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Hallo, mein Name ist John und ich bin Alkoholiker

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAD MAN
Sarah Small via Getty Images
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Als ich meinen ersten Vollrausch hatte, war ich 18 Jahre alt. Es passierte im Mädchen-Schlafsaal. Für diese Geschichte ist das wichtig, denn:

  • Ich habe mich tatsächlich mit Frauen unterhalten.
  • Ich habe zum ersten Mal erhebliche Mengen Alkohol getrunken.
  • Jeder hat über meine dummen Witze gelacht.

Noch am selben Abend war ich überzeugt davon, Blut zu kotzen (Es war kein Blut; ich hatte nur versucht, Whisky mit Fruchtpunsch runterzuspülen). Am Tag darauf war ich eine Legende.

Ich hatte keine besonderen physischen oder sozialen Fähigkeiten, lediglich meine übermächtige Leber.

Von da an respektierten mich die anderen Jungs. Nur die Mädchen luden mich nie wieder zu ihnen ein. Niemand wirkt besonders charmant, während er sich die Seele aus dem Leib kotzt.

So begann meine Karriere als Säufer. Sie dauerte fast 15 Jahre. Ich trank wie ein echter Mann. Zumindest erzählte ich mir das selbst. Ende der Geschichte.

Okay, ich habe versprochen, zu erklären, warum Männer trinken und ich möchte versuchen, mein Versprechen zu halten.

Männer trinken, weil es verdammt hart ist, ein Mann zu sein

Ich habe für gewöhnlich kein Problem damit, Vorurteile über Männer und Frauen in die Welt zu setzen. Das kann sich auszahlen. Ich versuch es mal so: Männer trinken, weil ein Mann zu sein, eine verdammte Belastung ist - richtig?

Es ist hart, sich die ganze Zeit wie ein Mann zu verhalten, Es bedeutet, ständig seine Emotionen runterzuschlucken, Insekten mit Hausschuhen zu erschlagen, Dinge zu öffnen, die niemand anderes öffnen kann und Frauen die Welt zu erklären. Das ist furchtbar anstrengend.

Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung, warum Männer trinken. Ich denke diese Frage können Marketingexperten am besten beantworten. Die verstehen genau, was uns anmacht.

Ich weiß auch nicht, warum Frauen trinken, denn ich bin keine. Meine ältere Schwester hat mir das immer vorgeworfen. Aber nie besonders lang, weil sie kurz darauf immer sagte, wie lieb mich hat. Schwestern können etwas tolles sein.

Eigentlich weiß ich überhaupt nichts außer, dass ich aufgehört habe zu trinken und ein Mann bin. Die viel wichtigere Frage ist sowieso, warum Männer aufhören zu trinken. Wenn sie das überhaupt können.

"Hi, ich bin John und ich bin Alkoholiker"

Warum habe ich aufgehört zu trinken? Wieso bin ich nüchtern geworden? Ich werde es dir gerne erzählen.

Doch als erstes: "Hi, ich bin John und ich bin Alkoholiker". Nein, nein, du musst jetzt nicht antworten. Das hier ist kein Treffen der Anonymen Alkoholiker. Du bist wahrscheinlich nicht mal einer.

Vielleicht trinkst du zu viel? Oder es war mal wieder einer dieser Tage, Wochen, Monate....? Hast du dich diese Woche schon ins Koma gesoffen? Bist du hacke während du diese Geschichte liest? Ich hoffe nicht, denn dann ist das hier ist ein richtiger Stimmungskiller.

Ich war nie ein normaler Problemtrinker. Die gibt es, wie Sand am Meer. Ich gehöre zu denen, die nie wieder trinken können. Ich musste aufhören, zu trinken. Sonst wäre ich heute tot. Oder - noch schlimmer - todeslangweilig.

Ich wünschte, ich hätte einen dieser legendären Momente der Klarheit gehabt. Doch das blieb mir verwehrt. So ein Moment hätte meinen Vorschlag für ein eigenes Buch weitaus spannender gemacht. Doch ehrlich gesagt, gibt es keine nervtötendere Geschichte, als die eines Abhängigen.

Wenn ich die Wahl gehabt hätte, sähe meine Geschichte so aus: Ein attraktiver, nachdenklicher Trinker, fährt seinen Sportwagen in den East River, lernt dann in der Entzugsklinik von einem weisen und exzentrischen Alkoholiker eine wichtige Lebenslektion und kauft - letztendlich - einen neuen Sportwagen. Doch das ist nicht meine Geschichte.

Der Grund warum ich mit dem Trinken aufhörte, ist viel einfacher: Das Finanzamt pfändete mein Bankkonto, weil ich es versäumt hatte, Steuern zu zahlen - ein typischer Amateur-Junkie-Fehler eben.

