderts stehen werden, und inwiefern einigen Töchtern und Söhnen der Stadt eine RĂŒckkehr in die Schaltzentralen von Politik, Wirtschaft und Kultur gelingt.

Sicher wird in den kommenden Jahren der Berg auch noch verstÀrkter zum Propheten kommen; wie dies BMW, Porsche und DHL bereits getan haben. Denn das alte sÀchsische Sprichwort gilt wieder:

«In Chemnitz wird das Geld erarbeitet; in Leipzig wird es vermehrt; und in Dresden (leicht abgewandelt) kann es wieder ausgegeben werden.»

Die Aufgabe des Leipzigers wird es gleichwohl sein, auch die sĂ€chsische Diaspora als lebenswerten Ort anzunehmen, in das Land auszuströmen, dabei das ihm eigene Wesen in seinem Herzen zu bewahren und sich dem lauteren, oft allwissend auftretenden, von sich ĂŒberzeugten bundesdeutschen Wesen mit etwas Großmut zu stellen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂŒr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.