Warte mal, das war gar nicht der Grund. Ah, richtig! Mein Boss drohte mich zu feuern, wenn ich noch einmal besoffen auf Sendung gehen würde. Was ich als Moderator einer Radiosendung über Männer-Sachen ("Titten, Speck und Bier") natürlich regelmäßig tat.

Aber auch das war nicht der echte Grund. Die Wahrheit ist, ich habe Menschen zum weinen gebracht, die ich liebe.

Ich habe viel Zeit bewusstlos in öffentlichen Verkehrsmitteln verbracht.

Ich habe ständig mit leblosen Objekten gekämpft und, oh ja, ich hatte auch die beschissene Eigenschaft, nie Verantwortung für meine Taten zu übernehmen. Eine meiner leichtesten Übungen.

Eines Tages hörte ich auf zu trinken, denn ich hatte so gut wie nichts mehr vorzuweisen. Sicher, ich hatte genug zu essen und definitiv genug zu trinken. Ebenso hatte ich eine angemessene Menge an "Titten, Speck und Bier". Doch was ich hatte, reichte gerade so zum überleben. Das dachte ich zumindest.

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Glücklicherweise gab es ein paar Menschen in meinem Leben, die mich im Auge behielten. Ich spielte Russisch Roulette mit dem Universum - und riskierte dabei, rückwärts vom Stuhl zu fallen.

Es wäre wohl unehrlich zu sagen, dass ich Glück hatte. Die Liebe meiner Freunde als Glück zu bezeichnen, ist Quatsch. Das Leben ist keine Lotterie. Diese Leute sind für dich da, oder eben nicht.

Warum ich so viel gesoffen habe

Eine Sache, die man lernt, wenn man Alkoholiker ist: Nur weil man plötzlich nüchtern ist, heißt das nicht, dass man ein guter Mensch ist. Ha, ha, Gott nein. Ich will trotzdem ehrlich sein. Der Grund, warum ich gesoffen habe, war der gleiche Grund, warum ich damit aufhörte: Ich hatte Angst.

Alkohol ist ein ineffektiver Bewältigungsmechanismus. Ich trank, weil ich Schmerzen hatte. Ich trank wenn ich gewann und wenn ich verlor. Ich trank wenn ich Einsamkeit und soziale Ängste bekämpfen wollte. Ich trank, wenn ich aufwachte, wenn ich nicht aufstehen konnte, um anzugeben, um zu verschwinden.

Ich wollte dazugehören, ich wollte rebellieren, ich wollte tanzen, schwitzen, weinen - ich wollte mich in eine Wolke von Molekülen auflösen und mich dann wieder zusammensetzen, nur um dann genau so abgefuckt wie vorher zu sein.

Deswegen trank ich. Freitag oder Montag oder am schlimmsten - Mittwochs. Ich trank weil Rotwein verdammt gut zu jedem Stück passt, dass du von dir auffrisst. Roh.

Ich hing mit einer Menge Menschen rum, die genau so waren wie ich. Typen, die mit mir ausgingen und dabei drei Bier tranken. Das waren schräge Vögel. Drei Bier? Was für liebenswürdige, freundliche und anständige Menschen.

Wir beschwerten uns über unsere Chefs, oder unsere Freundinnen, oder einfach nur über das Leben.

Wenn ich sie überzeugen konnte, noch ein viertes Bier zu trinken, dann umarmten wir uns alle. Männer drücken Gefühle zueinander nur aus, wenn sie besoffen sind. Das ist ein Gesetz. Im Anschluss würden die Jungs nach Haus gehen. Ich blieb für gewöhnlich noch und trank drei weitere Drinks mit irgendeinem anderen Stammgast.

Ich trank mit Verkäufern, weil sie oft Getränke spendierten. Ich trank mit Sportlern, Anwälten und Schauspielern. Wir alle hatten eine Sache gemeinsam: Angststörungen, die wir als Männer nicht ausdrücken könnten. Denn Männer müssen hart sein, wie Beef Jerky.

Mit den Freunden, die mehr als drei Bier vertrugen, fanden ich mich oft auf der Toilette wieder. Wir schnupften Kokain und Baby-Abführmittel von Schlüsselspitzen. Ich habe eine Menge Zeit in einer fensterlosen Polizisten-Kneipe in Queens verbracht. Polizisten sind die Champions der Säufer.

In solchen Kellerkneipen gibts es keine Gratis-Pizza. Es ist auch kein Ort, für Studentenverbindungen um "Beer-Pong" zu spielen. Es ist ein sicherer Ort für unglückliche Menschen, die ihre Trauer in Alkohol ertrinken wollen.

"Glaubst du ich bin Alkoholiker?"

Als ich anfing, meinen Freund zu gestehen, dass ich Alkoholiker bin, hatten sie drei verschiedene Antworten. Entweder sie fingen an, mir zu erklären, dass sie selbst keine seien. Dann würden wir stillschweigend da sitzen und nach ein paar Momenten über etwas anderes reden.

Die zweite Variante enthielt folgende Frage: "Glaubst du ich bin Alkoholiker?" Ich antwortete stets: "Ich weiß es nicht, bist du?"

Andere würden sich erst entschuldigen und dann zurückschrecken. Als ob sie Angst hätten, sich mit einer hoch ansteckenden Krankheit zu infizieren.

Deswegen sind die meisten 12-Punkte-Pläne auch anonym. Denn sobald du einmal zugegeben hast, ein Alki zu sein, bist du automatisch ein sozialer Außenseiter.

Der einzige Grund warum ich öffentlich darüber schreibe, ist die Tatsache, dass ich als Säufer eh schon ein Außenseiter war. Also warum nicht zugeben, dass man mit den Nerven am Ende ist. Das gleiche gilt für dich und für alle anderen auch. Wir werden so geboren. Manche von uns haben allerdings auch ihre gute Seiten.

Von dem Zeug wieder runterzukommen ist eine einsame Aufgabe. Zumindest war es das für mich. Ich ging zu Treffen der Anonymen Alkoholiker, sah Menschen dabei zu, wie sie einem Haufen Fremder ihre Schwächen eingestanden. Das sieht man in unserer Gesellschaft eher selten.

Stärke hat bei uns einen hohen Stellenwert. Wir Amerikaner lieben eine solide Fassade. Bei diesen Treffen fand ich heraus, dass es zwei Typen von Menschen gibt, die auf Entzug gehen: Die, die sehr früh aufhören, weil sie ihr Auto um einen Baum gewickelt haben und die, die mit fünfzig alles verloren haben: Familie, Job, Respekt. Ich war eine Mischung aus beiden.

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Alle meine Freunde tranken weiter. Ich wusste das, weil sie mich nicht mehr einluden. Vielleicht trinken Männer, weil andere Männer trinken.

Endlich gestand ich meiner Schwester, Alkoholiker zu sein

Ich war seit ein paar Wochen trocken, als ich meiner Schwester am Telefon gestand, Alkoholiker zu sein. Das waren harte Tage für mich. Einmal habe ich zu Hause losgeheult, weil im Radio KT'
Tunstall's "Suddenly, I See" lief. Das ist nicht gerade ein Zeichen für einen emotional stabilen Menschen.

Meine Schwester akzeptierte mich wie ich war - das tat sie schon immer. Irgendwann fing sie an, Witze über mich zu machen. Wir lachten darüber. Sechs Monate später schrieb ich ihre Todesanzeige - nüchtern.

Sie starb plötzlich im Alter von 46 Jahren. Ich denke nicht, dass ich mich besoffen hätte dazu überwinden können, die Anzeige zu schreiben. Auch wenn ich damals dringend einen Drink wollte. Ich wollte ein Dutzend. Doch ich blieb hart. Meinen Schmerz in Whisky zu ertrinken, hätte sie auch nicht wieder lebendig gemacht.

Es tut mir Leid, wenn ich dir nicht helfen konnte

Willst du zum Schluss eine kleine Geschichte über Glück hören? Sie handelt von einem Mann der zu trinken aufhörte, weil er seiner Schwester für immer "Lebe wohl" sagen musste.

Es tut mir wirklich Leid, wenn du wissen wolltest, warum Männer trinken und ich dir keine richtige Antwort darauf geben konnte. Hier ist eine schnelle und einfache: Männer trinken, weil in Stadien Bier verkauft wird. Sie trinken aber auch, weil jeder Mensch im Inneren verängstigt und verloren ist.

Vielleicht trinken Männer auch weil Gott dachte, es wäre eine gute Idee, uns mit leckeren nervenberuhigenden Getränken zu versorgen. Leider haben es einige seiner Kinder zu weit getrieben. Aber das liegt nicht an Gott, sondern an uns.

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Wenn du denkst du trinkst zu viel oder dich fühlst, als ob du keine Kontrolle über dich hast, oder du einfach nur aufhören willst: Rede mit deinen Freunden oder einem Experten. Es gibt unzählig viele Fachleute, die zwar nicht deine Freunde werden, aber die dennoch helfen wollen.

Alkoholismus kann, genau wie Depressionen, dich in einem dichten Nebel einhüllen. Diese Menschen sind dabei sind wahre Nachtlichter. Niemand kann den Nebel alleine bekämpfen.

Wenn du ein wirklich männlicher Kerl bist, der noch nie nach Hilfe gefragt hat - vergiss das! Verhalte dich wie ein Mensch. Sei ein Held und mach dich bemerkbar. Du wirst geliebt, vertrau mir.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com. Er wurde von Julius Zimmer aus dem Englischen übersetzt und zur Veröffentlichung angepasst.

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